Ich gebe es zu: Bis letztes Jahr habe ich mich beharrlich des iPads verweigert. Im Gespräch mit Kollegen oder befreundeten Designern habe ich stets die »Gadget-Nerds« belächelt. Und nun das: ich habe mir nun auch so ein Teil angeschafft. Im Folgenden beschreibe ich meine ersten Eindrücke nach zwei Wochen Benutzung und warum Screen-Typografie eine neue Dimension erreicht.
Die Sicht eines Printdesigners
Für mich als typografischen Gestalter sind Printerzeugnisse aus der Druckmaschine das Maß aller Dinge. Das ist einfach eine Sache der Kondition, der intensiven Beschäftigung mit Schrift und Typografie im Print und deren Produktionsbedingungen. Die Haptik des Papiers, der Geruch von frischer Druckerfarbe oder der Atem eines Jahrzehnte alten Buches formen einen sehr sinnlichen Erfahrungshorizont. Eines haben alle gedruckten Medien gemeinsam: die Gestaltung ist so fest und unverrückbar, wie die Pyramiden von Gizeh. Und das ist der knackende Punkt: Statik war gestern, Flexibilität ist heute. Wir leben in einer postindustriellen Zeit, in der das Internet unseren Alltag auf den Kopf stellt. Digitale Kommunikation und Vernetzung ist der absolute Megatrend. Alles ist im Fluss, Informationen wandern dank twitter, Facebook & Co. schneller um den Globus, als es die klassischen Medien zu vermitteln in der Lage sind. Schrift ist letztlich nur eine Anhäufung von digitalen Einsen und Nullen, die beliebige Formen annehmen kann. Die klassische, nach bestem handwerklichen Können und Gefühl festgezurrte Typografie gibt und gab es im Internet nicht (mit Ausnahme von Flash). Das finde ich einerseits bedauerlich, weil ich im Print gewohnt bin, Kontrolle im 1/100 Geviert-Bereich zu haben. In der digitalen Welt gibt es diese Feinheiten so nicht, denn die Form des Contents ist zunächst Nebensache. Erst die Ansteuerung auf das Endgerät entscheidet, wie die Information visualisiert wird. Die typografische Darstellung generiert sich aus den technischen Gegebenheiten. Jeder Browser rendert Schrift anders, das Betriebssystem hat Einfluss auf die Darstellung der Schrift. Eine Website kann sich dank Responsive Design auf einem Smartphone oder Tablet anders aufbauen, als auf dem Desktop-Browser.
Meine Gründe für die Anschaffung des iPad
Ich bin ein Viel-Leser, der zwar nach wie vor Bücher, Magazine und Zeitungen konsumiert, aber schon die letzten Jahre quantitativ mehr auf dem Bildschirm liest. Es musste also ein Zweitgerät für den digitalen Medienkonsum her, auch um Arbeit und Freizeit wieder ein Stück besser zu trennen. Feierabend-Surfen von der Couch und schnelles Checken der Mails schienen mir auf einem Tablet eleganter und bequemer, als vom Arbeitsrechner aus.
Unter gestalterischen und typografischen Aspekten hat mich brennend interessiert, welche Möglichkeiten Apps, iBooks und Response Websites bieten. Zwei der im Vorfeld herbeigesehnten Apps waren Instapaper und Readability. Diese Tools ermöglichen es dem Nutzer, Artikel abzuspeichern und on- oder offline zu lesen. Das geniale daran ist die vereinfachte Darstellung als linearen Fließtext mit hochwertigen Schriften, die sich gut bis sehr gut für die Darstellung auf dem Screen eignen. Instapaper bietet u.a. Lyon Text (Commercial Type), Elena (Process Foundry), Tisa (FontShop), Ideal Sans (Hoefler & Frere-Jones). Readability setzt komplett auf Schriften aus dem Hause Hoefler & Frere-Jones: Whitney, Sentinel, Mercury, Gotham Narrow und Vitesse. Ich werde in einem eigenen Artikel noch genauer auf die ein oder andere hier genannte Schrift zu sprechen kommen.
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Was sich zunächst nur wie zwei komfortable Lese-Apps andeutete, stellt für mich tatsächlich eine Evolution der Bildschirm-Typografie dar.
1. Der Text wird von störendem Ballast (konkurrierende Artikel, Werbung, Interface, etc.) befreit. Der Text steht ganz pur auf dem Display, ggfs. begleitet durch eingebundene Bilder. Meine Aufmerksamkeit ist durch nichts gestört.
2. Ich selbst habe nun einen deutlichen Einfluss darauf, wie ein Text dargestellt wird (Schriftart, Schriftgrad, Kolumnenbreite, Zeilenabstand, positiv, negativ).
Natürlich bleibt die Textstruktur erhalten und sehr aufwendige Artikel mit verschachtelten Texthierarchien werden nicht unbedingt besser. Aber ein klassischer, linearer Artikel wird zu einem Genuss: er regt zu Gedankengängen und Assoziationen an, neue Verknüpfungen können leichter entstehen. In Kombination mit dem fantastischen, hochauflösenden Retina-Display bereitet das alles einfach sehr viel Freude.
Das Retina-Display
In der Berichterstattung über das neue iPad war und ist das Retina-Display Thema Nummer 1. Zu Recht. Die Darstellungsqualität ist sehr gut, denn die Auflösung hat sich um den Faktor 2 vergrößert. Ein Pixel im iPad der Vorgänger- Generationen wird nun durch 2x2 Pixel dargestellt. Bei normalem Leseabstand sind einzelne Pixel nicht mehr bewusst sichtbar. Die Farbdarstellung und Hintergrundhelligkeit ist hervorragend. Schrift steht unglaublich klar und kontrastreich auf dem Display. Während bei einem normalen Monitor irgendwann Schicht im Schacht ist, Schrift nur noch als eine Anhäufung von schematisch angeordneten Pixeln erscheint, sind hier noch deutliche Buchstabenformen mit charakteristischen Eigenschaften zu sehen.
In meinem Blog verwende ich die Fedra Sans Screen als Schrift. Der Regular-Schnitt wird auch auf einem normalen Monitor hervorragend dargestellt, aber der fette Schnitt schmiert in kleinen Schriftgraden zu. Auf dem iPad ist das nicht der Fall, selbst in relativ kleinen Schriftgraden wird der Schnitt sauber gerändert (Safari) und ist noch gut lesbar. (Der Screenshot gibt die reale Qualität nicht annähernd wieder.)
Alles besser dank 264 ppi?
Designer und Typografen streiten momentan darüber, ob die scharfe Schriftdarstellung gut oder ein zu Viel des Guten ist. Die Frage kann ich vorerst nicht beantworten, auch wenn die Begeisterung für die präzise Darstellungsqualität noch anhält. Ein Manko ist aber die etwas kühle, leicht sterile Anmutung der Schriften. Im Vergleich dazu wirkt das Schriftbild auf einer gedruckten Seite wärmer, was u.a. am geringeren Kontrast liegt. Schrift kommt mit nicht voll deckendem satten Schwarz aus der Druckmaschine, und das verwendete Papier hat in der Regel einen mehr oder weniger wahrnehmbaren leichten Gilbton (richtig rein-weißes Papier hat dagegen einen leichten Blaustich). Wie sich das Retina-Schrift-Empfinden entwickeln wird ist sicherlich eine Sache der Gewohnheit aber auch eine Frage, welche Lösungen man für die Kontrastproblematik finden wird.
Eine Sache allerdings stört dann aber doch gewaltig: pixelbasierte Interfaces und viele Fotos wirken leider verwaschen, da sie hochinterpoliert werden müssen. Dieses Problem ist aber eine ganz eigene, große Baustelle.
Handgefühl
Das Tablet ist in seiner puren Form natürlich ein Hingucker und Handschmeichler. Es liegt gut in der Hand, auch wenn sich das Gewicht nach einer Weile des Haltens bemerkbar macht. Das Display ist bei maximaler Einstellung sehr hell, mir reichen 50 % aus. Trotzdem ist das Gerät nicht für draußen im hellen Tageslicht, bzw. in der Sonne geeignet. Es spiegelt einfach zu sehr.
iOS-Interface
Da ich iOS bislang nicht kannte, ist mir erst jetzt aufgefallen, dass es eine große Kluft zwischen dem über jeden Zweifel erhabenen Produktdesign der Apple-Geräte und dem grafischen Interface gibt. Warum sind die systemeigenen Basic-Apps wie Kalender, Notizen, Kontakte und Zeitungskiosk mit pseudo-realistischen haptischen Oberflächen versehen? Warum versucht man, einen Anschein von Haptik zu erzeugen, wo keine ist? Das ist, wie Erik Spiekermann es in einem sehr lesenswerten Artikel beschrieb, reiner Kitsch. Mir persönlich wäre eine reduzierte, eigenständige Interface-Ästhetik viel lieber, als das visuelle Nachäffen »realer Produkte«. Was denkt ihr?
Arbeiten am iPad?
Wohl eher nicht, oder zumindest sehr eingeschränkt. Apples Marketingmaschine bezeichnet das iPad als Bereiter einer Post-PC-Zeit. Das mag vielleicht für den Consumer Markt stimmen. Als echtes Arbeitsgerät taugt es jedoch meiner Meinung nicht. Das iOS ist eben ein bewusst abgespecktes Betriebssystem mit Fokus Online-Nutzung. Zu umständlich ist die Texteingabe. Zu beschränkt sind die Systemfunktionen, selbst Copy und Paste funktioniert nur mit Hilfe von zusätzlichen Apps vernünftig. Ein Finder fehlt, o.K. hierfür gibt es auch Apps, aber ich habe keine komfortable Kontrolle über die Dateien. Es gibt logischerweise keine Tastaturkürzel, die das Arbeiten im System oder in den Apps erleichtern. Das Schreiben längerer Texte auf dem virtuellen Keyboard ist ein Krampf. Es fehlen so grundsätzliche Dinge, wie ein Pfeil zum hin und her springen im Text. Zum Glück gibt es das Schreibprogramm iA Writer, das in Kombination mit dem Wireless Keyboard sehr gut funktioniert und das wichtigste Produktivitäts-Tool auf meinem iPad ist.
Fazit
Ich bereue den Kauf des iPads nicht, denn es ist sehr schnell zu einem selbstverständlichen Teil meines Alltags geworden. Es ist ein perfektes Konsumgerät in schicker Lifestyle-Hülle. Es ist schnell und einfach in der Bedienung. Die unendliche Begeisterung will sich aber nicht einstellen. Dafür fehlt mir die unkomplizierte Verknüpfung zu meinem Arbeitsrechner. Meine Finger sind zu groß (oder wurstig?) für die absolut unkomplizierte Eingabe von Text in kleinsten Fenstern. Copy und Paste sind unausgegoren.
Das Schriftrendering ist wirklich sensationell. Die Darstellungsqualität von Schrift auf dem Retina-Display ist sehr scharf und kontrastreich und kaum schlechter als auf einer gedruckten Seite. Allerdings wirken Schriften oft auch einen Hauch zu dünn.
Ich bin gespannt, wie sich das iPad und die Konkurrenz-Tablets weiterentwickeln werden. Ob sich die hochauflösenden Displays tatsächlich als Standard etablieren werden, ist für mich nicht zwingend klar. Es setzt sich nicht unbedingt immer die beste Technologie durch, sondern diejenige, die von der breiten Masse bevorzugt wird. Ich hoffe, dass das Retina-Display zum Standard wird und wir neue Lösungen für digitale Typografie finden, die unseren Sehgewohnheiten gerecht werden.
Der Text wurde mit Hilfe eines Wireless Keyboard auf iA Writer auf dem dem iPad geschrieben.