Neuauflage von read + play

Typo­grafie ist eine spröde Lei­den­schaft. Die Wege zu ihr sind viel­fältig, zufällig, ver­worren. Wer sich im Dschungel der Grund­lagen und Publi­ka­tionen ori­en­tieren möchte, dem emp­fehle ich die Neu­auf­lage von read + play — Ein­füh­rung in die Typo­grafie von Ulysses Voelker.

Über die erste Auf­lage von READ + PLAY, an der ich mit­wirkte, berich­tete ich hier. Gut vier­ein­halb Jahre später, hat sich in der Gutenberg-Galaxis und im Internet einiges getan. Neue Bücher sind erschienen. Aber vor allem hat sich die digi­tale Typo­grafie vom Print eman­zi­piert. Der Aus­ver­kauf der ersten Auf­lage ver­an­lasste Ulysses Voelker, Pro­fessor für Typo­grafie an der Hoch­schule Mainz, den Typo-Reader voll­ständig zu über­ar­beiten und bei Her­mann Schmidt ver­legen zu lassen.

Was ist read + play?

Das Buch ist ein Lite­ra­tur­ver­zeichnis, das anders funk­tio­niert. »read + play glie­dert, beschreibt und kom­men­tiert […] alle rele­vanten Aspekte der Typo­grafie. In kom­pri­mierter Weise.« Mit­hilfe der emp­foh­lenen Lite­ratur kann sich der Leser in die ange­spro­chenen Themen vertiefen.

Weil Typo­grafie ein Kern­fach der Visu­ellen Kom­mu­ni­ka­tion ist, erfährt der Leser weitaus mehr als hand­werk­liche Emp­feh­lungen im Umgang mit Schrift. In Teil A wird das Bezie­hungs­ge­flecht zwi­schen Typo­grafie, Kom­mu­ni­ka­tion und Gesell­schaft behan­delt. Teil B beleuchtet typo­gra­fi­sche Grund­lagen, bei­spiels­weise die Frage nach einer ange­mes­senen Schrift­wahl. In Teil C betreten Semiotik und Rhe­torik sowie Abbil­dungen zu typo­gra­fi­schen Phä­no­menen die Bühne.

Das ist neu und gelungen

Das Buch ist nun ein­spra­chig deutsch und bietet neue Lesee­benen, die zum Stö­bern und Ent­de­cken ein­laden. Die typo­gra­fi­sche Gestal­tung wurde grund­le­gend über­ar­beitet. Die Lese­füh­rung ist auf­grund des auf­ge­räumten, dop­pel­sei­tigen Lay­outs und der deut­lich dif­fe­ren­zierten Quer­ver­weise, Stich­wörter und Bild­ver­weise kom­for­ta­bler als beim Vor­gänger. Lite­ra­tu­r­emp­feh­lungen stehen nun auf der linken Seite. Sie bieten an Ort und Stelle Ver­lags­daten und eine inhalt­liche Kurz­be­schrei­bung. Jedes Kapitel schließt mit einem Text­auszug aus rele­vanten Lite­ra­tur­quellen ab und betont so wich­tige Themen.

Ein Kapitel bietet nun inter­es­sante Abbil­dungen zu typo­gra­fi­schen Phä­no­menen und Grund­lagen — ein viel­fach geäu­ßerter Wunsch. Natür­lich gibt es eine Reihe neuer Lite­ra­tu­r­emp­feh­lungen. Ein Grund­la­gen­text zur Semiotik und Rhe­torik lie­fert den theo­re­ti­schen Überbau zur Typo­grafie und Kommunikation.

Kri­tik­wür­diges

Leider ging etwas in der Pro­duk­tion schief: das Cover steht schräg nach oben, wenn das Buch plan auf dem Tisch liegt.

Auf­fällig ist die Avenir als neue Text- und Aus­zeich­nungs­schrift. Fließ­texte laufen nun zwar ruhiger, aber die blaue Text­farbe ist auf Dauer ein wenig ermü­dend. Zahl­reiche unglück­liche oder gar sinn­ent­stel­lende Sil­ben­tren­nungen stören den Lese­fluss: Minu-skeln (S.15), handwerkli-che (S.21), Machter-greifung (S.35). Aus­zeich­nungen in kursiv sind zusätz­lich einen Schrift­grad feiner gesetzt. Diese Dop­pel­aus­zeich­nung ist über­flüssig. Für meinen Geschmack funk­tio­niert die Letter Gothic nicht gut in großen Anwen­dungen, näm­lich für Zif­fern in Klam­mern bei den Lite­ra­tu­r­emp­feh­lungen oder Sei­ten­zahlen bei den Anmer­kungen. Das wirkt klobig.

Wäh­rend das Vor­gän­ger­buch durch sein raue, manu­skript­hafte Gestal­tung in erster Linie auf ein stu­den­ti­sches Publikum zielte, wirkt das neue Layout gezähmt. Ich schätze, dass der Verlag ein­fach eine brei­tere — nicht nur stu­den­ti­sche — Ziel­gruppe errei­chen möchte.

Fazit: eine klare Kaufempfehlung

read + play sollte in keiner Design-Bibliothek fehlen. Es ist DIE kom­pri­mierte Ein­füh­rung in die Typo­grafie und viel mehr. Ähn­lich wie bei einem Rubiks Würfel gibt es viel zu ent­de­cken. Je mehr man das Buch liest und wendet, umso mehr Facetten, Details und Quer­ver­bin­dungen kommen zum Vor­schein. Mehr als 100 Lite­ra­tu­r­emp­feh­lungen sind Schlüssel für einen per­sön­li­chen Zugang zur Typo­grafie. Nicht nur für Stu­denten, son­dern für Design­profis, Publisher und Kulturinteressierte.

Ver­lags­daten

read + play
Jean Ulysses Voelker
Ein­füh­rung in die Typo­grafie: Hin­ter­gründe, Grund­lagen, Lite­ra­tu­r­emp­feh­lungen
168 Seiten
mit über 100 kom­men­tierten und hier­ar­chi­sierten Lite­ra­tur­tipps,
mehr als 50 Abbil­dungen und vier kraft­vollen Thesen zur Typo­grafie.
Format 17,5 × 25 cm
Faden­ge­hef­tete Schweizer Bro­schur mit bedrucktem offenen Rücken
ISBN 978−3−87439−868−8
19,95 Euro
Bestell­mög­lich­keit direkt beim Verlag

Ver­lo­sung eines Exemplars

Ich ver­lose ein Rezen­si­ons­ex­em­plar des Ver­lags. Ein­fach einen Kom­mentar schreiben, was Dein per­sön­li­cher Zugang zur Fas­zi­na­tion Typo­grafie war. Ein­sen­de­schluss: 31. März. Der Zufalls­ge­ne­rator entscheidet.

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Hallo Zweitausendfünfzehn

Laboe

Ich wün­sche allen Lese­rinnen und Lesern ein erfülltes und gesundes neues Jahr.

Die Zeit scheint in der Schwebe. Der ruhige Jah­res­aus­klang klingt nach und der Alltag beginnt erst kom­mende Woche. Von Null auf Hun­dert. Stress und Rast­lo­sig­keit wird auch in Zwei­tau­send­fünf­zehn manchmal zur großen Belas­tung für jeden selbst. Viel­leicht tut gerade dann ein bewusstes Inne­halten gut. Mehr Gelas­sen­heit und Acht­sam­keit, das wün­sche ich mir und allen, die sich gerade in hek­ti­schen Zeiten getrieben fühlen.

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typecast für alle

Anfang 2013 schrieb ich über type­cast als prak­ti­sches, kos­ten­loses Werk­zeug, um ein­fache Weblay­outs direkt im Browser zu gestalten und testen. Der Clou dabei ist die gigan­ti­sche Aus­wahl von Web­fonts, die live getestet werden können. Kurz darauf wurde aus dem Ser­vice im Betasta­dium ein teuerer Bezahlservice.

In der Zwi­schen­zeit wurde type­cast wei­ter­ent­wi­ckelt. Das Prototyping-Tool bietet mehr Gestal­tungs­op­tionen, ein ver­bes­sertes Schrift­aus­wahl­menü und eine grö­ßere Aus­wahl an Schriften. Und nun die erfreu­liche Mel­dung: type­cast ist jetzt für alle kos­tenlos!

Der kos­ten­lose Account beinhaltet den Zugriff auf rund 3.000 lizen­zierte Fonts.com Schriften, sowie Google Schriften (die meiner Mei­nung nur bedingt brauchbar sind). Bei ver­öf­fent­lichten Seiten wird ein Badge eingeblendet.

Der neue Standard-Account beinhaltet eine Nut­zung von drei Team-Mitgliedern, mehr als 20.000 lizen­zierte Fonts und keine Ein­blen­dung des Seiten-Badge.

type­cast ist ein Ser­vice von Monotype.

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Eleganter von B bis Z.

Mar­ke­ting ist alles. Das weiß auch Apple – Meister im Ver­kaufen. Dem aktu­ellen Betriebs­system Yose­mite haben die Pro­dukt­ver­ant­wort­li­chen und Desi­gner eine neue Schrift beschert: Hel­ve­tica. Bereits von iOS bekannt, ärgert die Schrift nun auch den einen oder anderen Benutzer auf Desktop- und Laptoprechnern.

Manche emp­finden die Aus­wahl einer Schrift als keine große Sache. Für uns ist sie ein zen­traler Bestand­teil der Ober­fläche. Im neuen OS X Yose­mite haben wir alle Schriften des Sys­tems über­ar­beitet. Sie sind jetzt besser lesbar und bieten dir ein ein­heit­li­cheres Mac Erlebnis. Dir wird die groß­ar­tige neue Schrift in App Fens­tern, Menü­leisten und dem gesamten System auf­fallen. Die Schrift sieht auf jedem Mac bril­lant aus, aber noch besser auf einem Mac mit Retina Dis­play. (Zitat aus der Yosemite-Produktseite)

Aus Ästhe­tik­sicht ist die Schrift­wahl nach­voll­ziehbar: sie har­mo­niert in ihrer relativ neu­tralen Anmu­tung und mit ihren feinen Linien gut mit der redu­zierten For­men­sprache des gra­fi­schen Inter­faces. Tech­ni­sche Ele­ganz eben. Zudem for­ciert sie die Annä­he­rung des sta­ti­schen Sys­tems an die Erschei­nung des mobilen iOS.

Aus Sicht des Lesers ist die Hel­ve­tica weniger gut lesbar als ihre Vor­gän­gerin Lucida Grande. Diese ist eine huma­nis­ti­sche Sans Serif und wurde welche spe­ziell für die Dar­stel­lung auf Bild­schirmen gezeichnet und opti­miert. Gut, ihr fehlt ein kur­siver Schnitt, aber das habe ich bis­lang in der täg­li­chen Arbeit auf dem Mac nie ver­misst. Sie ist robust, besitzt offe­nere Buch­sta­ben­formen, ist luf­tiger und daher deut­lich lese­freund­li­cher. Man könnte jetzt denken, o.k. es sind ja nur ein paar Menüs und Begriffe, die in der Hel­ve­tica erscheinen. Tat­säch­lich sollte eine gra­fi­sche Benut­zer­ober­fläche aber immer dem Nutzen und Kom­fort des Anwen­ders dienen. Les­bar­keit ist nicht abhängig von der Anzahl der Wörter, son­dern fängt bereits bei ›A‹ an.

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Webfontday 2014

Am 8. November findet der nächste Web­fontday der Typo­gra­phi­schen Gesell­schaft Mün­chen (tgm) statt. Unter dem Motto »Modern Times in Digital Typo­graphy« werden euro­päi­sche und ame­ri­ka­ni­sche Font­ex­perten über die aktu­ellen Ent­wick­lungen in der Typo­grafie auf dem Bild­schirm spre­chen. Wei­tere Infor­ma­tionen zu Pro­gramm, Spre­chern und Kosten unter 2014.webfontday.de

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elliot

Interview with Elliot Jay Stocks

It’s a great plea­sure for me to release an inter­view with Elliot Jay Stocks. Most of you will know him as a web desi­gner, typo­ma­niac, speaker and crea­tive director of Adobe Typekit. Elliot is also founder and publisher of the maga­zines 8 Faces and Digest. He loves elec­tronic music and craft beer. Bei­trag zu Ende lesen

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Kompakt_Schriftmuster-A

Schriftmuster der Kompakt

Her­mann Zapf schuf 1954 die Rekla­me­schrift Kom­pakt für die Stempel AG, Frank­furt. Cha­rak­te­ris­tisch sind die kan­tigen Umriss­formen, kräf­tigen Stämme und teils recht aus­ge­prägten Serifen. Trotz ihres sehr dunklen Grau­wertes spie­gelt sich in den Details eine feine Leben­dig­keit. Typisch Zapf eben. Bei­trag zu Ende lesen

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franziska-specimen

FF Franziska – Jakob Runge über die Neuveröffentlichung seiner Schriftfamilie

Letztes Jahr ver­öf­fent­lichte der Desi­gner Jakob Runge seine Masterthesis-Schrift Fran­ziska im Eigen­ver­trieb. Die hoch­wer­tige Antiqua-Schrift hat in der Typo-Szene viel posi­tive Reso­nanz geerntet. Zwi­schen­zeit­lich konnte Jakob Font­Font von den Qua­li­täten seiner Fran­ziska über­zeugen, wo sie in Kürze als Teil der FontFont-Bibliothek erscheinen wird. Für mich Anlass, ein exklu­sives Vorab-Interview mit dem sym­pa­thi­schen Schrift­ge­stalter zu führen. Bei­trag zu Ende lesen

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Heute schon spationiert?

Schrift – eine typografische Spurensuche

Schrift ist … ja was ist sie eigent­lich? Die SWR2-Hörfunksendung »Das Auge liest mit« lie­fert Ant­worten von eta­blierten Typo­grafen, wie Judith Schal­ansky, Fried­rich Fors­sman und Erik Spiekermann.

Der Bei­trag beleuchtet teil­weise typo­gra­fi­sche All­ge­mein­plätze, hält aber auch span­nende Aus­sagen für Gestalter und Typo­n­erds bereit. Hier geht’s zur Sen­dung (Stream / Down­load / Manu­skript). Herz­li­chen Dank für diesen Tipp nach Stutt­gart an Jan .-)

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