Blanco – eine feine Satzschrift aus Down Under

Dass nicht nur etablierte Schriftdesigner hochwertige Schriften entwickeln, beweisen immer wieder angehende Schriftgestalter aus dem Masterstudiengang Type and Media in Den Haag. 2012 wurde ich auf eine wunderschöne Serifenschrift aufmerksam, gezeichnet vom Absolventen Dave Foster. Blanco erinnerte mich ein wenig an Lyon Text, Tiempos und Plantin, besaß aber einen eigenen Charakter mit gut ausbalancierten Kontrasten und einem klaren Schriftbild. Nachdem die Schrift in der Schublade verschwanden war und Dave als Schriftgestalter bei einigen der wichtigsten Typefoundries gearbeitet hatte, nahm er sich der Blanco noch einmal an. Er überarbeitete das Design der Schriftfamilie von A bis Z, baute den Umfang aus und optimierte sie für die Lesbarkeit am Bildschirm. Blanco ist gerade zum Relaunch von Daves Website erschienen. Vorhang auf für eine großartige Satzschrift!

Der Name ›Blanco‹ geht zurück auf Daves Stu­di­en­kol­le­gin Noe Blanco. Für eine Desi­gn­übung bei Peter Biľak beschrieb sie die Eigen­schaf­ten ihrer am hei­ßes­ten gelieb­ten Schrift:

Use: Long texts; Tone: Con­tem­porary with a dis­tinc­tive cha­rac­ter; Ascen­ders and descen­ders: Not too long; Con­trast Type: Trans­la­tion / broad nib; Con­trast Amount: Visi­ble but not high; Serifs: No bra­cke­ting; Stems: Com­ple­tely strai­ght; Fea­tures: Sharp, angu­lar details

Auf die­ser Grund­lage schrieb Dave ein Alpha­bet, dass er dann als rasche Schrift­stu­die digi­ta­li­sierte. Spä­ter im Stu­dium bemerkte er, dass viele die­ser Eigen­schaf­ten ihm selbst bei Seri­fen­schrif­ten magisch anzo­gen. Als Mas­ter­schrift ent­wi­ckelte er schließ­lich eine No-Nonsens-Schrift für lange Texte.

Eine rasche Design­stu­die einer huma­nis­ti­schen Anti­qua war der Ursprung der Blanco

Die Blanco ver­leiht Text­ko­lum­nen einen sehr gleich­mä­ßi­gen Grau­wert und bleibt for­mal dezent im Hin­ter­grund. Sprich, der Leser kann den Inhalt lesen und wird nicht durch her­vor­ste­chende Merk­male im Schrift­de­sign abge­lenkt. Dank mode­ra­ter Strich­kon­traste, gerin­ger Ober- und Unter­län­gen und einem per­fekt aus­ba­lan­cier­ten Ver­hält­nis von Zei­chen­for­men, Binnen- und Zwi­schen­räu­men ergibt sich ein ruhi­ger Zei­len­fluss.

Es ste­hen vier Gewichte von Regu­lar, über Medium, Bold und Extra Bold zur Ver­fü­gung. In der Kom­bi­na­tion von Text und Über­schrift las­sen sich so zwei Text­far­ben erzeu­gen: Regu­lar mit Bold und Medium mit Extra Bold als kräf­tige Aus­zeich­nung. Alle vier Schnitte sind in der Strich­stärke deut­lich von­ein­an­der unter­schie­den. Der Regular-Schnitt fällt ver­hält­nis­mä­ßig leicht aus und wirkt für mich eher wie ein Light-Schnitt. Zu jedem Gewicht gibt es eine Kur­sive mit rela­tiv stei­ler Zeich­nung, gro­ßen Pun­zen und einem schnör­kel­lo­sen Auf­tritt. Der Rhyth­mus und die Schrift­farbe unter­schei­den sich nicht allzu sehr von den auf­rech­ten Schnit­ten. Dadurch wir­ken kur­sive Aus­zeich­nun­gen inner­halb des Tex­tes eher zurück­hal­tend. Als zusätz­li­ches Aus­zeich­nungs­mit­tel kom­men Kapi­täl­chen ins Spiel. Diese sind gering­fü­gig höher gezeich­net als die x-Höhe und fügen sich optisch har­mo­nisch in die Text­zeile ein.

Designmerkmale

Nach der DIN-Klassifizierung zählt die Blanco zu den Renaissance-Antiquas. Doch diese his­to­ri­sche Zuord­nung zielt ins Leere, weil sie nichts über den Schrift­cha­rak­ter aus­sagt. Blanco ist näm­lich eine durch und durch zeit­ge­mäße Schrift mit einem kla­ren und unauf­dring­li­chen Schrift­bild. Obwohl ihr Ursprung im Schrei­ben mit der Breit­fe­der liegt, feh­len jeg­li­che his­to­risch anmu­ten­den Merk­male. Blanco schöpft vor allem Inspi­ra­tion aus der boden­stän­di­gen Plan­tin (Frank Hin­man Pier­pont, 1913), mit der sie einen ähn­li­chen Rhyth­mus und ähn­lich geformte Kopf­se­ri­fen gemein­sam hat. Dabei wirkt sie viel fri­scher und ist aus einem Guss.

Buch­sta­ben und Zif­fern tei­len ein inter­es­san­tes Design­prin­zip: die wei­chen Außen­kon­tu­ren wer­den durch knackig-scharfe Ecken in den Bin­nen­räu­men kon­tras­tiert. Eine Erklä­rung für die­ses cha­rak­te­ris­ti­sche Wech­sel­spiel beschreibt Dave im Ent­ste­hungs­pro­zess der Schrift. Als wich­tigste Lek­tion wäh­rend des Type and Media Stu­di­ums erkannte er, dass der Weiß­raum ganz bewusst als Gegen­form zum Schrift­kör­per in die Gestal­tung mit ein­be­zo­gen wer­den muss. Die Blanco wirkt des­halb nicht nur kna­ckig, son­dern punk­tet auf­grund der groß­zü­gi­gen Pun­zen und Bin­nen­räu­men mit einem offe­nen Schrift­bild und einer guten Zei­len­bil­dung. Ein wei­te­res cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­mal, dass aller­dings erst in grö­ße­ren Schrift­gra­den bewusst wahr­ge­nom­men wird, sind die drei­ecki­gen Kopf­se­ri­fen, die oben leicht gebo­ge­nen sind.

Die drei­ecki­gen Kopf­se­ri­fen sind eines der cha­rak­te­ris­ti­schen Merk­male der Blanco

Ausstattung der Zeichenkoffer

Die Blanco besitzt ein über­durch­schnitt­lich gro­ßes Zei­chen­re­per­toire und eine Reihe nütz­li­cher Fea­tures. Die auf­rech­ten Schnitte umfas­sen rund 970 Gly­phen, die kur­si­ven Schnitte etwa 1020 Gly­phen. Für den typo­gra­fi­schen All­tag sicher­lich am wich­tigs­ten sind echte Kapi­täl­chen und die große Viel­falt an Zif­fern. Dazu zäh­len pro­por­tio­nale und gleich­breite Zif­fern in Ver­sal­form und Mediä­val­form. Zusätz­lich kann man in InDe­sign über das Open­Type Menü »Alles in Kapi­täl­chen« Zif­fern in soge­nannte Kapi­täl­chen­zif­fern umwan­deln. Hier­mit las­sen sich bei­spiels­weise gra­fisch ele­gante Kom­bi­na­tio­nen von Name und Lebens­jahre ohne stö­rende Ober- und Unter­län­gen set­zen.

Für Rezepte oder Fuß­no­ten sind Brü­che, sowie hoch- und tief­ge­stellte Zif­fern sehr prak­tisch und las­sen keine Wün­sche offen. Wer mit fremd­spra­chi­gen Text­satz zu tun hat, wird sich über Ordi­nal­zei­chen freuen.

Ein wei­te­res nütz­li­ches Fea­ture sind kon­text­ab­hän­gige Satz­zei­chen, die sich auto­ma­tisch an die Höhe von Versal- und Kapi­täl­chen­buch­sta­ben anpas­sen. So rücken bei Ver­sal­satz (InDe­sign: Zei­chen › Alles Groß­buch­sta­ben) Klam­mern, Guil­le­mets oder der Halb­ge­viert­strich einen Hauch nach oben; Durch die damit ein­her­gende bes­sere Ver­tei­lung der Weiß­räume wird das Satz­bild beru­higt.

Ich liebe Liga­tu­ren und finde bei der Blanco eine rei­che Aus­wahl. Neben den Stan­dard­for­men sind die aus­ge­fal­le­nen g-Ligaturen in der Kur­si­ven her­vor­zu­he­ben. Oben­drauf gibt es kurze Gly­phen­for­men der Buch­sta­ben Q, f und j, die bei kri­ti­schen Buch­sta­ben­kom­bi­na­tio­nen ein opti­sches Ver­schmel­zen ver­hin­dern. Alter­na­tive Et-Zeichen und acht Pfeile run­den das Ange­bot ab.

Einsatzgebiete – hier entfaltet die Blanco ihr Potential

Ein­gangs beschrieb ich die Blanco als No-Nonsens-Schrift, was auf die Eig­nung für alle Arten von Gebrauchs­tex­ten hin­weist. Mit vier Gewich­ten und vie­len typo­gra­fi­schen Fea­tures ist sie für die meis­ten Auf­ga­ben gut gewapp­net. Wich­tig zu erwäh­nen ist, dass die Blanco auch her­vor­ra­gend auf dem Bild­schirm les­bar ist. Dafür sor­gen das gleich­mä­ßige Schrift­bild, die sta­bi­len Seri­fen und Hand­hin­ting in klei­nen Schrift­gra­den. Somit bie­tet sich die Anti­qua bes­tens für cross-mediales Publi­shing an. Wer eine fri­sche, unver­brauchte Schrift für Edi­to­rial Design oder Bran­ding sucht, dem emp­fehle ich, sich das Online-Specimen anzu­schauen. Hier wird die Blanco als Web­font im Brow­ser in ver­schie­de­nen Schrift­grö­ßen und Schnit­ten dar­ge­stellt. Außer­dem gibt es zum Down­load noch ein nütz­li­ches Druck-PDF mit vie­len Satz­pro­ben und Infor­ma­tio­nen.

Blanco kann als kom­plette Schrift­fa­mi­lie im Paket erwor­ben wer­den (290,— $ Desk­top), als ein­zelne Schnitte (50,— $ Desk­top) oder als Kom­bi­na­tion von Roman mit Kur­sive (80,— $ Desk­top). Es gibt Desktop-, Web- und App-Lizenzen. Zum Aus­pro­bie­ren bie­tet Dave Trial-Fonts mit einem redu­zier­ten Zei­chen­um­fang zum Down­load.

Dave Foster arbeitete nach seinem MA Type Media als Schriftgestalter für Erik van Blokland, House Industries, Commercial Type, Klim Type Foundry und Frere-Jones Type. Heute lebt und arbeitet er als unabhängiger Schrift-Designer und Lettering-Künstler in Sydney für Designbüros, Typefoundries und Unternehmen auf der ganzen Welt.
Infos: www.fostertype.com

 

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Schriftmuster der Pro Arte von Max Miedinger

Das waren Zeiten, als Schriftmuster noch aufwendig gestaltet und sogar gedruck wurden. Nun gut, Schriften werden natürlich noch immer attraktiv inszeniert und manchmal auch gedruckt. Aber selten ist der Schriftschöpfer zugleich Gestalter des Schriftmusters, wie in diesem Fall.

Der Helvetica-Vater Max Mie­din­ger schuf 1954 eine rein ver­sale Ita­li­enne für Wer­bung und Ver­kauf. Das mehr­far­bige Schriftmuster-Prospekt der Haas’schen Schrift­gie­ße­rei AG führt viele Anwen­dungs­mög­lich­kei­ten vor Auge. Im Vor­wort heißt es: »Ob sie nun in schwar­zer oder bun­ter Farbe, für Zeit­schrif­ten, Geschäfts- und Ein­la­dungs­kar­ten, Pro­spekte, Buch­ti­tel, Brief­bo­gen, Pro­gramme, Spei­se­kar­ten und dgl. ver­wen­det wird: Über­all ergibt die Schrift reiz­volle Wort­bil­der und inter­es­sante Kon­traste mit der gleich­zei­tig gezeig­ten Text­schrift.«

Einen wirt­schaft­li­chen Erfolg war der Pro Arte aller­dings nicht ver­gönnt. Wahr­schein­lich kam sie zu spät, denn die große Zeit der seri­fen­be­ton­ten Anti­quas war in den 1930er Jah­ren (City, Beton, Mem­phis). Mög­li­cher­weise war Mie­din­gers Schrift typo­gra­fisch zu ein­ge­schränkt; die Schrift­probe zeigt neben den Groß­buch­sta­ben lei­dig­lich Zif­fern. Satz­zei­chen Fehl­an­zeige!

Hin­weis: Hoch­auf­lö­sende Fotos der Pro Arte und aller ande­ren bis­her vor­ge­stell­ten Schrift­mus­ter gibt es auf Flickr zu sehen.

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Dem attraktiven Et-Zeichen auf der Spur

Eines der formal attraktivsten Schriftzeichen fristete in vielen Fonts ein trauriges Dasein: das Et-Zeichen (&). Früher gab es davon wunderschöne Formvarianten, oft auch parallel in einem Text verwendet. Zur Freude der Typografen bieten einige Fonts mittlerweile wieder sehr verspielte Et-Zeichen.

Bedeutung

Das Et-Zeichen reprä­sen­tiert das Wört­chen »und« (latei­nisch »et«) und ist for­mal eine Ver­schmel­zung der Buch­sta­ben e und t. Heut­zu­tage spricht man auch vom Kauf­män­ni­schen Und-Zeichen oder ein­fach nur vom Und-Zeichen.

Entstehung

Das Et-Zeichen wurde im 1. Jahr­hun­dert n. Chr. von Mar­cus Tul­lius Tiro, dem Sekre­tär und Skla­ven Cice­ros, erfun­den. Tiro ent­warf sein eige­nes Sys­tem von Abkür­zun­gen, um Cice­ros Reden mit­schrei­ben zu kön­nen. Diese alt­rö­mi­sche Kurz­schrift ist seit dem 16. Jahr­hun­dert unter dem Begriff Tiro­ni­sche Noten bekannt.


Das von Tiro erfundene Et-Zeichen ist in der ursprünglichen Form heute noch in Irland gebräuchlich.*

Verwendung in der Typografie

Das Et-Zeichen kam frü­her in fast allen euro­päi­schen Schrift­spra­chen vor. Seine his­to­ri­sche For­men­viel­falt ist bemer­kens­wert, kein Ver­gleich zu den »unin­spi­rier­ten, plumpe(n) Bre­zeln«**, die in den meis­ten zeit­ge­nös­si­schen Fonts ent­hal­ten sind.

 

Früher wurde das Et-Zeichen auch in Fließtexten in verschiedenen Formen verwendet, um die Literatur abwechslungsreicher zu gestalten. Das Werk Nobiltà di dame von Fabritio Caroso aus dem Jahr 1600 ist dafür ein schönes Beispiel.

 
Glück­li­cher­weise toben sich viele Schrift­ge­stal­ter wie­der beim Et-Zeichen aus, wie die fol­gen­den Bei­spiele zei­gen.

Viel­leicht ver­an­lasste die Lust an Kur­ven und For­men­viel­falt Luc(as) de Groot, sei­ner Thesis-Schriftfamilie gleich meh­rere Vari­an­ten des Et-Zeichens zu spen­die­ren – hier The Sans.

Ric­cardo Oloc­cos Renaissance-Antiqua Zenon bie­tet sechs Ver­sio­nen des &.

Heute wird das Et-Zeichen im Fließ­text nicht mehr als Ersatz für das Wort und ver­wen­det. Laut DUDEN ist es nur in Fir­men­na­men erlaubt. Die Typo­gra­fen Fried­rich Forss­man und Ralf de Jong sind der Mei­nung, dass es auch sonst benutzt wer­den kann, wo es Spaß macht.***

Abkür­zun­gen sind heute gang und gäbe. So erfreut sich das Et-Zeichen einer brei­ten Ver­wen­dung in der Wer­bung für kurze, prä­gnante Begriffe, wie bei­spiels­weise in Rail&Fly bei der Deut­schen Bahn. Man sieht es auch im Interface-Design, wo es bei Navi­ga­ti­ons­me­nüs wert­vol­len Raum spart. Ich halte es für rich­tig, das Et-Zeichen fle­xi­bel anzu­wen­den, wenn es hilft, prä­gnante, gut les­bare Wort­bil­der zu bil­den.

Wei­tere Infos und klasse Bei­spiele zum Thema fin­det Ihr bei typefacts.

 

* Zitat von Robert Bringhurst, The Elements of Typographic Style (Version 2.3)
** Von unknown (9th century) – A German publication »Das Altertum«, Band 12, Heft 1, 1966, page 42, reprint of a manuscript from 9th century (Codex Casselanus ms. philol. pl. 2, 1v), commons.wikimedia.org, gemeinfrei
*** Friedrich Forssman / Ralf de Jong, Detailtypografie

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Schriftmuster der Breite Fette Information

Die Breite Fette Information brachte Stempel 1958 als Display-Ergänzung zur serifenlosen Schriftfamilie Information auf den Markt. Ihr Schöpfer war der Grafiker und Schrifgestalter Friedrich Karl Sallwey. Die Information-Schriftfamilie hieß ursprünglich Reform-Grotesk B und erschien Ende der 1920er / Anfang der 1930er Jahre bei der Gebrüder Klingspor Schriftgießerei Offenbach in 12 Schnitten.

Bei­trag zu Ende lesen

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Von Gänsefüßchen und Deppenapostrophen

In meinem neuen FontShop-Blogartikel kommen die kleinsten Zeichen ganz groß raus. Die Rede ist von den Interpunktionen: Komma, Strichpunkt, Punkt, Doppelpunkt, Fragezeichen, Ausrufezeichen, Klammern, Schrägstrich, Bindestrich und Gedankenstrich. Dort erfahrt ihr, warum diese Satzzeichen für das Textverständnis so wichtig sind und wie sie typografisch richtig gesetzt werden. Tschüss Deppenapostroph!

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Luther und der Buchdruck

Am 31. Oktober 1517 – heute vor genau 500 Jahren – veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasses. Der Überlieferung nach schlug er seine Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche und schickte sie mit Briefen an kirchliche Vorgesetzte. Dank des damals bereits etablierten Buchdrucks konnten sich die Thesen rasch im ganzen Land verbreiten.

Schrift und ihre soziokulturellen Auswirkungen

Vor der Erfin­dung der Schrift war die mensch­li­che Kul­tur auf die Leis­tungs­fä­hig­keit des Gedächt­nis­ses beschränkt. Eine kleine, eli­täre Gruppe von Pries­tern, Drui­den und Scha­ma­nen bewahrte das Wis­sen, tra­dierte es und gab es wei­ter. Mit der Schrift­ent­wick­lung ließ sich zuvor münd­lich über­lie­ferte Kul­tur in Stein, auf Papy­rus, Per­ga­ment, oder spä­ter Papier, fest­hal­ten (1). Der Mensch besaß nun einen »aus­ge­la­ger­ten« Spei­cher. Durch die Nie­der­schrif­ten von Wis­sen konn­ten Schrift­ge­lehrte an zeit­lich oder räum­lich ent­fern­ten Erfah­run­gen teil­ha­ben und diese ver­brei­ten. Infol­ge­des­sen führ­ten nun auch kom­ple­xere Orga­ni­sa­tio­nen der sozia­len Gemein­schaf­ten zur Bil­dung von Stadt­staa­ten und Beam­ten­bü­ro­kra­tien.

Zu Beginn blieb die Ver­brei­tung schrift­lich fixier­ter Infor­ma­tio­nen in ihrer räum­li­chen, zeit­li­chen und sozia­len Dimen­sion sehr begrenzt. Die Kos­ten für hand­ge­schrie­bene Manu­skripte waren außer­or­dent­lich hoch. Erst die Erfin­dung des Buch­drucks im 15. Jahr­hun­dert ver­än­derte alles. Inner­halb kür­zes­ter Zeit gin­gen aus ihm zwei wesent­li­che Wir­kungs­be­rei­che her­vor: der tech­no­lo­gi­sche und der sozio­kul­tu­relle. Für die Tech­nik der Neu­zeit wurde der Buch­druck zum ers­ten Modell arbeits­tei­li­gen, indus­tri­el­len Pro­du­zie­rens. Ande­rer­seits bat die Ver­viel­fäl­ti­gung nun die Mög­lich­keit, welt­li­che, kirch­li­che und wis­sen­schaft­li­che Texte der Eli­ten zu ver­brei­ten. Diese mas­sen­haft publi­zier­ten Texte erschüt­ter­ten die Welt in ihrer alten Ord­nung (2).

Mar­shall McLu­han sprach von der »Gutenberg-Galaxis« um der Bedeu­tung die­ser tech­ni­schen Erfin­dung Nach­druck zu ver­lei­hen. Mit dem Buch­druck konnte man sei­ner­zeit Gedruck­tes in unvor­stell­ba­rer Geschwin­dig­keit, Menge und zu güns­ti­gen Prei­sen her­stel­len (3). Damit wurde das Mono­pol der Klos­ter­bi­blio­the­ken und des Adels gebro­chen. Der kleine Markt der Latein-sprechenden und -lesen­den Bil­dungs­elite reichte bald nicht mehr aus, um das Ange­bot an Büchern abzu­de­cken. Ein drin­gen­des Bedürf­nis nach natio­na­len Schrift­spra­chen und einem ent­spre­chen­den natio­na­len Buch­markt formte sich. Mit der Ent­wick­lung von öko­no­misch güns­ti­gen Büchern ent­stan­den große Lai­en­le­se­ge­mein­schaf­ten, die kein Latein spra­chen und lasen. Die neu ent­stan­de­nen Gemein­schaf­ten ent­wi­ckel­ten sich all­mäh­lich zu natio­na­len Sprach- und Lese­ge­mein­schaf­ten (4).

Luthers Einfluß auf die deutsche Sprache

Mar­tin Luther ver­dankt sein ein­fluss­rei­ches Wir­ken vor allem der Druck­kunst: 1522 über­setzte er die Bibel aus dem Latei­ni­schen ins Deut­sche, und führte Sprach­be­griffe ver­schie­de­ner natio­na­ler Dia­lekte zu einer ein­fa­che­ren und all­ge­mein ver­ständ­li­chen »deut­schen Spra­che« zusam­men. Wort­schöp­fun­gen wie »Macht­wort«, »fried­fer­tig« oder »Läs­ter­maul« gehen auf ihn zurück. Mit Hilfe des Buch­drucks ver­brei­tete er seine refor­ma­to­ri­schen Ideen in sei­ner grif­fi­gen deut­schen Spra­che, so dass sich heute Ham­bur­ger und Bay­ern – über­wie­gend – des­sel­ben Wort­schat­zes bedie­nen (5)

1. otl aicher. typographie. Verlag Ernst & Sohn, Berlin
1988. S.78
2. Claus W. Gerhardt. Geschichte der Druckverfahren.
Teil 2 – Der Buchdruck. Stuttgart 1975. S.5
3. Ebd. S.10
4. Peter Ludes. Einführung in die Medienwissenschaft. Erich Schmidt Verlag. Berlin 1998. S.79
5. Wem hat Luther „aufs Maul geschaut“? [aufgerufen am 31.10.2017]

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Wie findet sich eine geeignete Satzschrift?

Schrift ist mehr als Informationsträger. Sie weckt Erwartungen, sorgt für Orientierung und stiftet Identität. Die Anforderungen an eine Textschrift sind also vielschichtiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. In meinem Artikel für FontShop erläutere ich die wichtigsten Kriterien und Tipps für eine erfolgreiche Suche nach einer geeigneten Satzschrift.

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Logo Trends 2017

Bill Gard­ner von Logo­Lounge blickt zurück auf inter­na­tio­nale Logo-Entwürfe der letz­ten Monate und nennt drei Mega­trends:

  • Last year, sim­pli­city ruled the roost, and it still does.
  • Stri­pes have appeared in mas­sive abundance, being used in con­cen­tric cir­cles, let­ter­forms, and pat­terns to indi­cate move­ment, like che­v­rons, zig zags, and waves.
  • Geo­me­try is really com­ing in to play.

Hier gibt’s die Über­sicht der Logo­de­sign­trends 2017.

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Freefont Infini

As part of the Graphisme en France 2014 program, the Centre national des arts plastiques (CNAP, National Center of Visual Arts) has commissioned a new typeface to be freely downloadable by the public at large.

Down­load the free Infini typeface by Sand­rine Nugue.
Have a look on the 48-page spe­ci­men book.

 

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