Read + Play. Das Making of

TypographyNowII

Jeder, der vom Typo-Virus infiziert ist, kann sich an den magischen Moment erinnern, als ihm ein typografisches Erweckungserlebnis die Tür zu einem neuen, weiten Universum öffnete. Doch wie liese sich diese Leidenschaft oder zumindest ein offenes Interesse für Schrift und Typografie bei Studienbeginnern wecken, die sich deren Bedeutung kaum bewusst sind? Als mir Jean Ulysses Voelker die Idee eines Readers als Begleitlektüre für das Grundstudium erzählte, war ich sofort begeistert und vom Potential als Türöffner überzeugt. 

Konzept

Zu Beginn unse­res Pro­jek­tes woll­ten wir her­aus­fin­den, wel­chen Stel­len­wert Schrift und Typo­gra­fie im Stu­dium, im Berufs­le­ben aber auch im All­tag hat. Mit wel­chen typo­gra­fi­schen Anfor­de­run­gen wer­den Berufs­ein­stei­ger und Pro­fis in der Pra­xis kon­fron­tiert? Wel­ches Rüst­zeug soll­ten Stu­den­ten im Stu­dium erler­nen? Und wel­chen Gestal­tungs­ho­ri­zont eröff­net Typo­gra­fie über die nahe­lie­gen­den Berei­che Buch­ge­stal­tung, Edi­to­rial Design und Cor­po­rate Design hin­aus?

Wir schrie­ben unsere eigene Erfah­run­gen auf, befrag­ten Kol­le­gen und führ­ten eine Umfrage im Grund­stu­dium zum Fach Typo­gra­fie. Das grob ver­ein­fachte Resü­mee war nicht uner­war­tet: unab­hän­gig vom Studien- bzw. Arbeits­schwer­punkt, kommt jeder Gestal­ter mit typo­gra­fi­scher Gestal­tung und Insze­nie­rung von Inhal­ten in Berüh­rung. Ohne Kennt­nis von typo­gra­fi­schen Regeln und der Mög­lich­keit, diese bewusst zu bre­chen, kön­nen Inhalte nicht ange­mes­sen ins Visu­elle über­setzt wer­den. Neben die­ser pra­xis­na­hen Erkennt­nis inter­es­sierte uns auch, wel­chen sozio­kul­tu­rel­len Ein­fluss Schrift auf unsere Gesell­schaft hat und wie sich ihr Umgang durch Gestal­tungs­trends wan­delt.

Gliederung

Aus der Fülle der Umfrage-Antworten und eige­nen Stich­wor­ten ent­wi­ckel­ten wir eine The­men­samm­lung und inhalt­li­che Glie­de­rung, die drei Haupt­ka­pi­tel umfasst:

Kapi­tel A beschäf­tigt sich mit der his­to­ri­schen Ent­wick­lung der Schrift, ihren indus­tri­el­len Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren, den Aus­wir­kun­gen des Medi­ums auf unsere kul­tu­relle und gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung. Zudem wird Typo­gra­fie als Aus­druck poli­ti­scher Macht beschrie­ben und als gestal­te­ri­sches Stil­mit­tel, das immer auch dem Zeit­geist unter­liegt. Dass Typo­gra­fie unter Umstän­den Kunst sein kann, wird im letz­ten Teil des Kapi­tels deut­lich, weil Text auch ein eigen­stän­di­ges künst­le­ri­sches Aus­drucks­mit­tel ist.

In Kapi­tel B geht es um die hand­werk­li­chen Aspekte, wie Gestaltungs-Konventionen und die opti­male Les­bar­keit. Abschlie­ßend erfährt der Leser, das es keine »gute« oder »schlechte« Schrif­ten gibt und wie man trotz­dem eine Schrift nach objek­ti­ven Kri­te­rien aus­wäh­len kann.

In Kapi­tel C dis­ku­tie­ren Leh­rende der FH Mainz über den Sinn des Readers, was man Stu­den­ten zumu­ten kann, wel­che Gren­zen Typo­gra­fie hat und warum der Umgang damit ver­ant­wor­tungs­voll ist.

Gestaltung und Leseführung

Bereits in der frü­hen Lay­out­phase ent­schie­den wir uns, auf Abbil­dun­gen völ­lig zu ver­zich­ten: weder typo­gra­fi­sche Arbei­ten von bekann­ten Gestal­tern, noch Abbil­dun­gen der emp­foh­le­nen Bücher sol­len vom anspruchs­vol­len Text ablen­ken. Inspi­rie­rende Bei­spiele fin­det man also »extern« in den Literatur- und Link­emp­feh­lun­gen. Die Gestal­tung mit rein typo­gra­fi­schen Mit­teln ermög­lichte eine klare Lese­füh­rung auf zwei Ebe­nen. Man kann die Lite­ra­tur­emp­feh­lun­gen und Links als Essenz des Readers schnell erfas­sen und hat so bereits einen Über­blick über die wich­tigs­ten Prot­ago­nis­ten, Stich­worte und Bücher. Die the­ma­ti­schen Zusam­men­hänge lie­fern die kom­pak­ten Fließ­texte.

Uns war sehr wich­tig, eine Kate­go­ri­sie­rung der Titel vor­zu­neh­men, um deren Rele­vanz für das jewei­lige Thema zu ver­deut­li­chen und somit Ori­en­tie­rung zu geben. Bücher, die wir als Grundlagen-Lektüre als unver­zicht­bar hal­ten, sind unter der Kate­go­rie ›Fach­buch‹ zusam­men­ge­fasst. Das ›wei­ter­füh­rende Fach­buch‹ ver­tieft wich­tige The­men im Detail. Bücher der Kate­go­rie ›wei­tere Lite­ra­tur‹ bie­ten inter­es­sante Quer­ver­weise in andere Dis­zi­pli­nen wie Kunst oder Medi­en­theo­rie.

weiterführendes Fachbuch

Wir haben bewusst keine klas­si­sche Buch­ge­stal­tung ver­folgt. Es gibt weder brä­sige Kolum­nen und Buch­ti­tel­ab­bil­dun­gen noch edle Anti­quas. Statt­des­sen war uns eine ziel­grup­pen­nahe Form wich­tig, die unver­krampft und unpa­the­tisch auf­tritt. Der Reader ist zwei­spra­chig und lässt sich – je nach Sprach­wahl – von vorne und hin­ten lesen. Der deut­sche und eng­li­sche Text ist so klar von­ein­an­der getrennt.

Kritik

Die Wahl der Fließtext-Schrift Let­ter Gothic (Lino­type) wurde in Fach-Blogs kon­tro­vers dis­ku­tiert oder kri­ti­siert (siehe Links unten). Ziel unse­rer Schrift­wahl war ein aus­ge­wo­ge­nes Ver­hält­nis aus Les­bar­keit und einer rau­hen, »manu­skript­haf­ten« Aus­strah­lung des Schrift­bil­des. Wei­tere Infor­ma­tio­nen zum Thema ange­mes­sene Schrift­wahl fin­det man in Kapi­tel B2 des Readers.

Fließtext Letter Gothic

Fazit

Was macht also zusam­men­ge­fasst den Reader aus? Hier zitiere ich gerne eine Rezen­sion aus typografie.info: »Das Buch füllt eine Lücke, derer sich die meis­ten sicher­lich gar nicht bewusst waren. Man kann ihm keine kon­krete Regeln ent­neh­men und man kann es auch nicht zur Inspi­ra­tion durch­blät­tern. Statt­des­sen ver­mit­telt es einen Ein­blick in das weite Feld der Typo­gra­fie, macht neu­gie­rig und lie­fert Buch- und Link­tipps zur Ver­tie­fung.«

 

Rezen­sio­nen

typografie.info
Typo&So
Font­Blog

5 Kommentare

  1. Rainer am 19.07.2011

    Danke für den Hin­ter­grund. Könn­test du uns ver­ra­ten, wel­che Schrif­ten sonst noch im Buch ver­wen­det wur­den? Beson­ders inter­es­siert mich die holz­schnitt­ähn­li­che, fette für die Über­schrif­ten die mich an die Ketch­upa von Peter Bruhn erin­nert, aber ein schö­ne­res W besitzt.

  2. Peter am 19.07.2011

    Hallo Rai­ner,
    wir haben für die Tren­ner­sei­ten und Navi­ga­tion die Akzi­denz Gro­tesk ver­wen­det. Die Lite­ra­tur­emp­feh­lun­gen sind in der CA Aires von Cap Arcona Type Foundry gesetzt. Die gabs frü­her mal als Free­font (wie hier ver­wen­det), wird mitt­ler­weile als regu­läre Kauf-Schrift in Regu­lar und Kur­siv ange­bo­ten.

  3. Rainer am 19.07.2011

    Danke für die Zusatz­in­fos, Peter.

  4. Edmundo am 4.04.2013

    Danke für die inspi­rie­ren­den State­ments!
    Sie bitte eine große Hilfe für Unter­richts­me­te­ria­lien, Bücher­emp­feh­lun­gen, Pra­xis­ori­en­tierte und moderne Bei­spiele. Gleich habe ich das Buch bestellt und freue mich auf die Lek­türe und Input mit tol­ler gestal­tung;)

  5. Peter am 2.05.2013

    Danke für Deine loben­den Worte. Viel Spaß beim Lesen!