Thinking with Type – Grundlagen und Inspirationsquelle aus einer Hand

Als Buchliebhaber liegt mir dieses traditionelle Medium besonders am Herzen. Unter der Kategorie Buchempfehlung stelle ich zukünftig lesenswerte Fachbücher aus den Bereichen Schrift, Typografie und Medientheorie vor. Den Auftakt macht ein englischsprachiges Typografiebuch, das ich Studenten und Schriftliebhabern sehr empfehlen möchte.

Die Zahl der Ein­stiegs­bü­cher zum Thema Typo­gra­fie und Schrift ist mitt­ler­weile unüber­schau­bar. Viele Bücher wär­men ledig­lich hand­werk­li­che Grund­la­gen auf, andere zei­gen in ers­ter Linie schöne Arbei­ten, deren Halb­werts­zeit z.T. kür­zer ist, als die Erst­auf­lage. Aber nur wenige Bücher bie­ten dem Stu­di­en­be­gin­ner einen span­nen­den, unter­halt­sa­men und glei­cher­ma­ßen nach­hal­ti­gen Ein­stieg in die Welt der Schrift (siehe Buch­emp­feh­lun­gen in READ + PLAY). ›Thin­king With Type‹ ist einer die­ser gewinn­brin­gen­den Typografie-Titel. Die im Früh­jahr erschie­nene, um 48 Sei­ten erwei­terte, zweite Auf­lage ist für mich Anlass, das Buch vor­zu­stel­len.

Inhalt

Die Auto­rin, Desi­gne­rin und Dozen­tin Ellen Lupton schrieb und gestal­tete das Buch aus dem Wunsch her­aus, eine maß­ge­schnei­derte Lek­türe ihren Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten an die Hand zu geben. Das didak­tisch klar auf­ge­baute Buch glie­dert sich in die Haupt­ka­pi­tel Let­ter (Buch­stabe), Text, Grid (Ras­ter). Jedes Kapi­tel beginnt mit einem kur­zen Essay, der den geschicht­li­chen und kul­tu­rel­len Hin­ter­grund beleuch­tet und die Kom­ple­xi­tät und Bedeu­tung von Schrift und Typo­gra­fie als zen­tra­les Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel in der Gestal­tung her­vor­hebt. Auf den Fol­ge­sei­ten wer­den typo­gra­fi­sche Grund­la­gen, Prin­zi­pien, Regeln und Regel­ver­stöße erläu­tert und mit Gestal­tungs­bei­spie­len belegt.

Buchstabe

Das Kapi­tel Let­ter beschäf­tigt sich u.a. mit der Ana­to­mie der Buch­sta­ben, mit Schrift­ar­ten, Schrift­klas­si­fi­zie­rung und Schrift­mi­schung. Wort­mar­ken als Branding-Elemente wer­den behan­delt, ebenso wie Schrift­for­mate und Begriffe aus der Schrift­tech­no­lo­gie. Wer bei­spiels­weise wis­sen möchte was eine Schrift von einem Font unter­schei­det, wird hier fün­dig. Die Auto­rin behan­delt auch medi­en­spe­zi­fi­schen Beson­der­hei­ten von Schrift auf dem Screen und stellt Pixel- und Web-Fonts kurz vor.

Text

Im zwei­ten Kapi­tel geht es um Buch­sta­ben als Fließ­text bzw. Text­kör­per. Satz­ar­ten und -tech­ni­ken, sowie Aus­zeich­nungs­mög­lich­kei­ten von Tex­ten wer­den anschau­lich beschrie­ben. Die wich­tigs­ten Metho­den zur Orga­ni­sa­tion von Tex­ten sind unter dem Thema Schrift-Hierarchien zusam­men­ge­fasst. Hier erläu­tert Lupton, wie redak­tio­nelle Inhalte mit Hilfe von Stil­vor­la­gen und typo­gra­fi­schen Aus­zeich­nun­gen visu­ell auf­be­rei­tet wer­den kön­nen, um die Bot­schaft mög­lichst wir­kungs­voll zu kom­mu­ni­zie­ren.

Raster

Das dritte Kapi­tel wid­met sich dem Ras­ter als moder­nes Gestal­tungs­mit­tel. Eine kurze geschicht­li­che Ein­füh­rung führt vom klas­si­schen Satz­spie­gel der tra­di­tio­nel­len Buch­ge­stal­tung über Jan Tschi­cholds kon­struk­ti­ver Neuen Typo­gra­fie hin zum ratio­na­len, pro­gram­ma­ti­schen Ansatz des Inter­na­tio­na­len Schwei­zer Stils. Zeit­ge­nös­si­sche ein- und mehr­spal­tige Print­pu­bli­ka­tio­nen, sowie Web­sites zei­gen Ras­ter als uni­ver­sel­les Orga­ni­sa­ti­ons­mit­tel, die je nach Umfang und Kom­ple­xi­tät des Inhalts einen fle­xi­blen Gestal­tungs­rah­men bie­ten.

Übungen

Die vor­ge­schla­ge­nen Übun­gen stam­men aus der Lupt­ons Lehr- und Arbeits­pra­xis und sind — sofern nicht bereits in ähn­li­cher Form aus dem Typo­gra­fie­se­mi­nar bekannt — sinn­volle Ergän­zun­gen zum Grundlagen-Selbststudium.

Kritik

›Thin­king With Type‹ ist ein kom­pak­tes und mit Infor­ma­tio­nen reich gespick­tes Hand­buch, das den durch­schnitt­lich inter­es­sier­ten Stu­den­ten leicht über­for­dern kann. Wer sich nur über die wich­tigs­ten hand­werk­li­chen Grund­la­gen infor­mie­ren und über die Geschichte des Medi­ums lesen möchte, benö­tigt nicht zwin­gend Infos über Schrift­de­sign oder »Nerd«-Tipps zum Fein­tu­nen.

Lei­der fehlt ein Glos­sar, dass die Fach­be­griffe über­sicht­lich zusam­men­fasst. Merk­wür­dig finde ich das Umbruch­ver­hal­ten, da im gesam­ten Fließ­text keine ein­zige Sil­ben­tren­nung ange­wen­det wird. Das Ergeb­nis ist ein gele­gent­lich recht unru­hig wir­ken­des Satz­bild mit z.T. stö­ren­den Form­satz­ele­men­ten. Ein wei­te­rer Wehr­muts­trop­fen: die zweite Auf­lage gibt es momen­tan nur in der eng­li­schen Ori­gi­nal­fas­sung. Laut Ver­lag ist eine deutsch­spra­chige Adap­tion vor­erst nicht geplant.

Fazit

›Thin­king With Type‹ ist eine Lie­bes­er­klä­rung an Schrift und Typo­gra­fie. Schon das Blät­tern im anspre­chend gestal­te­ten Buch macht Lust auf mehr, regt an und inspi­riert. Ellen Lupton beschreibt in den ein­füh­ren­den Essays kennt­nis­reich und ver­ständ­lich die Ent­wick­lung und Bedeu­tung von Schrift, Text und Ras­ter. Beim Lesen wird klar, dass Typo­gra­fie das zen­trale Fach in der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­tion ist und die ver­schie­de­nen visu­el­len Design-Disziplinen ver­knüpft.

Anhand anschau­li­cher Bei­spiel wer­den die wich­tigs­ten typo­gra­fi­schen Prin­zi­pien erläu­tert, nütz­li­che Insider-Tipps sind auch für Fort­ge­schrit­tene sehr auf­schluss­reich. Zahl­rei­che wei­ter­füh­rende (eng­lisch­spra­chi­gen) Buch­emp­feh­lun­gen bie­ten die Mög­lich­keit des ver­tie­fen­den Stu­di­ums. Sehr gut aus­ge­wählt sind die her­vor­ra­gen­den, teils ganz­sei­tig abge­bil­de­ten Bei­spiele aus der US-amerikanischen und euro­päi­schen Design­szene. Sie demons­trie­ren ein­drucks­voll die Viel­falt und Mög­lich­kei­ten von Typo­gra­fie glei­cher­ma­ßen als kon­zep­tio­nel­les Werk­zeug und visu­el­les Stil­mit­tel.

Wer nur typo­gra­fi­sche Regeln ler­nen möchte, ist mit ande­ren Büchern wahr­schein­lich bes­ser bera­ten. Wer sich für Schrift und Typo­gra­fie begeis­tern kann, wird mit ›Thin­king With Type‹ eine unglaub­li­che Wissens- und Inspi­ra­ti­ons­quelle fin­den, die man wäh­rend und nach dem Stu­dium immer wie­der gerne zur Hand nimmt.

 

Allgemeine Informationen

Thin­king with Type: a cri­ti­cal guide for desi­gners, wri­ters, edi­tors & stu­dents
Ellen Lupton
eng­lisch
2. über­ar­bei­tete und erwei­terte Auf­lage, 2010
Prince­ton Archi­tec­tu­ral Press, New York
ISBN 978−1−56898−969−3
224 Sei­ten
21,3 x 17,8 cm
ca. 17,70 €

Weitere Informationen

www.thinkingwithtype.com
Auf der Web­site sind alle typo­gra­fi­schen Grund­la­gen­the­men des Buches zusam­men­ge­tra­gen — sehr emp­feh­lens­wert!