Schriftwahl professionell, Teil 2 — lineare Leselangstrecken

Warum gibt es überhaupt so unglaublich viele Schriften? Das lässt sich vor allem mit der Gestaltungsfreude ihrer Schöpfer erklären. Aber es liegt auch an der Vielzahl ihrer Verwendungsmöglichkeiten und dem Wunsch nach Differenzierung und Spezialisierung. Es gibt Schriften für Magazine, Zeitungen, für literarische Texte, für Kleingedrucktes in Telefonbüchern, für Lexikas, für Verkehrsschilder, für die Verwendung auf kleinen Smartphone-Displays, für Werbeplakate, etc.

Wenn ähn­li­che Schrif­ten mit glei­chen for­ma­len Merk­ma­len für einen bestimm­ten Ver­wen­dungs­zweck ein­ge­setzt wer­den, ent­ste­hen mit der Zeit Seh­ge­wohn­hei­ten und Kon­ven­tio­nen. Schrif­ten laden sich durch den Gebrauch mit Asso­zia­tio­nen auf. Die­sen visu­el­len Erfah­rungs­schatz kann sich der Gestal­ter zu Nut­zen machen. Er kann die (oft­mals unbe­wusste) Erwar­tungs­hal­tung der Ziel­gruppe mit einer bewähr­ten Schrift bzw. Schrift­art bedie­nen, oder sie gezielt mit einer uner­war­te­ten Schrift bre­chen, um für Auf­merk­sam­keit zu sor­gen.

Die fol­gen­den (und erwei­ter­ten) Anwen­dungs­ge­biete schlägt Indra Kup­fer­schmid in ihrem sehr emp­feh­lens­wer­ten Grund­la­gen­buch ›Buch­sta­ben kom­men sel­ten allein‹ vor. Sie haben nicht den Anspruch auf Voll­stän­dig­keit, decken aber die wich­tigs­ten Berei­che aus dem Gestal­ter­le­ben ab:

Lesetexte für lange literarische Strecken — Roman

Die Kri­te­rien für den Satz von lan­gen, linea­ren Tex­ten haben sich seit Guten­berg kaum ver­än­dert. In Sachen Lese­kom­fort sind die meis­ten Men­schen näm­lich kon­ser­va­tiv. Der Roman besitzt einen har­mo­ni­schen Satz­spie­gel und aus­ge­wo­gene Pro­por­tio­nen der Sei­ten­rän­der. Der Text läuft gemäch­lich, wie ein gro­ßer Strom durch das Buch. Von den Über­schrif­ten abge­se­hen, gibt es meis­tens kaum beson­ders her­vor­ge­ho­bene Text­ebe­nen. Lese­kom­fort bedeu­tet, dass die Zei­len flüs­sig und stö­rungs­frei gele­sen wer­den kön­nen. Der Leser ist gewis­ser­ma­ßen im »Auto­mo­dus«: er liest ohne sich dar­über Gedan­ken zu machen. Eine gute Text­schrift für sol­che Lang­stre­cken sollte fol­gende Merk­male besit­zen:

  • Sie sollte mög­lichst zurück­hal­tend sein und darf keine auf­fäl­li­gen for­ma­len Eigen­schaf­ten zei­gen (z.B. extreme Strich­stär­ken­un­ter­schiede, schmale oder breite Schrif­ten), die den Lese­fluss stö­ren.
  • Sie muss gut leser­lich sein, d. h. ein flüs­si­ges und stö­rungs­freies Lesen gewähr­leis­ten. Leser­lich­keit bedeu­tet, die Schrift­zei­chen wer­den klar erkannt und unter­schei­den sich deut­lich von­ein­an­der. Sie hängt zudem von der Qua­li­tät des Text-Satzes ab. Der Begriff Les­bar­keit dage­gen meint das Text­ver­ständ­nis. Wenn der Leser einen Text sprach­lich und inhalt­lich ver­steht, dann ist er les­bar.
  • Anti­quas sind für lange lineare Lese­stre­cken eher geeig­net als Gro­tesk­schrif­ten, da sie for­men­rei­cher sind und ein leben­di­ge­res Schrift­bild besit­zen. Die erste Wahl sind Anti­quas mit dyna­mi­schem For­men­prin­zip.

Schrif­ten: Gara­mond, Gal­li­ard, Adobe Minion, Adobe Jen­son, DTL Fleisch­mann, Cen­taur Mono­type, Bas­ker­ville, ITC Men­doza, Novel, Plan­tin, Qua­draat, Tri­nité u.a.

Zur wei­teren Lek­türe:
Schrift­wech­sel; Ste­pha­nie & Ralf de Jong
Buch­sta­ben kom­men sel­ten allein; Indra Kup­fer­schmid

 

Aus­blick:
In Teil 3 geht es um Zei­tungs­schrif­ten.