Schriftwahl professionell, Teil 3 — Zeitungsschriften

Das Medium Zeitung war schon immer eine große Herausforderung für Schriften. Früher wurden Zeitungen im Rotations-​Hochdruckverfahren bei sehr hoher Geschwindigkeit auf Papier von minderer Qualität gedruckt. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts waren oft klassizistische Antiquaschriften mit ihren zu spitzen und feinen Haarstrichen im Gebrauch. Diese waren für die brutalen Produktionsbedingungen jedoch schlichtweg ungeeignet.

Times New Roman und Legibility-​Group

Am 3. Oktober 1932 erschien die bri­ti­sche Tages­zei­tung ›The Times‹ erst­mals mit einer neuen, spe­ziell für den Zei­tungs­satz ent­wor­fenen Schrift: die Times New Roman. Sie wurde ein großer kom­mer­zi­eller Erfolg und ist heute — auch dank der Ver­brei­tung als Sys­tem­schrift auf den PCs — eine der welt­weit ver­brei­tetsten latei­ni­schen Schriften. Eben­falls in den 30er Jahren brachte Lino­type eine Reihe Anti­quas unter der Bezeich­nung Legibility-​Group heraus. Sie wurden spe­ziell für den Zei­tungs­satz ent­wi­ckelt und besaßen im Ver­gleich zu ihren klas­si­zis­ti­schen Vor­gän­gern kon­tra­stär­mere Buch­staben und hori­zontal betonte Run­dungen. Bekann­teste Ver­treter sind Excel­sior und Corona.


Die Haus­schrift der Süd­deut­schen: Excel­sior.

Die Swift — eine moderne niederländische Zeitungsschrift

Heute werden Zei­tungen im fle­xi­blen Rol­len­off­set­druck in einer bes­seren  Qua­lität pro­du­ziert. Dieser Umstand ermög­lichte Schrift­ge­stal­tern, neue Wege im Typede­sign zu gehen. So schuf Gerard Unger Mitte der 80er Jahre mit der Swift eine der ersten modernen Zei­tungs­schriften. Ihre Buch­staben sind nüch­tern und auf­ge­räumt. Über­flüs­sige Details lies er weg oder ver­ein­fachte die Trop­fen­formen, wie beim kleinen ›a‹. Cha­rak­te­ris­tisch sind die kräf­tigen, drei­eckigen Serifen. Die Swift wirkt bei­nahe holz­schnitt­artig, was ihr in großen Graden eine gewisse Härte ver­leiht. Im Fließ­text ist davon jedoch kaum etwas zu spüren.

Die ori­gi­näre For­men­sprache der Swift findet man auch bei anderen Zei­tungs­schriften Ungers: Coranto, Gul­liver, Vesta (eine Sans Serif).

Zeitgenössische amerikanische Zeitungsschriften

In den USA und Groß­bri­ta­nien waren ab der Mitte des 19. Jahr­hun­derts Scotch Romans beliebt. Dieser Sam­mel­be­griff umschreibt lose anglo­ame­ri­ka­ni­scher Satz­schriften, die sich an der klas­si­zis­ti­schen Bodoni und Didot ori­en­tieren, aber formal gefäl­liger wirken. Sie besitzen weniger Strichstärken-​Kontraste und gerun­dete Serifen-​Übergänge.

In den letzten 20 Jahren kamen viele zeit­ge­nös­si­scher Scotch Roman Inter­pre­ta­tionen auf den Markt. Die wich­tigsten Impuls­geber waren The Font Bureau (Boston) und Hoefler & Frere-​Jones (New York). Beide Type Foundries bieten gut aus­ge­baute Zei­tungs­schriften an, die teil­weise exklusiv von den Auf­trag gebenden Zei­tungen benutzt werden. Diese Schriften ver­sprühen einen anglo­ame­ri­ka­ni­sche Charme, sind aber har­mo­ni­scher gezeichnet und wirken geschmei­diger als ihre Scotch Roman Vor­fahren. Einige Ver­treter sind: Miller, Scotch, Escrow (alle 3 Font Bureau), Chro­nicle Text, Sen­tinel (beide Hoefler & Frere-​Jones).

FB Miller in ›The Guar­dian‹, ca. 2004 (vor dem Rede­sign).

Zusammenfassung: Merkmale moderner Zeitungsschriften

  • Moderne Zei­tungs­schriften besitzen in der Regel einen geringen Kon­trast – Aus­nahmen sind die ame­ri­ka­ni­schen Scotch Roman Inter­pre­ta­tionen. Wich­tige Buch­sta­ben­formen sind offen, wie z.B. beim kleinen a, e, s, um ein Zulaufen zu ver­hin­dern.
  • Eines ist den meisten Zei­tungs­schriften gemein: ihre großen x-​Höhen bringen mehr Licht in das Schrift­bild. Man kann sie kleiner setzen und die kurzen Ober- und Unter­längen lassen einen kom­pakten Satz mit geringem Zei­len­ab­stand zu.
  • Raum ist Geld. Viele Zei­tungs­schriften sind ein wenig schmaler gezeichnet, um mög­lichst viel Text unter­zu­bringen.

Wie steht es aber um die Lese­qua­lität? Die ist tat­säch­lich nicht optimal: viel Text in engen Spalten, zu wenig Zei­len­ab­stand, dann auch noch Block­satz und ein oft ungleich­mäs­siges, löch­riges Schrift­bild. Da müssen Über­schriften, Dach­zeilen, Zwi­schen­über­schriften, Zitate (und Fotos) schon sehr attraktiv sein, um den Leser in den Artikel hinein zu ziehen. Für diese Aufmacher-​Texte werden manchmal spe­zi­elle Display-​Schnitte der Text­schrift ein­ge­setzt oder man ver­lässt sich auf span­nungs­reiche Schrift­mi­schungen, z.B. schmal­fette Gro­tesk für Über­schriften, Antiqua für Fließ­texte.

Wei­tere Schriften für Zei­tungs­satz: Charter, Lino Letter, The Antiqa A, Greta, Fedra Serif B, Periódico, Freight Text, Tisa, Taz, Bell Gothic

Zur wei­teren Lek­türe:
Schrift­ana­lysen, Band II; Max Caf­lisch
Schrift für Maga­zine und Zeit­schriften in Publisher; Aus­gabe 1, 2011

 

Aus­blick:
In Teil 4 geht es um Display-​Schriften.