Schriftwahl professionell, Teil 4 — Displayschriften

Der Begriff Display-​Schrift wird heute recht schwammig verwendet. Oft fasst man sehr verallgemeinernd alle Schriften zusammen, die keine Satzschriften sind. Tatsächlich leitet sich der Begriff von dem englischen Verb ›to display‹ ab (etwas zur Schau stellen). Der entsprechende deutsche Begriff Schaugrad bezeichnet Schriftgrade ab 14 pt.

Bleiletter — Titlingschnitte für Überschriften

Der Schrift­schneider (gleich­be­deu­tend mit dem Stem­pel­schneider) fer­tigte jeden Buch­staben eines Schrift­schnitts in meh­reren Graden an. Als Schrift­grad bezeichnet man die unter­schied­lich großen Blei­letter einer ein­zigen Schrift. Gemessen wird der Schrift­grad nicht am Zei­chen selbst, son­dern an der Größe des Kegels.

Der Schrift­schneider passte die Schrift­schnitte in den ver­schie­denen Graden optisch an, um Beson­der­heiten in der Druck­technik aus­zu­glei­chen und den Cha­rakter des Schrift­bildes zu wahren. In kleinen Schrift­graden wurden die Zei­chen ein wenig kräf­tiger und breiter ange­legt. Umge­kehrt wurden sehr große Schrift­grade, die Titling-​Schnitte (ab etwa 24 pt), feiner und detail­rei­cher geschnitten.

Digitale Schriften — eine Schriftzeichnung für alle Größen

Im Foto­satz und in der digi­talen Schrift­ge­stal­tung dagegen wird jedes Zei­chen in der Regel nur einmal für alle Schrift­größen als Out­line gezeichnet und im DTP-​Programm ska­liert. Was zunächst wie eine kom­for­table Arbeits­er­leich­te­rung für den Schrift­de­si­gner scheint, ist ein Fluch für den anspruchs­vollen Typo­grafen. Eine har­mo­nisch wir­kende Satz­schrift erscheint in klein gesetzten Mar­gi­na­lien mög­li­cher­weise zu dürr und fein. In Über­schriften dagegen treten Buch­sta­ben­de­tails in den Vor­der­grund, die für das har­mo­ni­sche Schrift­bild im Men­gen­satz wichtig sind, hier jedoch eigen­willig grob wirken können.

Optische Größen

Zurück zu den Wur­zeln: eine über­schau­bare Zahl von his­to­ri­schen und zeit­ge­nös­si­schen Anti­quas wurden in Rück­be­sin­nung auf die Schriftschneider-​Tradition in meh­reren opti­schen Größen gezeichnet. Adobe bietet bei­spiels­weise ein paar Schriften mit opti­schen Größen an und unter­teilt sie in fol­gende Kate­go­rien:

  • cap­tion: 6 bis 8 Punkt
  • regular: 9 bis 13 Punkt
  • subhead: 14 bis 24 Punkt
  • dis­play: 25 bis 72 Punkt

Im Ver­gleich zu den alt­ehr­wür­digen Schrift­schnei­dern mag der Auf­wand für die Zeich­nung von vier Design­größen noch halb­wegs »über­sicht­lich« sein. Tat­säch­lich ist dies ein sehr zeit­auf­wen­diger Pro­zess, da die Schnitte nicht inter­po­liert werden, son­dern jeweils neu gezeichnet werden müssen. Auf jeden Fall ist dieser Ansatz gut, um den Lese­ge­wohn­heiten von gän­gigen Text­größen gerecht zu werden und die Über­sicht (noch) nicht zu ver­lieren. Denn zu viele opti­sche Schrift­größen sind kaum mit ver­tret­baren Auf­wand hand­zu­haben — die Multiple-​Master-​Technologie von Adobe ist ein gutes Bei­spiel für ein zu viel an Mög­lich­keiten. Desi­gner und Typo­grafen mögen es in der täg­li­chen Arbeit dann doch prak­ti­scher.

Merkmale der Titling-​Schnitte

  • sub­ti­lere Details als in Text­größen (fei­nere Serifen und Srich­über­gänge)
  • ein höherer Strich­kon­trast durch fei­nere Haar­li­nien
  • schma­lere Zei­chen
  • die Zurich­tung ist enger
  • keine Ink Traps (»Tin­ten­fallen«)

Schriften mit opti­schen (und Titling-) Größen: War­nock Pro Opti­cals, Mer­cury Dis­play, Greta Dis­play, Mini­onPro Opti­cals, Gara­mond Pre­mier Pro Opti­cals, Utopia Std Opti­cals

Tipps für den Satz von Überschriften

Was tun, wenn sich für ein Pro­jekt keine Schriften mit opti­schen Größen anbieten? Ent­weder zwei unter­schied­liche Schriften mischen, z.B. Antiqua für den Fließ­text und Gro­tesk für die Über­schriften. Oder, wenn die Über­schriften zurück­hal­tend sein sollen, leichte bis sehr leichte Schnitte ver­wenden. Die Über­schriften und andere große Text­ebenen (Zitate) sollten immer unter­schnitten werden — wie stark hängt von der Schrift selbst und von der ver­wen­deten Größe ab.

Zur wei­teren Lek­türe:
typo​grafie​.info
Detail­ty­po­grafie; Fried­rich Forssman, Ralf de Jong
Schrift­schneiden zu Blei­satz­zeiten: Coun­ter­punch; Fred Smei­jers
tra
ditio­nelle Bezeich­nungen von Schrift­graden

Schlagzeilen zum Frühstück

Im Zeitungs- und Zeit­schrif­ten­be­reich geht es oft lauter zu. Extrem fette Schriften sollen den Über­schriften Nach­druck ver­leihen. Der Wer­be­spruch der größten deut­schen Boulevard-​Zeitung ist nicht nur inhalt­lich Mist: es müsste eigent­lich heißen: »Lies Dir Deine Mei­nung«. Tat­säch­lich prägen über­große, beson­ders fette und farbig kon­tras­tie­rende Schlag­zeilen das Titel­blatt. Das Motto lautet: so laut wie mög­lich, so groß wie mög­lich, so prä­gnant wie mög­lich. Wer erin­nert sich nicht an die berühmte Schlag­zeile »Wir sind Papst«?

Als Schlag­zei­len­geber sind seri­fen­lose Schriften ange­sagt, denn sie müssen platz­spa­rend sein und haben oft kaum noch weiße Buchstabeninnen- und -zwi­schen­räume. Dadurch wirken die Über­schriften noch fetter und wuch­tiger. Wenn Seri­fen­schriften ein­ge­setzt werden, dann zumeist Egyp­ti­enne.

Eine Aus­wahl an Schlagzeilen-​Schriften: Impact, Aachen Bold, Ampli­tude Con­densed Ultra, Antenna Com­pressed Black, Tit­ling Gothic Com­pressed Black, Beton Extra Bold

Zur wei­teren Lek­türe:
Über Schrift, Erik Spie­ker­mann

3 Kommentare

  1. Maik am 18.08.2011

    Die Bild darf man ja gar nicht als Refe­renz her­an­ziehen. Sonst reißt sie einem alles aus den Fugen. Aber toll erklärt :)

  2. Frank J. am 6.09.2012

    Nicht »Les Dir Deine Mei­nung«, son­dern »Lies Dir Deine Mei­nung« sollte es heissen.

  3. glaab am 18.09.2012

    »Lies Dir Deine Mei­nung« sollte es heissen.
    Stimmt!