Explorations in Typography — Mastering the Art of Fine Typesetting

Bücher über Typografie gibt es mittlerweile so viele, dass man sich fragen kann, ob überhaupt noch etwas »Neues« erscheinen kann, dem man einen Nutzen abgewinnen kann. Ich meine damit nicht die zahlreichen Werkschau-Bücher und Jahreswettbewerbs-Bücher, die schön anzuschauen sind, aber keinen echten Mehrwert haben, sondern Lehr- oder Grundlagenbücher.

Umso über­rasch­ter war ich, als ich im Früh­jahr von einem Buch las, das weder Werk­schau noch klas­si­sches Lehr­buch ist und mich sofort bren­nend inter­es­sierte: ›Explo­ra­ti­ons in Typo­gra­phy‹ von Caro­lina de Bar­tolo.

Was ist das Besondere an diesem Buch?

Das Buch basiert auf fol­gen­den Fra­gen: Wie schafft es eine Dozen­tin, Grund­la­gen der Typo­gra­fie prak­tisch zu ver­mit­teln? Wie kann sie ein Gespür für Gliederungs- und Akzen­tu­ie­rungs­mög­lich­kei­ten von Spra­che und deren visu­el­len Textsatz-Gestaltung för­dern? Wie ler­nen Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten Schrif­ten und deren Cha­rak­te­ris­tika ken­nen? Die Ant­wort ist ein ein­fa­ches, wie über­zeu­gen­des Kon­zept: Explo­ra­ti­ons in Typo­gra­phy sind kleine Übun­gen, die alle grund­le­gen­den Regeln des Men­gen­schrift­sat­zes behan­deln und die Absatz­kenn­zeich­nun­gen und Text­hier­ar­chien auf dem Grund gehen. Doch der Reihe nach.

Der Aufbau des Buches

Das Prin­zip ist ein­fach: Auf jeder Seite wird ein Text­satz anhand bestimm­ter typo­gra­fi­schen Vor­ga­ben gestal­tet. Das visu­elle Text­buch ist in 24 Kapi­tel unter­teilt, die jeweils eine Auf­ga­ben­stel­lung in meh­re­ren Lösungs­bei­spie­len zei­gen. Im ers­ten Kapi­tel geht es recht ein­fach los, da der Text ledig­lich durch Ein­züge der Absätze geglie­dert wer­den soll. Die Übun­gen wer­den nach und nach kom­ple­xer und for­dern die kom­plette Band­breite an typo­gra­fi­schen Auszeichnungs- und Glie­de­rungs­mit­teln. So zei­gen die abge­bil­de­ten Textsatz-Beispiele ver­schie­denste Dif­fe­ren­zie­rungs­mög­lich­kei­ten durch Varia­tio­nen in der Schrift­größe, im Zei­len­ab­stand, in der Satz­art, in der Lauf­weite, in den Ein­zü­gen, in der Kolum­nen­breite, in der Ver­wen­dung von Initia­len, Kapi­täl­chen, gra­fi­schen Ele­men­ten und in der Schrift­mi­schung.

Zu jedem Textsatz-Beispiel wer­den nütz­li­che Infos ange­bo­ten: Eine Beschrei­bung der typo­gra­fi­schen Aus­zeich­nungs­me­thode und deren Wir­kung, eine Beschrei­bung der ver­wen­de­ten Schrif­ten sowie die typo­gra­fi­schen Para­me­ter (Schrift­größe, Zei­len­ab­stand, Lauf­weite). Alle abge­bil­de­ten Bei­spiele stam­men aus den Typografie-Seminaren von Caro­lina de Bar­tolo. Um eine bes­sere Ver­gleich­bar­keit der Textsatz-Beispiele zu ermög­li­chen, hat sich die Auto­rin einen Text aus Erik Spie­ker­manns ›Stop Ste­aling Sheep‹ geschnappt, der auf jeder Seite neu insze­niert wurde.

Kritik

In einem Fach­blog bemän­gelte ein Kol­lege das Kon­zept als nicht kon­se­quent zu Ende gedacht, weil sei­ner Mei­nung nach alle Textsatz-Beispiele in der glei­chen Schrift gesetzt wer­den soll­ten. Das mag für einen direk­ten Ver­gleich stim­men. Ich finde es den­noch char­man­ter, wenn man auf jeder Seite andere Schrif­ten sieht. Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten wird es wohl eher rei­zen, neben bereits bekann­ten, neue Schrif­ten ken­nen­zu­ler­nen und aus­zu­pro­bie­ren.

Es gibt ein paar Dinge, die ich per­sön­lich kri­tik­wür­dig finde: Das Buch tritt optisch anspre­chend auf, hat sogar einen gelb gefärb­ten Farb­schnitt. Lei­der ist das Papier recht steif und unge­schmei­dig. Auch wegen des gro­ßen Buch­for­mats von 24 × 31 cm fällt das Papier nicht beson­ders gut.

Der gra­vie­ren­dere Man­gel sind aber die oft zu klein gesetz­ten Schrif­ten. Gerade Anti­quas kön­nen in 7 oder 8 Punkt ihren Cha­rak­ter kaum ent­fal­ten, davon abge­se­hen, dass dies keine Schrift­grade für län­gere Texte sind. Schade!

Es könnte der Ein­druck ent­ste­hen, dass das Buch dank der 171, über­wie­gend aus der FontShop-Bibliothek stam­men­den Schrif­ten, ein FontShop-Schriftmusterbuch ist. Im Anhang wer­den denn auch alle ver­wen­de­ten Schrif­ten fein säu­ber­lich auf­ge­lis­tet, zudem gibt es eine Liste aller Schrift­mi­schun­gen.

In meh­re­ren Bei­spie­len wer­den unge­wöhn­li­che bis schräge Schrif­ten und Schrift­mi­schun­gen gezeigt, die im nor­ma­len Gestaltungs-Alltag untaug­lich sind, weil die Schrif­ten ent­we­der nicht zum Text­in­halt pas­sen oder zu geschmäck­le­risch sind (z.B. FF Speak als Fließ­text mit Demo­cra­tia als Aus­zeich­nungs­schrift). Hier wäre es hilf­reich, diese extre­men Bei­spiele im Typografie-Seminar zu hin­ter­fra­gen und zu bespre­chen.

Fazit

Aus der Masse der Typografie-Lehrbücher hebt sich die­ses gut gestal­tete Buch wohl­tu­end her­vor. Es ist kein theoretisch-abstraktes Buch, son­dern ein »Schau­buch« für Text­satz. Es nutzt die große Stärke der visu­el­len Gestal­tung und Typo­gra­fie: das Schauen und Lesen der Bei­spiele schult das eigene Gespür für Schrift und Satz, man lernt bewusst und unbe­wusst. Alleine die zahl­rei­chen Dif­fe­ren­zie­rungs­mög­lich­kei­ten der ein­zel­nen Textsatz-Beispiele wir­ken erfri­schend und machen Lust auf mehr. Trotz der teil­weise schrä­gen Schrift­wahl und lei­der oft zu klein gesetz­ten Schrif­ten, ist das Buch eine gute Inspi­ra­ti­ons­quelle. Die Übun­gen zei­gen, wie wich­tig es ist, die hand­werk­li­chen Regeln zu trai­nie­ren und durch die Varia­tio­nen sein eige­nes gestal­te­ri­sches Reper­toire zu erwei­tern.

›Explo­ra­ti­ons in Typo­gra­phy‹ emp­fehle ich allen Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten, die sich für Buch­ge­stal­tung, Maga­zin­ge­stal­tung oder Mengentext-Inszenierungen im All­ge­mei­nen inter­es­sie­ren und sich bereits Grund­kennt­nisse in Typo­gra­fie ange­eig­net haben.

 

All­ge­meine Infor­ma­tio­nen
Explo­ra­ti­ons in Typo­gra­phy —
 Mas­te­ring the Art of Fine Typeset­ting
Caro­lina de Bar­tolo with Erik Spie­ker­mann
eng­lisch
1. Auf­lage, 2011
101 Edi­ti­ons San Anselmo, CA
ISBN 978−09843707−8−8
188 Sei­ten
24 × 31 cm
ca. 65 $ + Ver­sand

 

Wei­tere Infor­ma­tio­nen
http://explorationsintypography.com
Das Buch kann nur auf der Web­site bestellt wer­den. Für Stu­den­ten gibt es einen Preis­nach­lass, Sam­mel­be­stel­lun­gen sind mög­lich. Als Bon­bon kann man hier inter­ak­tiv vor­ge­ge­bene Text­satz­bei­spiele edi­tie­ren, wie sie im Buch vor­kom­men.