Stellenanzeigen unter der mikrotypografischen Lupe

Passend zur Buchbesprechung zu ›Das Detail in der Typografie‹ geht es in diesem Artikel um die Wahl der typografischen Mittel bei zwei Stellenanzeigen in einer regionalen Anzeigenbeilage. Ich blieb deshalb daran hängen, weil sie trotz ähnlichem Inhalt und Struktur, völlig unterschiedlich wirken. Das liegt natürlich am Layout, aber auch an typografischen Details.

Genereller Eindruck der Stellenanzeigen

Vom Lay­out und der Farb­ge­bung abge­se­hen, fällt sofort auf, dass sich Schrift­bild und Grau­wert deut­lich von­ein­an­der unter­schei­den.* Der Text­block der WIKA-Anzeige wirkt kom­pakt und das Schrift­bild recht dun­kel und dicht ― ins­ge­samt wenig ein­la­dend. Bei der Rexroth-Anzeige erscheint der Text dage­gen locke­rer und lich­ter. Das Schrift­bild wirkt sehr homo­gen. Eine kurze Ana­lyse zeigt, warum das so ist.

WIKA

Haus­schrift ist die Hel­ve­tica, hier in den Schnit­ten Regu­lar und Bold ver­wen­det. Ein cha­rak­te­ris­ti­sches Merk­mal sind die geschlos­se­nen Buch­sta­ben­for­men, die keine guten Wort­bil­der erge­ben, die für die Les­bar­keit sehr wich­tig sind. Der dunkle Grau­wert liegt auch an der zu gerin­gen Lauf­weite, die im ver­wen­de­ten Schrift­grad (ca. 8 Punkt) wei­ter gewählt sein sollte. Ins­be­son­dere für die auf blauem Fond ste­hen­den Text­in­fos über das Unter­neh­men ist deut­lich mehr Lauf­weite zu emp­feh­len, weil die nun blauen Zeichen-Zwischenräume optisch klei­ner wir­ken.

Ver­bes­se­rungs­vor­schläge:  Mehr Lauf­weite, etwas grö­ße­rer Zei­len­ab­stand ― dadurch kommt mehr Licht in den Text, er wirkt freund­li­cher. Ich würde die Auf­zäh­lungs­punkte etwas klei­ner ein­set­zen, weil sie doch recht bra­chial erschei­nen. Die Stel­len­be­zeich­nung ›Kon­struk­teur (w/m)‹ ist eben­falls einen Blick wert: hier kann der Zwi­schen­raum vor und nach dem Schräg­strich etwas grö­ßer sein und die Klam­mer­zei­chen einen Tick nach oben gescho­ben wer­den, damit sie optisch nicht nach unten durch­hän­gen. Alter­na­tiv zur bün­di­gen Lis­ten­dar­stel­lung könnte man die Glie­de­rungs­punkte nach links aus der Text­kante hin­aus­zie­hen. Ich habe ver­sucht, die Ver­bes­se­rung zu simu­lie­ren, soweit es sich am Bild­schirm dar­stel­len lässt.

Rexroth

Für die Anzeige kommt die Bosch Sans zum Ein­satz. Die exklu­sive Haus­schrift des Mut­ter­kon­zerns wird in Regu­lar und Bold ver­wen­det. Obwohl sie auch der Gruppe der sta­ti­schen Gro­tesk­schrif­ten zuge­ord­net wird, ist der Unter­schied zur Hel­ve­tica augen­fäl­lig: die Buch­sta­ben­for­men sind deut­lich offe­ner (vgl. e, a, s, c), was für bes­sere Wort­bil­der sorgt. Der Rhyth­mus und Grau­wert des Schrift­bilds ist sehr gleich­mä­ßig, weil das Licht zwi­schen den Buch­sta­ben­in­nen­räume und Buch­sta­ben­zwi­schen­räume sehr homo­gen ver­teilt ist. Zudem wirkt die Lauf­weite ange­nehm weit und der Zei­len­ab­stand ist groß­zü­gig gewählt. Als Glie­de­rungs­zei­chen wer­den Pfeile ver­wen­det, die etwas ele­gan­ter sind, wie die Qua­drate in der WIKA-Anzeige. Das Zusam­men­spiel von Schrift­cha­rak­ter und der rich­ti­gen Jus­tie­rung der typo­gra­fi­schen Mit­tel führt zu dem erfreu­li­chen, sou­ve­rä­nen Gesamt­ein­druck.

Ver­bes­se­rungs­vor­schläge: Viel Grund zur Bean­stan­dung gibt es nicht, ledig­lich der Leer­raum zwi­schen ›z. B.‹ ist zu groß. Hier emp­fehle ich 18 Geviert als Zwi­schen­raum.

Fazit

Die Les­bar­keit und ein pro­fes­sio­nel­ler Auf­tritt in der Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­tion (und natür­lich in jeg­li­cher Form der text­li­chen Kom­mu­ni­ka­tion) hän­gen im erheb­li­chen Umfang von der rich­ti­gen Wahl der typo­gra­fi­schen Mit­tel ab. Selbst mit einer völ­lig aus­tausch­ba­ren Haus­schrift, wie die Hel­ve­tica, lässt sich ein sau­be­res, wenn auch nicht eigen­stän­di­ges, Erschei­nungs­bild umset­zen.

* Die Rexroth-Anzeige hat im oberen Drittel ein Image-Bildmotiv, das ich bewusst weggeschnitten habe, weil der Fokus auf der Mikrotypografie liegt.