Bilder regieren unser Leben — Essay

Dieses Essay handelt von der visuellen Manipulation in den Massenmedien. Der Fokus liegt auf der Manipulation durch Bilder (und Text) in den klassischen Massenmedien (Print, Fernsehen). Zwar hat die Kommunikation in den digitalen Medien (insbesondere Social Media), die einseitige, absolute Bildhoheit der Massenmedien angekratzt; von einer ernsthaften Konkurrenz zur professionellen Bildproduktion kann man im Moment noch nicht sprechen.

Bedeutung des Begriffs Manipulation

Das Wort Mani­pu­la­tion stammt ursprüng­lich aus dem Latei­ni­schen und bedeu­tete »mit der Hand fül­len« (manu plere). Über Frank­reich gelangte es im 18. Jahr­hun­dert nach Deutsch­land und wurde in der Medi­zin ver­wen­det. Es bedeu­tete nun »hand haben«. Den nega­ti­ven Bei­ge­schmack erhielt »Mani­pu­la­tion« erst nach 1945. Der Theo­loge, Phi­lo­soph und Wis­sen­schaft­ler Rupert Lay hat den Begriff in einen knap­pen Satz defi­niert »›Mani­pu­la­tion‹ ist Ver­hal­tens­be­ein­flus­sung zu frem­den Nut­zen.« (1) Spricht man vom »frem­den Nut­zen«, so ist damit der Nut­zen des Beein­flus­sen­den (Absen­der) oder eines Drit­ten gemeint, nicht jedoch der Nut­zen des Beein­fluss­ten (Emp­fän­ger).

Medi­en­ma­ni­pu­la­tion bezeich­net eine tat­säch­li­che oder ver­meint­li­che Mani­pu­la­tion der öffent­li­chen Mei­nung durch die Medien (Wiki­pe­dia). Der Medi­en­wis­sen­schaft­ler Chris­tian Schicha beschreibt die Mani­pu­la­tion von Bild­ma­te­rial als »die mit einer Täu­schungs­ab­sicht ver­bun­dende inten­tio­nale Ver­än­de­rung von Infor­ma­tio­nen u.a. durch Aus­wahl, Zusätze oder Aus­las­sun­gen«. (2)

Bildung — auch eine Frage der visuellen Kompetenz

Wenn wir von »Bil­dung« spre­chen, ver­ste­hen wir den Begriff im ety­mo­lo­gisch bekann­ten Sinn. Der Bele­sene, Schrift­kun­dige ist gebil­det. Er scheint immer im Bilde zu sein, da er sich von vie­len Din­gen ein Bild machen kann und auch andere ins Bild set­zen kann. Unsere west­li­che Kul­tur grün­det auf einer Schrift­kul­tur. Denn Wis­sens­er­mitt­lung bedeu­tet in der Regel, Texte zu lesen oder zu schrei­ben. Doch bereits vor der Ein­füh­rung des Inter­nets wurde die tra­di­tio­nelle Vor­herr­schaft der Schrift zuneh­mend in Frage gestellt. Im 19. Jahr­hun­dert wurde die Foto­gra­fie erfun­den und eröff­nete völ­lig revo­lu­tio­näre, neue Mög­lich­kei­ten der Wahr­neh­mung. Das 20. Jahr­hun­dert stand vor allem im Zei­chen des Films. Zu Beginn des neuen Jahr­hun­derts waren Pro­duk­tion und Kon­sum von Bil­dern, ob als Foto oder Film, bereits popu­lä­rer Bestand­teil der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft. (3) Durch die Medien stürzt eine Sinn­flut auf uns ein, deren Kraft und Wucht wir uns kaum wider­set­zen kön­nen. Wenn wir in die­ser Flut nicht unter­ge­hen wol­len, müs­sen wir uns eine, der schrift­li­chen Kom­pe­tenz ver­gleich­ba­ren, visu­el­len Kom­pe­tenz erar­bei­ten. (4)

Die Macht des Bildes

Das Bild ist all­ge­gen­wär­tig, nicht nur in den Medien, in unse­rer unmit­tel­bar umge­ben­den Umwelt son­dern auch in unse­ren Köp­fen. Schlie­ßen wir die Augen, sehen wir men­tale Bil­der. Der Psy­cho­loge Rudolf Arn­heim bringt diese Gege­ben­heit auf den Punkt: es gibt »kein Den­ken ohne irgend­eine Art von Bild.« Bil­der sind Erin­ne­run­gen und nach der Auf­fas­sung des Phi­lo­so­phen Wal­ter Ben­ja­min könne die Ver­gan­gen­heit nur als Bild fest­ge­hal­ten wer­den. Tat­säch­lich gibt es geschichts­lose Bil­der (Vir­tual Rea­lity), aber keine Geschichte ohne Bil­der. (5)

Fast alle Men­schen neh­men die Welt durch den Augen-Blick wahr. Bereits in frü­hes­ter Kind­heit ler­nen wir, die Welt in Bil­dern zu ver­ste­hen. Ohne es zu mer­ken, unter­lie­gen wir der sug­ges­ti­ven Kraft der Bil­der, ihrer ein­fa­chen und direk­ten Spra­che. Ein Bild, das sich nach­hal­tig in unsere Erin­ne­rung ein­prä­gen soll, muss aus­drucks­stark sein und uns oft genug begeg­nen. Ein her­aus­ra­gen­des Ereig­nis — Skan­dal, Trauer oder Freude, Sieg oder Nie­der­lage, sinn­li­ches Ver­gnü­gen oder beson­de­rer Augen­blick — kann so zu einer Ikone im Gedächt­nis werden.

Wer die Bil­der beherrscht, der beherrscht die Köpfe.

Bill Gates for­mu­lierte die These: »Wer die Bil­der beherrscht, der beherrscht die Köpfe.« Aus die­ser Ein­sicht zog der Medi­en­gi­gant seine Schlüsse: er kauft(e) welt­weit Bild­ar­chive und Bild­rechte. Er ver­sucht zum Bei­spiel in den USA alle Rechte an Bil­dern in den Museen zu erhal­ten. Gates besitzt zur Zeit das Copy­right an etwa 100 Mil­lio­nen Foto­gra­fien und will diese nur noch in digi­ta­li­sier­ter Form der Öffent­lich­keit zugäng­lich machen. (6)

Bild und Gedächtnis

Jeder Kul­tur­kreis besitzt ein Reper­toire von Bil­dern und Sym­bo­len, um seine Welt dar­zu­stel­len und wahr­zu­neh­men. Sie bil­den die Grund­lage für eine auf Erfahrungs- und Erwar­tungs­wer­ten basierte Kom­mu­ni­ka­tion. »Unsere Erin­ne­rung an die Ver­gan­gen­heit lebt in Bil­dern, ebenso wie die Wahr­neh­mung der Gegen­wart und die Vision der Zukunft.« (7) Der Mensch nimmt stän­dig bild­hafte Ein­drü­cke auf. Er sieht und ent­schlüs­selt Bil­der, ver­gleicht und ord­net das Gesche­hen den Erfah­run­gen zu. Der Erfah­rungs­ho­ri­zont wei­tet sich. Die Ab-Bilder der Wirk­lich­keit bringt der Mensch in Ein­klang mit sei­nen Erfah­run­gen. Wahr­neh­mun­gen wer­den vom Gehirn regis­triert und anschlie­ßend akzep­tiert oder abge­lehnt. Als Gan­zes sind sie »Doku­men­ta­tion einer Wirk­lich­keit — das Abbild einer eige­nen indi­vi­du­el­len Welt.« Zugleich sind diese Wahr­neh­mun­gen auch Teil einer kol­lek­ti­ven Wirklichkeits-Reproduktion. (8)

Stän­dige Bild­wie­der­ho­lun­gen geben Inhal­ten Kon­tur, schaf­fen Wirk­lich­keit und his­to­ri­sches Bewusst­sein. Dabei wird das kol­lek­tive Gedächt­nis von kul­tu­rel­len, poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen geprägt. Was bedeu­tet über­haupt »Wirk­lich­keit«? Es gibt die reale Welt mit ihrer vier­di­men­sio­na­len Raum­zeit und es gibt eine Pro­jek­tion die­ser Welt in zwei­di­men­sio­na­len Abbil­dern. Falls der Betrach­ter keine Mög­lich­keit besitzt, den Wahr­heits­ge­halt der Bil­der zu über­prü­fen, so ist er den Abbil­dern der Welt aus­ge­lie­fert. Das Bei­spiel einer Ber­li­ner Vor­schul­klasse soll dies ver­deut­li­chen: im Mal­un­ter­richt wur­den die Kin­der auf­ge­for­dert, einen Bau­ern­hof zu malen. In einer Reihe der fer­ti­gen Zeich­nun­gen gra­sen weiß gefleckte lila Kühe neben dem Gehöft. Offen­bar haben diese Kin­der mehr Reklame als Kühe in freier Natur zu Gesicht bekom­men. Sie neh­men die Wer­bung als Aus­schnitt der Wirk­lich­keit wahr. Doch wie viel mehr wis­sen Erwach­se­nen tat­säch­lich von der Wirk­lich­keit? (9)

Seit­dem es Bil­der gibt, sind die Men­schen von ihnen fas­zi­niert und kön­nen sich ihrer Magie kaum ent­zie­hen. Diese Wir­kungs­macht wurde bereits früh erkannt und zu Nutze gemacht: Bil­der der Macht waren die Folge. Bereits in der Antike demons­trier­ten Herr­scher­por­traits auf Mün­zen oder Sie­geln Macht­fülle und Größe des Herr­schen­den. Es galt der Grund­satz »je ste­reo­ty­per die Bild­welt, je aus­druck­stär­ker das ein­zelne Bild, desto dau­er­haf­ter blei­ben die Inhalte im Gedächt­nis haf­ten.« (10) Die römisch-katholische Kir­che ist ein beein­dru­cken­des Bei­spiel für die per­fekte Umset­zung die­ser Ein­sich­ten. So ent­stam­men die wir­kungs­mäch­tigs­ten und bestän­digs­ten Bil­der­wel­ten des Abend­lan­des der christ­li­chen Reli­gion. Zu einer Zeit, als die Men­schen weder schrei­ben noch lesen konn­ten, ver­kün­de­ten und fes­tig­ten Bil­der den Glau­ben. Ein­zel­mo­tive füg­ten sich durch Varia­tio­nen eines Gene­ral­the­mas zu einem ganz­heit­li­chen Welt­bild zusam­men. Monu­men­tale Altar­bil­der und Kir­chen­fens­ter erzeug­ten Bil­der und Vor­stel­lun­gen von Him­mel und Hölle, Sün­den­fall und Erlö­sung. Sie beein­fluss­ten das Den­ken und präg­ten das Leben vie­ler Men­schen. Vor die­sem Hin­ter­grund hat sich die Wen­dung »Wir glau­ben, was wir sehen« und »wir sehen, was wir glau­ben« ver­brei­tet. (11)

Die Erfin­dung der Foto­gra­fie in der ers­ten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts brachte einen völ­lig neuen Umgang mit Bil­dern und der Wahr­neh­mung von Bil­dern. Bis zu die­sem Zeit­punkt waren Bil­der künst­le­ri­sche Arte­fakte mit Kult­cha­rak­ter. Gemälde, Zeich­nun­gen druck­gra­fi­sche Dar­stel­lun­gen oder Skulp­tu­ren besa­ßen vor allem sym­bo­li­sche Bedeu­tun­gen. Die Foto­gra­fie dage­gen war von Anfang an mit dem Schein der Objek­ti­vi­tät umge­ben. Mit dem Foto konnte man nun offen­bar bezeu­gen, dass sich ein Ereig­nis tat­säch­lich in einer bestimm­ten Art und nicht anders zuge­tra­gen hatte. Es ent­stand eine neue Welt­wahr­neh­mung auf­grund der ver­meint­lich objek­ti­ven Reproduktion.

Der rasante tech­ni­sche Fort­schritt in den letz­ten Jahr­zehn­ten des 19. Jahr­hun­derts ebnete dem Foto­jour­na­lis­mus den Weg. Mit der Pres­se­fo­to­gra­fie stand nun ein neues Nach­rich­ten­ele­ment zur Ver­fü­gung, das Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten zu einem neuen Erschei­nungs­bild und neuer Qua­li­tät ver­half. Seit­her wirbt die Presse mit der Echt­heit der Bil­der. Die Betrach­ter wer­den zu Augen­zeu­gen der Geschichte rund um den Glo­bus. (12)

Bil­der wer­den zu Iko­nen ver­ein­facht (und über­höht), Per­so­nen zu Mythen ver­klärt und Geschich­ten zu Legen­den stilisiert.

Poli­tik, Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und Jour­na­lis­mus instru­men­ta­li­sie­ren die von Bil­dern aus­ge­hende Macht und nutz­ten die Bild­gläu­big­keit der Men­schen aus. Bil­der wer­den zu Iko­nen ver­ein­facht (und über­höht), Per­so­nen zu Mythen ver­klärt und Geschich­ten zu Legen­den sti­li­siert. Augen­bli­cke wer­den durch ihre stän­dige Wie­der­ho­lung zu Iko­nen, Pro­pa­gan­da­bil­dern und Meta­phern für den Zeit­geist. Das Kon­ter­fei des Revo­lu­tio­närs Ché Gue­vara oder Ein­stein mit aus­ge­streck­ter Zunge gehö­ren zu die­ser Kate­go­rie. Die Men­schen kon­su­mie­ren diese Bil­der und weh­ren sich nicht gegen das Wahr­neh­men in Ste­reo­ty­pen. Ganz im Gegen­teil — wir sind dank­bar für jede Form der Ver­ein­fa­chung. Bil­der redu­zie­ren Kom­ple­xi­tät, sie hel­fen uns, in unse­rer zu viel­schich­ti­gen, kom­pli­zier­ten Welt zurecht­zu­fin­den. Ande­rer­seits ver­hin­dern sie, ein eige­nes, reflek­tier­tes und dif­fe­ren­zier­tes Bild von der Wirk­lich­keit zu schaf­fen. (13)

Moderne Dik­ta­tu­ren und beson­ders abso­lu­tis­ti­sche Herr­schafts­for­men bestim­men über das »Bild-Inventar« einer Nation, das über poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Sta­bi­li­tät oder Chaos ent­schei­det. Die Ideo­lo­gien des Natio­nal­so­zia­lis­mus und Sta­li­nis­mus bele­gen dies auf beängs­ti­gende Weise. Wenn wir heute ihre Pro­pa­gan­da­bil­der betrach­ten, fra­gen wir uns, wie die Men­schen damals sol­chen Bil­dern erlie­gen konn­ten. Warum fan­den sol­che Welt­bil­der Aner­ken­nung und Anhän­ger? Die Foto­gra­fin Giséle Freund schrieb dazu: »Die Macht des Bil­des liegt in sei­ner Unmit­tel­bar­keit, und hier liegt auch sein Gefahr.« (14) Die Natio­nal­so­zia­lis­ten lie­ßen selbst Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger offi­zi­ell als »sinn­volle indus­tri­elle Kom­plexe« erschei­nen. In einem bebil­der­ten Arti­kel über das KZ-Dachau stellte die Münch­ner Illus­trierte Presse 1933 die Vor­züge des Lagers dar, in dem »Men­schen zur Arbeit und Dis­zi­plin erzo­gen wer­den«. Aus­ge­las­sene Bade­sze­nen soll­ten den Ein­druck von Frei­zeit und Ent­span­nung sug­ge­rie­ren. Ver­schwie­gen wurde, dass der Foto­graf nicht Häft­linge, son­dern Auf­se­her abge­lich­tet hatte. Mit dem Unter­gang des Drit­ten Rei­ches 1945 ver­schwan­den auch die ideo­lo­gisch geform­ten Bil­der eines gigan­to­ma­ni­schen Welt­bil­des aus dem All­tag. (15)

In West­deutsch­land tra­ten die Bil­der der Alli­ier­ten an des­sen Stelle. Bil­der und Bild­wel­ten unter­lie­gen einem dyna­mi­schen Pro­zess: sie kom­men und gehen, ver­schwin­den aus dem öffent­li­chen Bewusst­sein, wer­den unter­drückt, ver­ges­sen oder ver­drängt. Der Zusam­men­bruch des Ost­blocks ließ die Bil­der­welt der DDR ins Abseits gera­ten und man­ches bereits aus der Erin­ne­rung löschen. Im Wett­rüs­ten um die glaub­wür­di­ge­ren Bil­der hatte der Wes­ten die Nase vorn. Die absurde Dar­stel­lung der höl­zern insze­nier­ten Fei­er­lich­kei­ten zum 40. Jah­res­tag der Grün­dung der DDR musste im Okto­ber 1989 gegen die bewe­gen­den Bil­der der Republik-Flüchtlinge aus der Pra­ger Bot­schaft ankämp­fen. Als jedoch nur sechs Wochen spä­ter die Mauer fiel, ver­lor der SED-Staatsapparat völ­lig die Bild­ge­walt: den Bil­dern von end­lo­sen Men­schen­mas­sen, die über die geöff­ne­ten Grenz­über­gänge nach West-Berlin und West­deutsch­land ström­ten, konnte er nichts mehr an sta­bi­li­sie­ren­den Bil­dern ent­ge­gen­set­zen. Ein gan­zes Welt­bild war ins Wan­ken gera­ten. Weder alte Pro­pa­gan­da­bil­der, noch per­sön­li­che und kol­lek­tive Erin­ne­run­gen hiel­ten den glaub­wür­di­ge­ren und ver­hei­ßungs­vol­len Bil­der des Wes­tens stand. Die DDR war auf Dauer bloß­ge­stellt. (16)

2011 wird als Jahr des Ara­bi­schen Früh­lings in die Geschichte ein­ge­hen. Mit dem Über­sprin­gen der Revo­lu­tion von Tune­sien auf Ägyp­ten und wei­te­ren Staa­ten war in den Medien von einer »Social-Media-Revolution« die Rede. Als Bei­spiel wird hier die Rolle des Microblog-Dienstes Twit­ter und des sozia­len Netz­wer­kes Face­book her­vor­ge­ho­ben. Dass es zwin­gende kau­sale Zusam­men­hänge zwi­schen den Auf­stän­den und der Ver­wen­dung digi­ta­ler Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel gibt, wird unter Medi­en­fach­leu­ten und selbst unter betei­lig­ten Akti­vis­ten kon­tro­vers dis­ku­tiert. Die Bild­herr­schaft liegt solange in den Hän­den der Herr­schen­den, wie es ihnen gelingt, die Mas­sen­me­dien zu kon­trol­lie­ren und aus­län­di­sche Bericht­erstat­tung zu verhindern.

Abbild und Wirklichkeit

Die ame­ri­ka­ni­sche Publi­zis­tin Susan Sonn­tag sprach bereits in den Sieb­zi­ger Jah­ren ange­sichts der zuneh­men­den Zahl von ver­öf­fent­lich­ten Bil­dern von einem »foto­gra­fi­schen Recy­cling der Wirk­lich­keit.« im Sinne einer Dupli­zie­rung des Lebens im und durch das Bild. Heute scheint die Fest­stel­lung völ­lig ent­ge­gen­ge­setzt zu lau­ten: »Bil­der ver­drän­gen, ja erset­zen sogar die Wirk­lich­keit. Reality-TV, Soaps, Lifestyle-Magazine, Wer­bung und Nach­rich­ten­pro­duk­tio­nen die­nen als Vor-Bilder und schrei­ben das Dreh­buch für den All­tag und das Leben des Kon­su­men­ten.« (17) Ange­sichts die­ser Medi­en­ent­wick­lun­gen ist es nicht ver­wun­der­lich, wie abhän­gig wir von den insze­nier­ten Bil­dern sind und wie leicht­gläu­big wir mit und in ihnen leben. Wir kön­nen uns der schnel­len und schein­bar prä­zi­sen Repro­duk­tion von Wirk­lich­keit durch Foto und Film nicht ent­zie­hen. Chris­tian Gau­jolle äußerte sich im Juli 1998 anläss­lich eines Kon­gres­ses zum Thema »Bil­der des Wirk­li­chen, Bil­der des Vir­tu­el­len«: »Bis in die jüngste Zeit, in der man begon­nen hat, die Glaub­wür­dig­keit der Medien anzu­zwei­feln, galt beson­ders: Das ist ein Pres­se­foto, also ist es wahr.« (18) Gerade wir Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner soll­ten es bes­ser wis­sen. Kein Bild ist authen­tisch, kein Foto objek­tiv. Der Foto­graf oder Kame­ra­mann ent­schei­det aus sei­ner sub­jek­ti­ven Sicht. Er wählt den ver­eng­ten Bild­aus­schnitt, bestimmt Ort und Zeit und gibt Blick­win­kel und Objekt vor — er insze­niert. Ein Bild besitzt weder prä­zise Infor­ma­tion noch eine objek­tive Wirk­lich­keit, denn es kann als Abs­trak­tion nur eine redu­zierte Anzahl von (bestimm­ten) Qua­li­tä­ten eines abge­bil­de­ten Gegen­stan­des wie­der­ge­ben. (19)

Der popu­läre Glaube, dass Abbil­dun­gen der Wirk­lich­keit wahr sind, begüns­tigt die Mani­pu­la­tion und ver­lei­tet dazu, Bil­der zu (ver)fälschen. Bereits viele Jahr­zehnte vor der Ent­wick­lung von Bild­be­ar­bei­tungs­pro­gram­men war die Retu­sche weit ver­brei­tet. Foto­gra­fien wur­den nach­be­ar­bei­tet, wenn das Ori­gi­nal nicht den Vor­stel­lun­gen des Foto­gra­fen oder Auf­trag­ge­bers ent­spra­chen. Das Glät­ten von läs­ti­gen Haut­fal­ten war im Ver­gleich zu poli­tisch moti­vier­ten Kor­rek­tu­ren gera­dezu harm­los. Je nach Ein­stel­lun­gen, Inter­es­sen oder Abhän­gig­kei­ten der Foto­gra­fen und des Her­aus­ge­bers einer Zei­tung, rückte man die Wirk­lich­keit durch den Aus­schnitt zurecht, blen­det Details aus oder foku­siert diese. Geschichts­ver­fäl­schung durch retu­schierte Bil­der war und ist an der Tages­ord­nung. (20)

Die Ent­wick­lung und Ein­füh­rung der digi­ta­len Foto­gra­fie ist noch zu frisch, um bereits alle poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen vor­her­zu­se­hen. Mit Sicher­heit ver­än­dert das digi­tale Bild jedoch unsere Wahr­neh­mung der Wirk­lich­keit. Die Tech­nik nimmt Ein­fluss auf das Sehen und führt zu Seh­ge­wohn­hei­ten. Bei der ana­lo­gen Foto­gra­fie wird das Bild auf­ge­nom­men und durch einen foto­che­mi­schen Pro­zess auf ein Trä­ger­ma­te­rial »geschrie­ben«. Das digi­tale Bild wird Punkt für Punkt, Zeile für Zeile (ein)gelesen und als binä­rer Code gespei­chert. Das Bild wird trä­ger­los kon­ser­viert und für jede vor­stell­bare »Reani­ma­tion« zugäng­lich. An die­ser »Schnitt­stelle« erlischt seine Beweis­kraft, denn »die elek­tro­ni­sche Kopie kann zu jeder Zeit an jedem Ort in jeder Form und mit jedem Inhalt wie­der belebt wer­den.« (21) Wir wei­sen den Bil­dern zwar wei­ter­hin einen inde­xi­ka­li­schen Bezug zum Rea­len, zum tat­säch­lich »Gewe­se­nen« des Kör­pers vor der Kamera zu, aber unsere Vor­stel­lung die­ser Bil­der ver­mischt sich mit Zwei­fel und Angst. »Es ist gewe­sen« lau­tet nach Roland Bart­hes der Gedanke der Foto­gra­fie und begrün­det ihre Fas­zi­na­tion. Das digi­tale Bild nimmt der Foto­gra­fie nun end­gül­tig den Glau­ben an die objek­tive Dar­stel­lung, an die »Wirk­lich­keit«. (22) Das Wirk­li­che weicht dem Kal­ku­lier­ten, das jetzt zur Wirk­lich­keit wird. (23)

 

Literatur:
1 Rupert Lay. Manipulation durch die Sprache. Frankfurt a.M. / Berlin, 1995
2 Christian Schicha. Bildmanipulation. Visuelle Strategien am Beispiel politischer Motive. Vor­trag an der Uni Marburg, 8.11.2006
3 Christoph Hamann. Bilderwelten und Weltbilder. Fotos die Geschichte(n) mach(ten). Berlin 2001, S. 6f
4 Peter Ludes. Einführung in die Medienwissenschaften. Entwicklungen und Theorien. Berlin 1998, S. 154
5 Christoph Hamann. S. 6
6 Ebd. S. 7
7 Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, (HG). Bilder, die lügen. Begleitbuch zur Ausstellung. Bonn 2000, S. 11
8 Ebd. S. 11
9 Ebd. S. 6f
10 Ebd. S. 11
11 Ebd. S. 11
12 Ebd. S. 12
13 Ebd. S. 13
14 Ebd. S. 15
15 Ebd. S. 15
16 Ebd. S. 15
17 Christoph Hamann. S. 17
18 Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, (HG). S. 16
19 Klaus Sachs-Hombach u. Klaus Rehkämper. Bild–Bildwahrnehmung–Bildverarbeitung. Berlin 1998, S. 23
20 Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, (HG). S. 16
21 Hubertus v. Amelunxen, Stefan Iglhaut, Florian Rötzer, (HG). Fotografie nach der Fotografie. Verlag der Kunst. München 1996, S. 109
22 Ebd. S. 123
23 Ebd. S. 109

2 Kommentare

  1. 7. Bildmanipulation | Johannas Welten am 10.06.2014

    […] nach Peter Glaab: Bil­der regie­ren unser Leben […]

  2. Bildmanipulation | Medien am 11.06.2014

    […] http://peter-glaab.de/2011/12/bilder-regieren-unser-leben-essay/ […]