Die Kunst der Beschriftung

Typografie und Schriftherstellung war bis in den 1980er Jahren ein eigenständiger Handwerksberuf. Mit der digitalen Revolution betraten nun Designer die typografische Spielwiese und eroberten zuvor spezialisierte Bereiche des grafischen Gewerbes. Trotz all der Umbrüche vergisst man als Designer oft die Tatsache, dass es rund um Schrift viele eigenständige Berufe gibt. 

Der bri­ti­sche Desi­gner und Autor Andrew Has­lam hat sich auf Spu­ren­su­che bege­ben, um den Machern der unter­schied­lichs­ten Beschrif­tun­gen bei der Arbeit über die Schul­ter zu schauen. In sei­nem Buch zeigt und beschreibt er mehr als 80 Ver­fah­ren, von der Skizze, über die Mate­ria­len und den Werk­zeu­gen bis hin zu den fer­ti­gen Beschrif­tun­gen. Mehr als 1.100 Bil­der sor­gen für detail­rei­che Ein­bli­cke in das gra­fi­sche Gewerbe und die Ate­liers von Künst­lern und Gestal­tern. Man­che der vor­ge­stell­ten Berufe oder Tech­ni­ken beru­hen auf einer lan­gen Tra­di­tion. Einige besit­zen keine Zukunft, weil sie aus der Mode gera­ten. Man­che Berufe füh­ren ein Nischen­da­sein und klam­mern sich an einen immer klei­ner wer­den­den Kun­den­stamm. Alte Tech­ni­ken wer­den wie­der­ent­deckt, wäh­rend neue Tech­no­lo­gien bestimmte Indus­trie­be­rei­che über­flüs­sig machen.

Themen

Das Inhalts­ver­zeich­nis macht neu­gie­rig. In sie­ben Haupt­ka­pi­teln unter­teilt Has­lam jeweils ähn­li­che Beschriftungsprozesse:

  • Hand­ge­schrie­bene und gemalte Schriften
  • Schrift­guss, Satz und Design
  • Druck
  • Geschnitzte, gra­vierte und geschnit­tene drei­di­men­sio­nale Beschriftungen
  • Geformte und gegos­sene drei­di­men­sio­nale Buchstaben
  • Buch­sta­ben in Textilien
  • Leucht­schrift, Ani­ma­tion und Bewegtgrafiken

Neben den geläu­fi­gen Druck­tech­ni­ken tau­chen geheim­nis­volle Ver­fah­ren wie der Aluminium- und Poly­ure­than­guss auf. Die­ser wird ange­wandt, um wit­te­rungs­be­stän­dige Weg­wei­ser und Stra­ßen­schil­der zu pro­du­zie­ren. Selbst die Her­stel­lung von ess­ba­ren Scho­ko­la­den­buch­sta­ben, die in den Nie­der­lan­den beliebt sind, ist Teil des Sortiments.

Aufbau

Nach dem Vor­wort wer­den in einer knap­pen Ein­füh­rung typo­gra­fi­sche Begriffe und Fach­aus­drü­cke für Buch­sta­ben­teile erläu­tert. Jedes Beschrif­tungs­ver­fah­ren erhält einen mehr oder weni­ger lan­gen Ein­füh­rungs­text. Das Haupt­au­gen­merk liegt auf Fotos, die den Her­stel­lungs­pro­zess chro­no­lo­gisch dar­stel­len. Dabei wer­den Werk­zeuge, spe­zi­fi­sche Mate­ria­lien und wich­tige Hand­griffe bzw. Arbeits­schritte vor­ge­stellt. Zahl­rei­che Bei­spiele zei­gen Beschrif­tun­gen vor der Fer­tig­stel­lung oder im All­tag auf dem Schrift­trä­ger. Das obli­ga­to­ri­sche Lite­ra­tur­ver­zeich­nis, ein Glos­sar und Index run­den das Buch.

Makro- und Mikrotypografie

Um die gro­ßen Bild- und Text­men­gen zu bewäl­ti­gen, wurde ein fle­xi­bler, vier­spal­ti­ger Ras­ter gewählt. Has­lam schreibt im Vor­wort, dass sein Buch ein Buch der visu­el­len Erklä­run­gen sei: »Abbil­dun­gen stüt­zen die Beschrei­bun­gen.« Die teil­weise recht unter­schied­lich lan­gen Texte sind mal über den Fotos, mal dar­un­ter ange­ord­net. Da die Fotos als kom­pakte Gruppe zumeist einen homo­ge­nen Ein­druck ver­mit­teln, schei­nen die Texte den Abbil­dun­gen zuge­ord­net zu sein. Irri­tie­rend finde ich die Anord­nung vie­ler Foto­stre­cken, die oft zei­len­weise über die gesamte Dop­pel­seite lau­fen. Das ist ent­ge­gen unse­rer Lese­ge­wohn­heit, die immer von einer linea­ren Abfolge der Ele­mente auf einer Seite aus­geht. Zusätz­lich erschwe­rend für die Blick­füh­rung ist die Posi­tio­nie­rung der Num­me­rie­run­gen zu Beginn der ein­zel­nen Text­blö­cke. Das Auge muss hin und her sprin­gen, um die Fol­ge­num­mern zu fin­den, weil die über den Fotos plat­zier­ten Texte zwar unten bün­dig sind, oben aber nicht.

 

Bei einem Buch über Beschrif­tun­gen schaue ich auto­ma­tisch kri­ti­scher auf die typo­gra­fi­sche Umset­zung. Als all­ge­meine Fließ­text­schrift begeg­net uns die Bembo. Lei­der steht sie auf dem gestri­che­nen Bil­der­druck­pa­pier zu spitz und fein. Ich ver­misse mikro­ty­po­gra­fi­sche Raf­fi­nes­sen, wie Mediä­val­zif­fern, Liga­tu­ren und eine klare Kenn­zeich­nung für im Text erwähnte Buch­sta­ben. Kapi­täl­chen wären gut gewe­sen, sind bei der digi­ta­len Bembo aber nicht vor­han­den. Alle ande­ren Text­ebe­nen sind in einer nicht näher spe­zi­fi­zier­ten Trade Gothic in meh­re­ren Schnit­ten gesetzt. Die platz­spa­rende Schrift scheint auf den ers­ten Blick eine geeig­nete Wahl zu sein. Es gibt aber gele­gent­lich Platz­pro­bleme, wenn erläu­ternde Texte zu lang sind. Dann wech­selt der Schrift­schnitt inner­halb iden­ti­scher Text­hier­ar­chien von Trade Gothic auf die schma­lere, kaum les­bare Trade Gothic Con­den­sed Eigh­teen! Alleine durch den dunk­le­ren Grau­wert ent­steht der Ein­druck unter­schied­li­cher Textebenen.

Bildebene

Die Abbil­dungs­qua­li­tät der Fotos ist ins­ge­samt gut, wenn man bedenkt, dass sich die Auf­nah­me­si­tua­tion man­cher Beschrif­tungs­ver­fah­ren als schwie­rig erwies. Gesundheits- und Sicher­heits­auf­la­gen, sowie ungüns­tige Licht­ver­hält­nisse sind hier stell­ver­tre­tend genannt. Der fle­xi­ble Ras­ter ermög­licht viele unter­schied­li­che Bild­for­mate. Die kleins­ten Fotos sind mit 42 × 30 mm zu klein­for­ma­tig, um Details immer gut erken­nen zu kön­nen. Am span­nends­ten sind die Doku­men­ta­tio­nen manu­el­ler Tech­ni­ken, also dort, wo der Hand­wer­ker mit kunst­fer­ti­gen Hand­grif­fen »beschrif­tet«, z.B. bei stein­ge­mei­ßel­ten Buch­sta­ben. Moderne Ver­fah­ren, wie der Direkt­druck, spie­len sich dage­gen über­wie­gend im ver­bor­ge­nen Inne­ren der Maschine ab.

 

Man­che Beschrif­tungs­tech­ni­ken sind rela­tiv ein­fa­che Ange­le­gen­hei­ten und wer­den mit weni­gen Fotos illus­triert (z.B. Schrift­züge auf Stra­ßen). Andere Pro­zesse kön­nen sehr kom­plex sein und benö­ti­gen des­halb bis zu einem Dut­zend Abbil­dun­gen. Fol­gende Dinge wer­den auf den Fotos gezeigt:

  • Ent­wurfs­vor­la­gen der Schriftzüge
  • Werk­zeuge und Maschinen
  • Mate­ria­lien und Werk­stoffe für Buch­sta­ben und Schriftträger
  • Arbeits­schritte im Beschriftungsprozess
  • Hand­wer­ker, Künst­ler, Designer
  • Werk­stät­ten, Ate­liers und Betriebe
  • Arbeits­pro­ben und Beschrif­tung im Alltag

Kritik

Im Vor­wort schreibt der Autor, dass sein Buch kein Lehr­buch sei. Das ist rich­tig. So ist die kurze Ein­füh­rung (S.8 bis 12) nur eine stark kom­pri­mierte Über­sicht der wich­tigs­ten Fach­be­griffe. Doch lei­der ste­cken darin zahl­rei­che inhalt­li­che Feh­ler und unver­ständ­li­che For­mu­lie­run­gen. Ein stell­ver­tre­ten­des Bei­spiel ist die Defi­ni­tion der »Liga­tur« auf Seite 9: »Ein Buch­sta­ben­paar, das zu einer neuen Form ver­bun­den wird und ein Son­der­zei­chen in einer Schrift dar­stellt bzw. in der Kal­li­gra­fie als Paar gezeich­net wird.« In der dar­über ste­hen­den Abbil­dung ist keine Liga­tur zu sehen, auch fehlt die Num­me­rie­rung. Statt­des­sen ste­hen ein ver­däch­ti­ges klei­nes f und i recht nahe bei­ein­an­der und kol­li­die­ren im Ober­ge­schoss sogar. Die Defi­ni­tion der Liga­tur ist falsch, weil kal­li­gra­fi­sche Buch­sta­ben geschrie­ben und nicht gezeich­net wer­den. Eine Liga­tur kann auch aus meh­re­ren Buch­sta­ben bestehen, die sich einen Strich tei­len. Ein völ­lig eigen­stän­di­ges Zei­chen ist eine Liga­tur nicht (viel­leicht mit gele­gent­li­cher Aus­nahme des et-Zeichens). Auch im wei­te­ren Ver­lauf gibt es viele Feh­ler, was z.B. his­to­ri­sche Infor­ma­tio­nen im Kapi­tel Kal­li­gra­fie betref­fen. Manch­mal feh­len Step-by-Step Fotos, die den Beschrif­tungs­pro­zess dar­stel­len (z.B. bei der Schildermalerei).

Meine Tipp: wer sich für typo­gra­fi­sche Fach­be­griffe und Buch­sta­ben­de­tails inter­es­siert, möge in bewähr­ter Lite­ra­tur nach­schla­gen (z.B. Das Detail in der Typo­gra­fie von Jost Hoch­uli). Die dar­ge­stell­ten Beschrif­tungs­tech­ni­ken kön­nen in der Kürze natür­li­che nur ange­ris­sen wer­den. Bei Inter­esse für ein­zelne Tech­ni­ken, sollte man wei­ter­füh­rende Fach­bü­cher zur Hand neh­men, die man im Ver­zeich­nis findet.

Die Schrift­wahl ist weder für die län­ge­ren Fließ­texte, noch die schma­len Spal­ten gelun­gen. Etwas mehr typo­gra­fi­sches Fin­ger­spit­zen­ge­fühl hätte ein Buch über Schrift sicher ver­dient. Schade, dass die Blick­füh­rung bei kom­ple­xe­ren Ver­fah­ren und ent­spre­chend gro­ßer Anzahl der Fotos unkom­for­ta­bel ist.

 

Fazit

»Die Kunst der Beschrif­tung« ist eine span­nende Expe­di­tion zu den Ent­ste­hungs­or­ten und Her­stel­lungs­me­tho­den von Beschrif­tun­gen. Mit einem geschick­ten Kunst­griff fasst Andrew Has­lam die drei eigen­stän­di­gen Arten der Schrifter­stel­lung – Schrei­ben, Let­te­ring, Typo­gra­fie – unter dem Begriff »Beschrif­tung« zusam­men. Somit ist es egal, ob Buch­sta­ben im ein­ma­li­gen Vor­gang des Schrei­bens ent­stan­den sind, oder maschi­nell belie­big oft repro­du­zier­bar sind.

Was das Buch so wert­voll macht, ist die schein­bar selbst­ver­ständ­li­che Erkennt­nis, dass räum­lich erleb­bare Buch­sta­ben etwas Beson­de­res sind. Geschrie­bene, gestanzte, gegos­sene, gra­vierte, geprägte, gedruckte oder geknüpfte Schrif­ten haben eines gemein­sam: sie besit­zen eine sinn­li­che Dimen­sion, die den digi­ta­len Ver­wand­ten auf den LCD-Screens fehlt.

Die erwähn­ten klei­nen Schwä­chen sol­len den Gesamt­ein­druck des Buches nicht schmä­lern. Der Recher­che­auf­wand und Umfang der vor­ge­stell­ten Ver­fah­ren ist beeindruckend!

Ich emp­fehle das Buch allen Desi­gnern, Künst­lern, Hand­wer­kern und Stu­den­ten, die sich über die Viel­falt der Beschrif­tungs­ar­ten infor­mie­ren möch­ten oder hand­werk­li­che und tech­ni­sche Inspi­ra­tion für die eigene Arbeit suchen.

 

All­ge­meine Informationen
Die Kunst der Beschriftung
Hand­wer­ker, Künst­ler, Desi­gner und ihre Techniken
Andrew Haslam
Ver­lag Nig­gli, Sul­gen, 2011,
ISBN 978−3−7212−0775−0
58 €

1 Kommentar

  1. Mathieu Lommen am 2.07.2012

    Vie­len Dank fuer die­sen aus­fuehr­li­chen Beitrag!