Schadow-​Antiqua — eine elegante Egyptienne

Schrift­formen unter­liegen Moden und Trends und sind immer auch Aus­druck des aktu­ellen Zeit­geistes. Diese Erkenntnis ist so neu nicht. Heut­zu­tage betreten täg­lich unzäh­lige »neue« Schriften die Bühne und ver­su­chen unsere Auf­merk­sam­keit zu erlangen. Die meisten dieser Neu­linge sind Dis­play­schriften, die ein­fach Spaß machen und durch ihren Stil auf­fallen sollen. Dann gibt’s natür­lich auch die Lese­schriften, die als echte Arbeits­tiere kon­zi­piert und gestaltet sind. Und manchmal gibt es Schriften, die beide Fähig­keiten kom­bi­nieren: Lese­schrift mit Dis­play­qua­li­täten.

Unter diese Kate­gorie zählt auch eine Egyp­ti­enne von Georg Trump: die Schadow-​Antiqua (1). Er ent­warf die Schrift für die Stutt­garter Schrift­gie­ßerei C.E. Weber zu einer Zeit, in der geo­me­trisch kon­stru­ierte Egyptienne-​Schriften gerade in Mode waren. Mem­phis (1929), City (1930) und Beton (1930) sind drei der bekann­testen Schriften dieser Spe­zies. Die Schadow-​Antiqua war aber im Ver­gleich viel feiner und wirkte ele­ganter. Sie war eben nicht am Reiß­brett kon­stru­iert worden, son­dern von Trumps Hand gezeichnet.

Zunächst kam der magere Schnitt 1938 auf den Markt. Im Gegen­satz zu den oben genannten Schriften, besitzen die Run­dungen eckig-​ovale Bogen­formen. Cha­rak­te­ris­tisch sind zudem die aus­ge­prägten Strich­stär­ken­kon­traste. Im Laufe der nächsten Jahre gesellten sich wei­tere Schnitte hinzu (2): Halb­fett (1939), eine schräg­ge­stellte Kur­sive (1942), Schmal­fett (1945), Werk (1948), Fett (1952). Neben den kon­tras­tie­renden fetten Schnitten spen­dierte der Schrift­künstler als Beson­der­heit die Dis­play­schnitte Werk (mit Kur­sive) und Forum I und Forum II. Die Schadow-​Antiqua Werk hatte noch leich­tere Strich­stärke als der magere Schnitt, war etwas breiter gezeichnet und besaß einige abge­wan­delte Buch­staben (a, g, ß, &), sowie ver­spiel­tere Zif­fern. Sie wirkt etwas kal­li­gra­fi­scher. Die Forum-​Schnitte waren ver­sale Umriss-​Alphabete, die die Aus­drucks­mög­lich­keit, gerade für werb­liche Anwen­dungen, erwei­terten. Der Ver­gleich aller Schnitte ver­deut­licht, dass die Schrift keine sys­te­ma­tisch auf­ge­baute Familie ist. Viel­mehr hat jeder Schnitt eigene, bis­weilen schrul­lige Form­de­tails, die sich von­ein­ander unter­scheiden.

Mit der Lufthansa um die Welt

Heute ist die Schadow-​Antiqua kaum bekannt. In den 50er Jahren war sie aber ein »Export«-Schlager, prangten ihre Let­tern doch stolz als Wort­marke auf den Flug­zeug­rümpfen der Luft­hansa. Doch dieser Erfolg währte nicht lange. Im Zuge eines neuen Cor­po­rate Designs löste Otl Aicher 1963 die Egyp­ti­enne ab. Sie musste der pro­gram­ma­ti­schen Schrift jener Zeit wei­chen, der Hel­ve­tica.

Die Schrift­fa­milie wurde von Bit­stream digi­ta­li­siert und ist im abge­speckten Umfang in 6 Schnitten bei myfonts erhält­lich.

David Jona­than Ross ent­wi­ckelte auf Grund­lage der Schadow-​Antiqua die groß­ar­tige Schrift­fa­milie Gimlet. In einem inter­es­santen Inter­view habe ich ihn über den Design­pro­zess der Gimlet befragt.

 

Quellen:
1) Schriftmusterflyer Schadow-​Antiqua, Schriftgießerei C.E. Weber, ca. 1954
2) Internationales Verzeichnis der Bleisatzschriften von Hans Reichardt
Vielen Dank an Mathieu Lommen für seine Hinweise!

2 Kommentare

  1. matthias merker am 25.02.2013

    Sehr geehrter Herr Glaab,
    wir besitzen im Druck­gra­fi­schen Museum Weimar ver­schie­dene Grade der Schadow-​Antiqua…
    Mit freund­li­chem Gruß

  2. Typostammtisch Berlin am 22.06.2016

    […] Titel­zeile wurde in der Gimlet von David Jona­than Ross, die auf  Georg Trumps Schadow basiert, gesetzt. Das Titel­bild (aus Sofia, Bul­ga­rien) stammt von Sonja […]