Das schicke g der Melior

Hermann Zapf ist vor allem für seine kalligrafischen Schriften wie die Zapfino berühmt. Aber auch die Optima hat jeder schon in der Parfumwerbung gesehen. Weniger bekannt ist seine Melior, konzipiert als Werksatzschrift aus dem Jahr 1952. 

Sie besitzt ein klas­si­zis­ti­sches Form­ske­lett, frei­lich ohne die Nach­teile (starke Kon­traste und ver­ti­kale Aus­rich­tung) die­ser Schrift­spe­zies zu über­neh­men. Inter­es­san­ter­weise sind die Buch­sta­ben run­de­ckig ange­legt, was in den letz­ten Jah­ren gerade bei Seri­fen­lo­sen sehr popu­lär ist. Dies führt zu einem sehr offe­nen Schrift­bild mit guter Les­bar­keit (s. Abb. 6 mit der Schrift gesetzt in 6 und 8 Punkt). Zudem sind die Buch­sta­ben­pro­por­tio­nen stark ver­ein­heit­licht und die Buch­sta­ben­ele­mente modu­lar, was für eine Werk­satz­schrift zu die­ser Zeit eher unge­wöhn­lich ist.

Der 10seitige Flyer wurde von der Firma D. Stem­pel AG, Frank­furt a.M. her­aus­ge­ge­ben und war für den inter­na­tio­na­len Ver­trieb bestimmt: die Schrift­zei­len sind in eng­li­scher und spa­ni­scher Spra­che gesetzt. Wie bei vie­len Schrift­mus­ter aus jener Zeit, finde ich auch hier die gestal­te­ri­sche und hand­werk­li­che Sorg­falt bein­dru­ckend. Die nur vier Schnitte umfas­sende Schrift­fa­mi­lie wird groß­zü­gig prä­sen­tiert. Abso­lut gelun­gen ist die Rück­seite des Fly­ers (Abb. 7, 8). Alleine der obere Block ist ein Gedicht: die rechts­bün­di­gen Name des Schrift­schnit­tes in eng­lisch und spa­nisch ste­hen dem Zei­chen­satz des Alfa­bets gegen­über, deut­lich abge­trennt durch die kräf­tigte rote Linie. Dazu gesellt sich der zweite auf Spal­ten­breite kom­po­nierte Block mit schwar­zen Test­wor­ten und vor­an­ge­stell­ten Größenangaben.

Das erwähnte kleine g ist mein liebs­ter Buch­stabe des Melior-Alfabets. Die Bauch- und Schlau­fen­punze sind ähn­lich groß, was man bei zeit­ge­nös­si­schen Schrif­ten gele­gent­lich sieht (z.B. Aller, FF Good, Zim­mer), für die dama­lige Zeit aber eher unty­pisch war. Zugleich besit­zen die Über­gänge deut­li­che Strich­kon­traste, die auf den kal­li­gra­fi­schen Ursprung ver­wei­sen. Beim schmal-fetten Schnitt hat Zapf das kleine g in der ein­bäu­chi­gen Vari­ante gezeichnet.

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Im Rah­men des neuen Cor­po­rate Designs für den Deut­schen Bun­des­tag im Jahr 2009 wählte das büro uebele die Melior als neue Hausschrift.

Corporate Font des Deutschen Bundestages

 

2 Kommentare

  1. Oliver Petersen am 2.01.2013

    Der Titel ist ein wenig irre­füh­rend. Das schi­cke ‚g‘ wird im Text gar­nicht mehr erwähnt und man muss es regel­recht in den Abbil­dun­gen suchen! Die Schrift hat mich an Renault erin­nert: http://www.fontshop.com/fonts/downloads/scangraphic/renault_sb_ot/

  2. Peter am 5.01.2013

    Ich hab den Text ein bissl erwei­tert, mit einer klei­nen Begrün­dung, wes­halb ich das kleine g beson­ders mag.