Ist eine Schrift gut, wenn sie in den Fontcharts oben steht?

In Zeiten der Meinungsbildung durch Empfehlungen ist es immer einfacher, die neueste hippe Brooklyn-​Band kennenzulernen oder coole Acessoirs noch vor der Masse zu liken. Was viele Menschen aus meiner Peergroup gut finden, kann nicht verkehrt sein. Oder?

Ein Blick auf die Font­charts der großen Schrift­dis­tri­bu­toren verrät, welche Schriften zu einem bestimmten Zeit­punkt bzw. Zeit­raum beson­ders ange­sagt sind. Da stellt sich zunächst die Frage, wie das Ran­king zustande kommt? Bei MyFonts bei­spiels­weise spie­geln sich darin ledig­lich die Ver­kaufs­zahlen wieder: »So we’ve looked at average sales, cor­rec­ting for what we might call the Intro­duc­tion Sales Peak (ISP), kept the number of font fami­lies from the same foundry down to a maximum of two, and made sure popular genres are fairly rep­re­sented.« And the winner in 2012 is … Nexa.

Komisch, ich habe diese Schrift noch nie in freier Wild­bahn gesehen. Der Text verrät, dass es einen Mega­trend gibt, wonach Type Foundries ihre neu­esten Schriften zu Ultra­hard­core­pro­mo­preisen unters wil­lige Volk bringen. 50%, 60%, 70%, 80% oder sogar 90% Nach­lass in den ersten 14 Tagen. So geschehen bei der Nexa. Das sind natür­lich legi­time Mar­ke­ting­mittel der oft­mals kleinen Type Foundries, über­haupt in der Flut von täg­li­chen Neu­erschei­nungen mit ihren Schriften wahr­ge­nommen zu werden. Was aber sagt dann die Plat­zie­rung einer Schrift im Ran­king über ihre Qua­lität aus?

Ers­tens
Hohe Preis­nach­lässe sollen für einen künst­li­chen Konsum sorgen. Aber wie wir alle wissen, hat echte Qua­lität einen Preis und wird nie­mals zu 90% Rabatten ver­schleu­dert.

Zwei­tens
Schrift­muster sind ein zwei­schnei­diges Schwert, denn sie zeigen die Schrift meis­tens nur ein­di­men­sional: die ästhe­ti­sche Insze­nie­rung steht im Vor­der­grund. Das cha­rak­te­ris­ti­sche Detail wird geschickt in Szene gesetzt. Ein beliebtes Bei­spiel sind ver­we­gene Zier­li­ga­turen oder alter­na­tive Gly­phen, die die Anmu­tung des Schrift­bildes merk­lich beein­flussen können.

Drit­tens
Digi­tale Schrift­muster sind nur bedingt aus­sa­ge­fähig. Selbst wenn die Schrift aus­schließ­lich onscreen ver­wendet werden soll, ist der sta­ti­sche Ein­druck nicht ver­gleichbar mit der Ver­wen­dung als Web­font. Jedes System und jedes Gerät beein­flusst das Ren­de­ring der Schrift und damit auch ihr Schrift­bild. Was die Ver­wen­dung der Schrift für Print­me­dien betrifft, ist die Anmu­tung grund­ver­schieden zur Dar­stel­lung am Bild­schirm (egal ob nor­male Moni­tor­auf­lö­sung oder feine Reti­na­auf­lö­sung), abhängig vom Druck­pro­zess und Papier. Ein Bei­spiel ist die von mir geschätzte Nitti. Ich sehe sie gerade vor mir, wäh­rend ich den Text abtippe, recht groß und luftig. Wenn ich sie dagegen für einen Kor­re­spon­denz­text auf einem Brief­bogen ver­wende, wirkt sie kom­plett anders, viel dichter und schärfer.

Vier­tens
Ein Schrift­muster ist nur ein totes Bild. Eine Schrift lässt sich erst beur­teilen, wenn man sie ver­wendet. Wenn man ihren Zei­chen­schatz in der Gly­phen­pa­lette live begut­achtet, mit OpenType-​Features kleine Kunst­stücke voll­bringt, Zif­fern nach Bedarf ändert, Kapi­täl­chen akti­viert und sich zwi­schen meh­reren Schnitten ent­scheiden kann. Aber das wich­tigste: Schrift zeigt erst im Men­gen­satz ihr wahres Gesicht, näm­lich wie gut sie hinter dem Inhalt zurück­treten kann. Das ist die funk­tio­nale Ebene der Les­bar­keit. Die Ästhetik spielt dann nur die zweite Geige, wirkt subtil und unter­schwellig.

Das Bei­spiel der MyFonts-​Charts ist will­kür­lich gewählt. Andere kom­mer­zi­elle Font­charts mögen auf­grund unter­schied­li­cher Kri­te­rien weniger ästhe­ti­sie­rend sein. Genauso wenig wie ein hoch­plat­zierter Musikhit auto­ma­tisch mit künst­le­ri­schem Gehalt gleich­zu­seten ist, ist die Popu­la­rität eines Fonts noch kein Indiz für dessen for­male und funk­tio­nale Qua­lität.

6 Kommentare

  1. Christoph am 16.04.2013

    Vielen Dank für diesen guten Ein­wurf!
    Ich emp­finde es auch immer wieder als sehr frag­würdig, daß Schriften auf­grund ein paar hüb­scher Bilder bewertet werden.
    Dem geübten Auge fallen zwar auch schon dort die gröbsten Sachen ins Auge, aber da ein Font mehr ist als das, was man sieht, wird gerade die tech­ni­sche Seite meis­tens (auch von den wenigen Fach­me­dien) völlig igno­riert.
    Selbst tolle Schriften können als Font völlig ver­sagen (Stich­wort Ker­ning, Zei­chen­satz, OpenType-​Funktionalität, Kom­pa­ti­bi­lität und vor allem: Hin­ting).

  2. Peter am 16.04.2013

    Ich stimme Dir da voll zu. Mir ist das auch schon so ergangen, dass ich eine Schrift lizen­ziert habe, weil ich ein Schrift­muster so genial fand, dann ziem­lich ent­täuscht war, weil das Ker­ning sub­op­timal war und ein oder zwei Buch­staben den eigent­lich stim­migen Gesamt­ein­druck ver­murkst haben. Wenn ich erst einmal einen Stol­per­stein in einer Schrift ent­deckt habe, dann ist der immer im Hin­ter­kopf, egal ob ich das in diesem Moment wirk­lich sehe oder nicht. Das ist natür­lich ein sehr spe­zi­fi­sche Wahr­neh­mung durch jah­re­langes Beschäf­tigen mit der Materie. Es ist frag­lich, ob der Leser über­haupt nur ansatz­weise etwas davon spürt, wenn bei­spiels­weise ein Buch­staben aus dem Rahmen fällt. 

    Wie ist das eigent­lich bei Dir. Welche Tests unter­ziehst Du einer nagel­neuen Satz­schrift, bevor die in den Markt gelangt? Gibt es da neben den Kri­te­rien Ker­ning, Hin­ting, OT-​Funktionalität noch wei­tere Dinge?

  3. Christoph am 16.04.2013

    Bei Font­Font haben wir beson­ders aus­ge­klü­gelte Kon­troll­me­cha­nismen, die ver­su­chen, mög­lichst viel abzu­fangen. Vieles davon pas­siert auto­ma­tisch, bei einigen Sachen bedarf es aller­dings des mensch­li­chen Auges.
    In jedem Falle ist es schwierig vor­aus­zu­sehen, wo Fehler lauern können. Ein Font ist eine kom­plexe Ange­len­heit, und oft äußert sich ein kleines Ver­säumnis erst in bestimmten Situa­tionen.
    Zei­chen können falsch gezeichnet oder belegt sein, Akzente können ver­rutscht sein, Zei­chen fehlen, die Glyph­sor­tie­rung nicht stimmen, die Benen­nung kann (beson­ders cross-​platform) pro­ble­ma­tisch sein, ein Sty­lelin­king nicht funk­tio­nieren, Ker­ning­paare fehlen, hori­zon­tale oder ver­ti­kale Metriken nicht stimmen usw usf …

  4. Oliver Petersen am 22.04.2013

    »Es ist frag­lich, ob der Leser über­haupt nur ansatz­weise etwas davon spürt, wenn bei­spiels­weise ein Buch­staben aus dem Rahmen fällt.«

    Das frage ich mich so oft!
    Was nützt ein müh­se­liger Rand­aus­gleich, wenn die Ziel­gruppe nicht mal den Unter­schied erkennt, wenn man ihr die kor­ri­gierte und die unbe­ar­bei­tete Ver­sion vor Augen hält? Ich denke mir dann oft, dass es sich bei sol­chen mikro­ty­po­gra­fi­schen Details nur um ein »Battle« zwi­schen Typo-​Nerds geht.

    Gibt es dazu Untersuchungen/​Links?

  5. Peter am 23.04.2013

    Mikro­ty­po­gra­fi­sche Details sind ja nicht alle im glei­chen Maße un/​sichtbar. Manche Dinge fallen einem eher ins Auge, bzw. werden eher spürbar, wie z.B. ein zu klein gewählter Schrift­grad, zu lange Zeilen oder ein schlechter Zei­len­um­bruch. Andere Dinge, wie eine Ligatur sind so mikro­spe­zi­fisch, dass sie im Fließ­text – je nach Schrift – kaum auf­fallen, bei einem Logo aber sehr wohl eine große Rolle spielen. Ich per­sön­lich bin der Auf­fas­sung, dass eine Sorg­falt im typo­gra­fi­schen Detail wichtig ist, wenn der Inhalt es ver­dient, gelesen zu werden. Ob die Leser­schaft diese Sorg­falt nun spürt oder nicht, müsste man in einer großen Studie exem­pla­risch her­aus­finden. Vom Gefühl her denke ich: spüren ja, bewusst wahr­nehmen eher nicht. 

    Ich weiß nicht, ob es zu diesem spe­zi­ellen Thema Stu­dien gibt. Zumeist wird ja gene­rell der Begriff Les­bar­keit unter­sucht. Aller­dings ist die Aus­sa­ge­kraft sol­cher Stu­dien wegen rea­li­täts­fernen Ver­suchs­auf­baus i.d.R. nicht gegeben. Hier ist so eine zwei­fel­hafte Studie.

  6. Links vom Rhein, 14. Mai 2013 | Hendryk Schäfer am 14.05.2013

    […] Ist eine Schrift gut, wenn sie in den Font­charts oben steht? – Man könnte auch fra­gen „Ist eine Zei­tung gut, wenn sie eine hohe Auf­lage hat?“ oder „Ist ein Film toll, wenn er in den Kino­charts oben steht?“. Solange „toll“ nicht wei­ter defi­niert wird, hilft alles nichts. Thus said: Der Text ist den­noch lesens­wert. […]