Bildmanipulation im Boulevardjournalismus

Bilder umgehen viele Kontroll- und Kritiksperren, denen die mündliche und schriftliche Kommunikation ausgesetzt ist. Im Gegensatz zu jeder anderen Form der Kommunikation kann man zu einem Bild nicht »nein« sagen. Sobald man es sieht, beginnt es zu wirken. In einer kleinen Serie stelle ich Beispiele vorsätzlicher Bildmanipulation in den Massenmedien vor.


Manipuliertes Pressefoto eines ermordeten Mafia-Mitglieds, 1996 (Quelle: DER SPIEGEL Nr. 34 1996)

Manipuliertes Pressefoto eines ermordeten Mafia-Mitglieds, 1996 (Quelle: DER SPIEGEL Nr. 34 1996)

 

Truth well told

Ein Mafioso liegt auf einem Bürgersteig, den Kopf inmitten einer großen Blutlache. Er wirkt geradezu friedlich. »Mit ein paar Einschusslöchern hätte das Bild noch mehr Druck«, urteilt der Bildcomposing-Profi Heinz-Uwe Möhlenkamp und greift in die digitale Trickkiste. In minutenschnelle zaubert er dem Bild einen verlängerten Rolladen, den er mit ein paar Löchern verziert. Der Mafioso bekommt drei Treffer hinzu. Schließlich spiegelt sich sein Gesicht deutlich in der Blutlache wieder. »Für mich ist das truth well told« – eine bewusste Zuspitzung des tatsächlichen Geschehen, behauptet Möhlenkamp. (1)

 

Bombenattentat im ägyptischen Theben in der ›Blick‹ vom 17.11.1997

Bombenattentat im ägyptischen Theben in der ›Blick‹ vom 17.11.1997

 
So ähnlich dachte wohl auch die Redaktion des Schweizer Boulevardblattes Blick, als sie einen Bericht über ein Bombenattentat im ägyptischen Theben vom 17.11.1997 inszenierte. Ein Bild vom Tatort illustriert das Geschehen: eine breite Blutspur rinnt dem Leser aus dem Tempel der Hatschepsut entgegen. Das Foto soll das grausame Ausmaß des Terroranschlags islamischer Fundamentalisten unterstreichen. Wenige Stunden später bringt das Schweizer Fernsehen DRS das gleiche Motiv in seinen Mittagsnachrichten. Vier Tage später stellt sich jedoch heraus, dass das Foto manipuliert war. Die Blick-Redaktion hatte die Wasser-Pfütze des Originals digital verändert. Aus Wasser wurde Blut.

Die Gründe für solch reißerische Bildkompositionen sind vielfältig: der Konkurrenzkampf in den Medien ist enorm, gleichzeitig sollen höhere Auflagen oder Einschaltquoten erreicht werden. Aber nicht nur die Medien selbst seien Schuld daran, so der Journalist Heller: »Wenn es keinen Bedarf an Sensationen gäbe, würden sich Sensationen nicht so gut verkaufen. Die Macher der Bild-Zeitung, der Boulevardblätter, des kommerziellen Fernsehens sind nicht schlechter als ihre Leser und Zuschauer. Die Verkäufer von Gewalt und Sex sind nicht unmoralischer als ihr Millionenpublikum.« (2)

 

Links: Original-Foto des ermordeten Mafia-Mitglieds, 1984. Rechts: Original-Foto des Tempel der Hatschepsut von Associated Press, 17.11.1997

Links: Original-Foto des ermordeten Mafia-Mitglieds, 1984. Rechts: Original-Foto des Tempel der Hatschepsut von Associated Press, 17.11.1997


 

1.) DER SPIEGEL, Nr.34 1996, S.84; Hamburg
2.) Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Bilder, die lügen, S.22f; Bonn, 2000

5 Kommentare

  1. 7. Termin (27. Mai 2015) | Erstellen digitaler Bilder am 27.05.2015

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  2. 7. Termin (3. Juni 2015) | Erstellen digitaler Bilder am 3.06.2015

    […] http://​peter​-glaab​.de/​2​0​1​3​/​0​6​/​b​i​l​d​m​a​n​i​p​u​l​a​t​i​o​n​-​i​m​-​b​o​u​l​e​v​a​r​d​j​o​u​r​n​a​l​i​smus/ […]

  3. „Jedes Foto lügt – Fotografie/Fotojournalismus zwischen Bildoptimierung und Bildmanipulation“. | johannamuellermaierschmidt am 9.06.2015

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  4. Jedes Foto lügt – Fotografie/Fotojournalismus zwischen Bildoptimierung und Bildmanipulation | kingjuliensworld am 9.06.2015

    […] Quellen: http://​www​.spiegel​.de/​s​p​i​e​g​e​l​/​v​o​r​a​b​/​b​i​l​d​m​a​n​i​p​u​l​a​t​i​o​n​-​b​e​i​-​w​o​r​l​d​-​p​r​e​s​s​-​p​h​o​t​o​-​a​-​1​0​1​9​6​2​0​.html http://​www​.spiegel​.de/​e​i​n​e​s​t​a​g​e​s​/​m​a​n​i​p​u​l​i​e​r​t​e​-​b​i​l​d​e​r​-​a​-​9​4​7​3​2​6​.html http://​www​.spiegel​.de/​s​p​i​e​g​e​l​/​b​i​l​d​j​o​u​r​n​a​l​i​s​m​u​s​-​z​a​u​b​e​r​t​r​i​c​k​s​-​i​m​-​p​h​o​t​o​s​h​o​p​-​a​-​9​0​0​0​5​1​.html http://​www​.spiegel​.de/​n​e​t​z​w​e​l​t​/​w​e​b​/​n​e​u​e​-​a​p​p​-​i​z​i​t​r​u​-​e​n​t​d​e​c​k​t​-​g​e​f​a​e​l​s​c​h​t​e​-​f​o​t​o​s​-​a​-​9​6​7​8​5​1​.html http://​peter​-glaab​.de/​2​0​1​3​/​0​6​/​b​i​l​d​m​a​n​i​p​u​l​a​t​i​o​n​-​i​m​-​b​o​u​l​e​v​a​r​d​j​o​u​r​n​a​l​i​smus/ […]

  5. Bildbearbeitung in den Medien – Manipulation oder Optimierung? | thefinerthings am 10.06.2015

    […] Meine – sub­jek­tive – Mei­nung ist, dass Foto­gra­fien die für den Jour­na­lismus gedacht sind, nicht bear­beitet werden sollten, da sie uns über die Rea­lität infor­mieren sollen und die Wahr­heit abbilden sollen. Natür­lich weiß man dass die Medien uns heut­zu­tage häufig mani­pu­lieren, den­noch sollte die Bericht­erstat­tung wahr­heits­gemäß sein und die Foto­gra­fien, die uns zeigen sollen was in der Welt pas­siert müssen dem­entspre­chend unbe­ar­beitet sein. Die Inten­tion des Ver­öf­fent­li­chers sollte hierbei Fokus auf die Bericht­erstat­tung setzen – ich ver­mute aller­dings, dass durch die Sucht nach Sen­sa­tionen und Scho­cker heut­zu­tage, eher darauf wert gelegt wird den nächsten Skandal zu publi­zieren, um mög­lichst hohe Auf­lagen zu erzielen. Dies ist natür­lich nicht nur die Schuld der Zei­tungen, son­dern auch die der Käufer, da ihnen eine nor­male Bericht­erstat­tung ohne unglaub­liche Skan­dale oft nicht inter­es­sant genug ist. Extrem bear­bei­tete Bil­der­bei­spiele die schon mal in den Medien publi­ziert wurden, findet ihr bei diesem Blog­ein­trag: http://​peter​-glaab​.de/​2​0​1​3​/​0​6​/​b​i​l​d​m​a​n​i​p​u​l​a​t​i​o​n​-​i​m​-​b​o​u​l​e​v​a​r​d​j​o​u​r​n​a​l​i​smus/ […]