Year Book of Type I — Orientierung im aktuellen Schriftenangebot

Die Veröffentlichungsflut an neuen Fonts ist so groß, dass eine Übersicht schwer fällt. Das neu erschienene Year Book of Type I kann helfen, sich im Dschungel aktueller Schriftentwürfe zu orientieren. 

Das Ende der gedruckten Nachschlagewerke

Vor wenigen Tagen las ich, dass Ber­tels­mann die 24bändige Brockhaus-​Enzyklopädie ein­stellt. Was bereits seit Jahren absehbar war, ist nun Gewiss­heit: die gedruckte Enzy­klo­pädie ist Geschichte. Sie hat keine Chance gegen die Aktua­lität und Mobi­lität von Wiki­pedia und anderen Online-​Quellen. Auch weil die bil­dungs­bür­ger­liche Ziel­gruppe, die Wert auf ein Brockhaus-​Regal legt, langsam aber stetig kleiner wird, lohnt sich die auf­wen­dige Recherche, Auto­ren­schaft, Pro­duk­tion und der Ver­trieb nicht mehr.

Was hat das nun mit der Schrift­branche zu tun? Nun, die Ziel­gruppe ist weder alt, noch zu klein — im Gegen­teil. Aber auch hier hat man sich von der Pro­duk­tion kilo­gramm­schwerer Nach­schla­ge­werke ver­ab­schiedet. Font­Shop ver­treibt z.B. seit 2010 seine Font­Book App, die das 2006 erschiene, gedruckte Font­Book mit seinen 32.000 Schriften ersetzt. Die App ist Schrift­muster und Ver­triebs­platt­form zugleich. Neu­erschei­nungen werden zeitnah ergänzt und die Schrift­suche funk­tio­niert über ver­schie­dene Kri­te­rien. So über­zeu­gend die Funk­tio­na­li­täten sind, gibt es doch einen großen Nach­teil: das Schrift­bild auf einem Dis­play wirkt anders als auf Papier gedruckt. Klar, das Retina-​Display ist gesto­chen scharf und hoch­auf­lö­send. Aber das umge­bende Weiß über­strahlt auch die Buch­sta­ben­körper in kleinen und nor­malen Schrift­graden. Zudem weicht die Zurich­tung der Buch­staben und damit der Rhythmus der Schrift vom gedruckten Schrift­bild ab. Bei Dis­play­schriften ist das ver­kraftbar, spielt aber für die Beur­tei­lung einer Text­schrift eine ent­schei­dende Rolle.

Das Year Book of Type I

Mit dem Year Book of Type I ist bei Niggli nun ein neues gedrucktes Schrift-​Kompendium erschienen. Es bietet eine Über­sicht von Schriften, die Typede­si­gner, Inde­pen­dent Foundries und große Type Foundries zwi­schen 2009 und 2012 ver­öf­fent­lichten. Der Her­aus­geber Slanted wählte ins­ge­samt 187 Schriften und unter­teilte sie in sechs Kate­go­rien: Sans Serif, Serif, Slab, Black­letter, Script und Dis­play. Jede vor­ge­stellte Schrift füllt eine Dop­pel­seite: links ein freies Schrift­muster, rechts kurze Infos über das Kon­zept oder den Ein­satz­zweck, Angaben zur Type­foundry, zur Sprach- und OpenType-​Unterstützung, eine Über­sicht der Schrift­schnitte und Mini-​Satzproben.

Neben den alpha­be­tisch sor­tierten Schrift­mus­ter­seiten bietet das Buch einen nütz­li­chen Index mit einer spalten- und zei­len­weise Gegen­über­stel­lung der Schriften als Schnell­re­fe­renz. Das Folge-​Kapitel stellt alle Typede­si­gne­rInnen mit einer Kurz­bio­gra­phie vor. Abschlie­ßend gewähren fünf Essays einen knappen Ein­blick in die Welt der Schrift­ge­stal­tung und Schrift­tech­no­logie.

Das gefällt mir

Gedruckte Schrift­mus­ter­bü­cher sind natür­lich nicht aus­ge­storben und auch andere Ver­lage bieten Schrift­mus­ter­bü­cher an. Das Niggli-​Buch ist aber als Reihe kon­zi­piert und kann in drei oder vier Jahren neu auf­ge­legt werden. Im Gegen­satz zum Font­Book will man nicht ein mög­lichst umfang­rei­ches Schrift­an­gebot abbilden, son­dern wählte vor­stel­lungs­wür­dige Schriften aus. Und tat­säch­lich bietet die Schrift­aus­wahl eine gute Mischung von Werken nam­hafter Typede­si­gner und talen­tierter New­comer. Selbst exklu­sive Custom-​Fonts wie die ›Rijks­mu­seum‹ sind ent­halten. Mir per­sön­lich macht das Stö­bern und Erkunden inter­es­santer Schriften und Form­de­tails viel Spaß. Nicht nur, weil es gedruckte Schrift­muster sind, son­dern weil das in sich geschlos­sene Medium Buch hier seine Stärke beweist: ich werde nicht so schnell abge­lenkt wie am Bild­schirm, da keine wei­ter­füh­renden Links in die Tiefen des Inter­nets locken.

Das Slanted-​Team beweist ein gutes Händ­chen bei der »high-​quality selec­tion« und sorgt so für Über­sicht und Ori­en­tie­rung im welt­weiten Schrift­an­gebot der letzten vier Jahre. Auch optisch und hap­tisch wird einiges geboten: Die 464 Seiten sind mit einem grauen Buch­karton gede­ckelt, den ein far­biges Halb­ge­we­be­band teil­weise umschließt. In sattem Schwarz kon­tras­tiert die geprägte und gesieb­druckte Umschlag­ty­po­grafie.

Das fehlt mir

Mich hätte natür­lich bren­nend inter­es­siert, unter wel­chen Kri­te­rien die Schriften zusam­men­ge­stellt wurden. Wie soll der Nicht-​Experte beur­teilen können, ob eine Schrift wirk­lich taugt und ob die Inves­ti­tion even­tuell lohnt? Zuge­geben, klare Kri­te­rien für so unter­schied­liche Schrift­ka­te­go­rien sind schwierig, zumal sie oft sub­jektiv sind und vom Ein­satz­zweck abhängen. Wenn es um Dis­play­schriften geht, dann steht natür­lich die Ästhetik im Vor­der­grund. Bei Text­schriften rei­chen ein paar Zeilen Mus­ter­text und eher all­ge­meine Infor­ma­tionen über Cha­rakter und Ver­wen­dungs­zweck aber nicht aus. Dann emp­fehle ich einen Blick in Schrift­wechsel von Ste­phanie und Ralf de Jong (2008).

Fazit

The Year Book of Type ist ein sty­lisch ver­packtes Kom­pen­dium für Typo-​Nerds, für Schrif­ten­lieb­haber und für solche, die es noch werden möchten. Ich emp­fehle es allen, die Inspi­ra­tion für eigene Schrift­ent­würfe suchen oder ein­fach wissen möchten, was gerade ange­sagt ist. Die Aus­wahl der Schriften ist gelungen und zeigt viele Fonts aus dem Umfeld der Schrift­schmieden HGB Leipzig, Rea­ding und Den Haag. Gerade die Fonts der jungen Typede­si­gner ver­blüffen immer wieder mit fri­schen und zugleich funk­tio­nalen Formen. Allen Unken­rufen zum Trotz, beweist das Medium Buch hier seine Vor­teile als phy­si­sches Nach­schla­ge­werk.

 

Kurzinfos:
Yearbook of Type I; Niggli Verlag, Sulgen; MAGMA Brand Design /​ Slanted (Hrsg.); Englisch, 464 Seiten, zahlreiche Schriftmuster 17,5 × 24,5 cm, Halbleinengewebeband; Preis: 49,80 € (D), 51,20 € (A), 62 CHF; ISBN 978-​3-​7212-​0861-​0. Erhältlich im Slanted Shop oder beim Buchhändler des Vertrauens

2 Kommentare

  1. Petersen am 28.08.2013

    Das High­light findet sich auf Seite 51: Zumin­dest der Corporate-​Font des Ber­liner Flug­hafen ist schon seit 2010 fertig gestellt!

  2. Peter am 28.08.2013

    Wenigs­tens die Ber­liner Kol­legen lie­fern recht­zeitig ;-)