An den Haaren herbeigezogen

Hairschaftszeiten

Friseure haben es heutzutage nicht einfach: Ein geringer Verdienst knapp über dem Mindestlohn und fehlender Nachwuchs einerseits, große Konkurrenz in den Städten andererseits. Kein Wunder, daß hier ausgefallene Geschäftsnamen so populär sind.

An Hair-​Designern aller Art haben wir uns ja schon lange gewöhnt. Neulich sah ich in der Schon­gauer Altstadt (Ober­bayern) eine beson­ders einfalls­reiche Verschmel­zung der haarigen Dienst­leis­tung mit einem baye­ri­schen Kraft­aus­druck. Was mir natür­lich beson­ders gefiel, war die zu Grunde liegende Schrift­wahl Peignot. Diese deko­ra­tive Type ist, wie wir schon im Grund­stu­dium lernten, DIE belieb­teste Schrift bei Friseuren. Warum das so ist, bleibt mir aller­dings ein Rätsel.

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Pulsschlag aus Stahl

Brücke 10, St. Pauli-Landungsbrücken.

Blick von Brücke 10, St. Pauli-​Landungsbrücken auf die Elbe.

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Gimlet – im Rausch einer neuen Schriftfamilie

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Direkt vorweg: Gimlet ist heiße Anwärterin für meine Lieblingsschrift des Jahres und das auch nach dem zweiten, dritten, vierten und fünften Blick! Dass sie sich deutlich von der Masse abhebt und Texten zu einem starken Auftritt verhilft, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis hervorragender Konzeptarbeit und Handwerk. Hier stelle ich Euch die Gimlet und ihren Entwerfer David Jonathan Ross vor, mit dem ich ein sehr interessantes Interview geführt habe.

Der in New Hamp­shire lebende Desi­gner und Pro­gram­mierer David Jona­than Ross ist meiner Meinung nach einer der talen­tier­testen jungen Typen­de­si­gner aus den USA. Schon während seines Studiums am Hamp­shire College begann er Fonts zu entwi­ckeln und betreibt, nach seiner Zusam­men­ar­beit mit Font Bureau, seit Mai diesen Jahres sein eigenes Schrift-​Label DJR. Zu seinen Schriften zählen u.a. Mani­cotti, Turnip, Input, Output und Bungee.

Vor drei Jahren habe ich David geschrieben, wie begeis­tert ich von seiner Turnip sei (die Text­schrift dieses Blogs) und fragte ihn, woran er gerade arbeite. Daraufhin schickte er mir Schrift­muster einer in der Entwick­lung befind­li­chen großen Schrift­fa­milie. Ich konnte es kaum glauben: Sie basierte auf der Schadow Antiqua über die ich kurz zuvor einen Artikel geschrieben hatte. Im Mai erschien dann zum Start seines frisch gegrün­deten Schrift-​Labels die wunder­bare Gimlet!

Schadow Antiqua – Historie einer Patchworkfamilie

Die Ein­zig­ar­tig­keit der Gimlet versteht man am besten mit einem Blick auf die 1938 erschie­nene Schadow Antiqua von Georg Trump. Leider ist sie — zu unrecht, wie ich finde — in Ver­ges­sen­heit geraten und das vor allem, weil sie als Blei­satz­schrift den Sprung in die Fotosatz-​Ära nicht geschafft hat. Grob beschrieben, würde man die Schadow Antiqua als Text­schrift mit Dis­play­qua­li­täten bezeichnen. Ihre Abstam­mung von der klas­si­zis­ti­schen Antiqua zeigt sich an der ver­ti­kalen Schat­te­nachse mit Beto­nung der ver­ti­kalen Stämme. Cha­rak­te­ris­tisch sind ihre eckig ange­setzten Serifen und aus­ge­prägte Kon­traste. Das Neue daran war damals die super­el­lip­ti­sche Form der runden Buch­staben — die wenig später in der Melior wieder auf­tau­chten — und die breit pro­por­tio­nierten Buch­staben der mageren und leichten Schnitte. Obwohl man die Schadow Antiqua den sei­fen­be­tonten Anti­quas zuordnen kann, ist sie weniger modular und in vielen Details ver­spielter als zeit­ge­nös­si­sche Schriften wie Beton oder Mem­phis.

Schadow-​Antiqua Werk, Blei­satz, 36 pt

Schadow-​Antiqua mager, Blei­satz, 36 pt

Ins­ge­samt umfasst die Schrift 8 Schnitte, die über einen Zeit­raum von 14 Jahren ent­wi­ckelt und ver­öf­fent­licht wurden. Nach heu­tigen Maß­stäben würde man jedoch kaum von einer echten Familie spre­chen, denn die Schadow Antiqua wirkt formal unein­heit­lich. In jedem Schnitt gibt es unter­schied­liche Form­de­tails. Selbst Buch­staben wie das kleine ›g‹, ›k‹ oder ›ß‹ vari­ieren zwi­schen den Schnitten.

Gimlet – der Weg zur einheitlichen Formensprache

David war von Anfang an klar, dass er nicht nur eine reine Inter­pre­ta­tion der Schadow Antiqua zeichnen wollte. Statt­dessen war sein Plan, ihren freund­li­chen Charme mit einer eigenen For­men­sprache zu verbinden. So ist es ihm tatsäch­lich gelungen, aus einer Truppe indi­vi­du­eller Buch­staben ein echtes Team zu formen. Aus dem Neben­ein­ander sehr unter­schied­li­cher Schnitte schuf er eine sys­te­ma­tisch orga­ni­sierte Super­fa­milie mit drei opti­schen Größen und vier Breiten. Ins­ge­samt 112 Schnitte umfass­t die Gimlet. Im Ver­gleich zur Schadow Antiqua wirkt sie orga­ni­sch und har­mo­nisch abge­stimmt.

gimlet_specimen_9Eine Schrift mit starker Persönlichkeit: charakteristisch sind die superelliptische Grundform der runden Buchstsben, Strenge Serifen, beschwingte Kurven und kräftige Serifen

 

Dass die Gimlet so her­vor­ra­gend Zeilen bildet, ist auf die breiten Buch­staben, die großen Punzen und die sta­bilen Serifen zurück­zu­führen. Ihre Kur­sive basiert auf einer geneigten Roman (a, u, p), die durch kursiv geschrie­bene Minuskel-​Zeichen (g, v, x, z) konter­ka­riert wird. Die Dynamik des kur­siven Textes lässt sich sogar über die OpenType-​Funktion Form­satz steuern, mit der sich alter­na­tive Zei­chen­formen anwählen lassen.

Über das OpenType-​Feature Format­va­ri­anten lässt sich die Dynamik kursiver Begriffe verän­dern.

Im Fließ­text kon­tras­tiert die Kur­sive super als dezente Aus­zeich­nung, da sie ein wenig schmaler läuft, aber dem glei­chen Kon­trast­prinzip der Roman folgt. Für aktive Aus­zeich­nungen bietet sich Kapi­täl­chen an (vor­handen in der Gimlet Text und Gimlet Micro). Pro­por­tionale Versal- und Mediä­val­zif­fern, dickten-​gleiche Versal­zif­fern, Brüche, sowie hoch- und tief­ge­stellte Zif­fern unter­streichen die Viel­sei­tig­keit der Gimlet.

Der Zei­chen­koffer hält außerdem alter­na­tive Buch­sta­ben­formen bereit, von denen manche ausschliess­lich hän­disch über die Gly­phen­pa­lette aus­wählbar sind.

Gimlet on Air – die progressive Superfamilie im Praxistest

Im Einsatz wird schnell deut­lich, die Gimlet zeichnet sich, neben ihren Text- und Dis­play­qua­li­täten, über ihre Flexi­bi­lität und die skalier­bare Verwend­bar­keit aus. Egal ob Men­gen­text oder große Über­schriften, ob Print oder Screen-​Anwendung — Gimlet wirkt stets unver­braucht frisch und ist gut lesbar. Keine bekannte Schrift verfügt über ein iden­ti­sches Form­prinzip, wodurch Texte eine indi­vi­du­elle Note erhalten.

Über­ein­an­der­ge­legte Out­lines ver­deut­li­chen den Kon­trast­un­ter­schied zwi­schen Gimlet Dis­play, Text und Micro.

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Im Men­gen­text emp­fiehlt sich Gimlet Text in der nor­malen Breite oder im Narrow-​Schnitt, der etwa 6 Prozent schmaler läuft. Bild­un­ter­schriften, Fuß­noten und Klein­ge­drucktes sind das Metier der Gimlet Micro. Sie ist einen Hauch breiter und mit weniger Strich­stär­ken­kon­trast gezeichnet als Gimlet Text.

Für Über­schriften und kurze Texte über 20 pt eignet sich die Display-​Familie beson­ders gut. Sie läuft platz­sparender als Gimlet Text und ist optisch ange­passt: aus­ge­prägte Kon­traste in den Über­gängen und Bogen­ein­läufen verleihen ihr Fein­heit und Eleganz. Die Condensed- und Compressed-​Schnitte könnten für schmale Text­ko­lumnen einge­setzt werden. Wer zu lange Text­stre­cken damit setzt, gefährdet aller­dings den Lese­kom­fort, der durch die schmale Zeich­nung und geringen Weiß­räume zwangs­läufig ein­ge­schränkt ist.

Mit vier Breiten ist Gimlet bes­tens gerüstet für ver­schie­dene View­port­breiten der Bild­schirme. Im Test zeigt sich ein erstaun­lich gleich­mä­ßiges Schrift­bild der Gimlet Text und Gimlet Micro im normal breiten und im Narrow-​Schnitt. Bei groß­zü­gigem Zei­len­ab­stand ist sie ange­nehm zu lesen. Ihre Buch­staben erscheinen im Ver­gleich zu anderen Text­schriften gera­dezu riesig. Inso­fern emp­fiehlt sich für Fließ­text ein um 10 bis 15 Pro­zent ver­klei­nerter Schrift­grad.

Gimlet ist in verschie­denen Paketen als Kombi-​Lizenz (Desktop + Web + App + ePub) bei DJR.com erhält­lich oder in verschie­denen Paketen und Schnitten als Einzel- oder Mehrfach-​Lizenzen (Desktop /​ Web /​ App /​ ePub) bei Type Networks erhält­lich.

Mehr über die Entste­hung der Gimlet erfahrt Ihr hier in meinem Gespräch mit David Jona­than Ross. Viel Spaß!

 

Herzlichen Dank an Bettina Knoth für das Lektorat und die Qualitätssicherung.

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Interview with David Jonathan Ross

I talked with David about Gimlet, his own type label DJR and new typefaces in progress.

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Hi David, you recently founded your own type label DJR. What was your motivation? Which meaning does the Type Network have for you?

In recent years, I have taken a more active role in the licen­sing and marke­ting of my typefaces, in addi­tion to the design and produc­tion. I have released my typefaces with Font Bureau for years, but we realized that I could take this further as an inde­pen­dent foundry. Currently, the font market is short on inde­pen­dent distri­bu­tors, which is why I am happy that Type Network exists and that it encou­raged me to join as an inde­pen­dent foundry. They have been very suppor­tive of me as I’ve under­gone this whole process.

Your new font family Gimlet draws its inspirations from Schadow-​Antiqua. Which characteristics did you transfer and what was your own infusion?

Tech­ni­cally Nick Sherman intro­duced me to it, and I had many discus­sion with both him and German desi­gner /​ educator Indra Kupfer­schmid about the nature of the design. Both helped me analyze the design and decide how to reinter­pret it. I took most of my inspi­ra­tion from the Schadow Werk style, which is quite distinct from the rest of the family. I wanted Gimlet to keep some of Schadow’s quirks (like the leg of the R‘ or the open ’g‘) but I wanted it to feel organic and natural, instead of awkward or geometric. The reverse-​taper of the serifs is another feature adapted from Schadow, as well as the default eszet. The geometric-​style ’a‘ is avail­able as an alter­nate glyph. Another set of alter­nates taken from Schadow that might be of inte­rest to German spea­kers are the sunken diereses.

Sunken diereses are avail­able via OpenType-​Feature.

Was there a masterplan at the beginning to design a big family combining display and text fonts with three optical sizes and with four widths?

There was no master plan … the family just kept growing out of control! My first focus was the Micro styles, since I wasn’t sure how much of Schadow’s perso­na­lity I needed to change in order to make it a successful text face. Once I was confi­dent with how Gimlet performed in text, I began to change the propor­tions, raise the stroke contrast, and add back some of the quirks for Gimlet Display.

Which challenges did you have to master during the design process?

I think the biggest chal­lenge for Gimlet was balan­cing the perso­na­lity and func­tio­na­lity of the typeface … paying homage to Schadow without doing a revival of it. I wanted this typeface to have a sense of humor, but I didn’t want it to be a joke. I wanted it to be a useful and versa­tile tool that speaks with a distinct voice. It was an inte­res­ting problem to figure out how to get all of the quirky details in there, but still end up with a smooth block of text and head­lines that aren’t too distrac­ting.

Why does Gimlet have no ligatures?

Besides an ’ff‘ liga­ture in some of the bolder styles, Schadow didn’t do ’f‘ liga­tures. Some­times liga­tures can look finicky, so I decided to avoid them as well. Instead I let Gimlet’s ’f‘ gets narrower as it ascends (some­thing that Schadow also does), which (combined with a long serif on the right) creates more room so the over­hang is less.

No liga­tures needed to keep a well balanced spacing behind f.

For what sizes do you recommend Gimlet Display, Gimlet Text and Gimlet Micro?

I didn’t issue specific size recom­men­da­tions for Gimlet because I wanted to desi­gners to feel confi­dent in using the styles that they feel worked best in their envi­ron­ment. Gimlet Micro will begin to look coarse and ungainly when used above text sizes, and Gimlet Display will begin to get too tight under 24 px. Beyond that, width, weight, color, and prin­ting /​ rende­ring can all play a part in the best style to use in a given situa­tion.

Which styles are suitable for long screen reading?

Assu­ming rela­tively large text and a single column, I’ll usually start with Gimlet Text. The Micro styles are a bit hardier, and are great for captions or multi-​column designs where the body text is smaller. Gene­rally, I find the wider styles to be more comfor­table for extended reading than the narrower ones. But when reading an article on a phone, the narrower styles allow an extra word or two to fit on each line, which makes for a more plea­sant reading expe­ri­ence. For text, I usually start with the Regular weight, though the Light weight is good for reading against a dark back­ground.

Can you tell some successful usecases of Gimlet in print and web?

I like that desi­gners have found a variety of ways to use diffe­rent parts of the family. For example, Robb Rice’s design of Foot­wear News uses Gimlet Display very large, adding tons of perso­na­lity to the maga­zine. Meanw­hile, Typographica’s Type Found­ries Today uses only the text size, where it commu­ni­cates much more subtly. The 2015 Typo­gra­phics Confe­rence used Gimlet as a compa­nion for Stilla, and left the perso­na­lity to Stilla. Nick Sherman thought that Gimlet was too wide for narrower screens, which is where the idea of text widths was born. Kat Ran Press also used it for a book about dogs, which I thought was great.

Are there new typefaces, you’re working at the moment?

Bungee is a typeface that celebrates the urban sign. You can adapt to horizontal or vertical text.

Bungee is a typeface that cele­brates the urban sign. You can adapt to hori­zontal or vertical text.

Output is a sans serif that was designed for interfaces.

Output is a sans serif that was desi­gned for inter­faces.

There is always some­thing! I just released Bungee recently, and you can find several previews of things on my website, inclu­ding Forma, a revival of an Italian neo-​grotesk from the Nebbiolo foundry, Fern, a huma­nist oldstyle desi­gned for the screen, and Output, a cousin to Input opti­mized for user inter­faces.

David, thank you very much!

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Hart aber Her(t)zlich

Letzten Herbst feierte das Genre der Zeitungsschriften mit der FF Hertz einen bemerkenswerten Zuwachs. Die Schriftfamilie leistet besonders im harten Brotgeschäft mit langen Texten gute Dienste. Dabei bietet sie die ein oder andere Überraschung und empfiehlt sich für viele unterschiedliche Anwendungen. Auf MyFonts.de erschien heute meine Font-​Rezension.

FF-Hertz

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Montag ist »The Pyte Typefoundry« Tag

Der norwegische Designer Ellmer Stefan veröffentlicht auf thepytefoundry.net jeden Montag einen Display-​Font. Das Projekt ist eine Hommage an die große Schriftvielfalt des 19. Jahrhunderts. Alle digitalen Schriftentwürfe basieren auf modularen Buchstabenelementen und können für jeweils 7 Tage kostenlos heruntergeladen werden.

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Ugly Business?

Antwerpen ist der weltweit wichtigste Diamantenhandelsplatz der Welt. Neben vier Diamantenbörsen sind hier etwa 1600 Diamantenfirmen angesiedelt. Als ich bei einem Stadtrundgang durch das Diamentenviertel lief, waren die Geschäfte wegen Sabbats geschlossen. Merkwürdig, die Fassaden und Beschriftungen scheinen im grassen Widerspruch zur Kostbarkeit des Rohstoffs Diamant zu stehen.

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Radeln unter Tage

radfahren unter antwerpen

Radfahren macht glück­lich, auch unter Tage in Antwer­pens Sint-​Annatunnel.

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5 praktische Werkzeuge für die rasche Schriftidentifizierung

Im Gestalteralltag taucht immer mal wieder ein unbekannte Schrift auf, die für eine akute Adrenalinausschüttung sorgt. Die wäre doch was für ein CD oder ein Magazinlayout … Guter Rat bei der Identifizierung muss nicht teuer sein, denn es gibt nützliche Helfer für umsonst. Hier stelle ich kurz 5 dieser Werkzeuge vor.

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