Tuna – eine charakterstarke Antiqua für Screen und Print

Wenn zwei Schriftgestalter mit unterschiedlichen Gestaltungsansätzen an einer Schrift arbeiten, kann man gespannt sein. Felix Braden und Alex Rütten haben das Experiment gewagt und die erfrischende Antiqua Tuna geschaffen, die im Print und auf Bildschirmen gleichermaßen gut lesbar ist. Ich hatte vor der Veröffentlichung Gelegenheit, die Schrift zu testen und Felix und Alex ein paar Fragen zu stellen.

Erster Eindruck

Als ich die Schrift­mus­ter­bei­spiele der Tuna das erste mal sah, gefiel mir sofort das infor­melle, kalli­gra­phisch anmu­tende Schrift­bild. Meine Augen konnten kaum vom breiten, herr­lich agilen kleinen e lassen oder dem schnit­tigen s wider­stehen. Und dann die flüs­sige Kursive! Nun wirkt eine Schrift in großer Darstel­lung natur­gemäß anders als im Mengen­text. Auffäl­lige Solisten treten zurück, markante Details verschwinden im orches­tralen Klang. In meinen eigenen Schriftsatz-​Mustern (6 bis 12 Punkt) wirkt der Grau­wert der Tuna fleckenlos und gleich­mäßig. Trotzdem ist das Schrift­bild lebendig, die Zeilen­bil­dung fantas­tisch und der Text hervor­ra­gend lesbar.

Konzept

Der Tuna liegt die Annahme zugrunde, dass hori­zontal betonte Buch­sta­ben­teile die Lesbar­keit einer Schrift positiv beein­flussen. Felix und Alex war die gute Lesbar­keit von Seri­fen­losen wie ›Antique Olive‹ (Roger Excoffon), ›Balance‹, ›FF Legato‹ (beide Evert Bloemsma) oder ›Signo‹ (Rui Abreu) aufge­fallen, die die waage­rechten Elemente betonen. Als Felix einen Vortrag von Alex zum Thema Bild­schirm­op­ti­mie­rung hörte, entstand die Idee, beide Konzepte zu kombi­nieren und eine cross­me­diale Text­schrift zu entwi­ckeln. Das Ziel war eine Schrift, die in Fließ­text­größen auf dem Bild­schirm genauso gut funk­tio­niert wie auf dem Papier.

Schreibtechnik und Darstellung auf der Bildschirmmatrix

Das Beson­dere an der Tuna ist die stark geneigte Schrift­achse mit einem Winkel von 40°. Durch das auf der Band­zug­feder basie­rende Konstruk­ti­ons­prinzip ergeben sich ähnliche Stärken bei den hori­zon­talen und verti­kalen Stri­chen und eine Beto­nung der Waage­rechten im Schrift­bild. Die fast gleich schweren hori­zon­talen und verti­kalen Elemente sind ideal für die Darstel­lung auf einer Bild­schirm­ma­trix, da die Buch­sta­ben­formen beim Hinting im Nach­hinein nur gering­fügig ange­passt werden müssen. Die Schrift ist in allen Schrift­graden auf dem Bild­schirm erstaun­lich konsis­tent. Der Vergleich zu Georgia und Times ist beein­dru­ckend.

Optimierung für den Bildschirm

Die Tuna ist so robust und offen gezeichnet, damit sie in allen Umge­bungen hervor­ra­gend lesbar ist – auf Papier genauso wie auf dem Monitor, dem Tablet, Smart­phone oder E-​Reader. Die stabilen Buch­sta­ben­formen und kräf­tigen Serifen halten auch widrigen Druck­be­din­gungen stand und gehen bei starker Hinter­grund­be­leuch­tung (Hell-​Dunkel-​Kontrast) auf dem Bild­schirm nicht verloren. Selbst in kleinen Schrift­graden funk­tio­niert die Schrift gut, denn die Punzen sind groß und offen gehalten und die groß­zü­gige x-​Höhe und breiten Buch­staben verhin­dern ein opti­sches Zulaufen der Weiß­räume.

Klar diffe­ren­zierte Buch­sta­ben­formen tragen dazu bei, dass Wort­bilder eindeutig erkannt und gelesen werden können. Die runden Buch­staben der Tuna sind super­el­lip­tisch ange­legt – die Kreis­bögen sind so weit wie möglich an die Recht­eck­form ange­nä­hert  und passen somit gut auf das Pixel­raster. Durch das perfekt ausba­lan­cierte Verhältnis von Schwar­zan­teilen (Buch­staben) und Weiß­raum, sowie den geringen Strich­stär­ken­kon­trast wirkt der Grau­wert gleich­mäßig und harmo­nisch.

Die Winkel besitzen ein Verhältnis von ganzen Zahlen und eignen sich gut für eine sauberes Rende­ring von diago­nalen Buch­sta­ben­ele­menten (z.B. Serifen).

Mithilfe des manuell opti­mierten TrueType-​Hintings wurde die Darstel­lungs­qua­lität in kleinen und mitt­leren Text­größen (9–14 pt) perfek­tio­niert. Tuna basiert auf einem Konstruk­ti­ons­prinzip, durch das bei kleinen Schrift­graden nur wenige Verän­de­rungen an Buch­sta­ben­formen erfor­der­lich sind. So bleibt der Charakter der Schrift in jeder Größe erhalten. Das Hinting opti­mierte Jan Gerner (Yanone) speziell für Clear­type und Direct­Write.

Ausbau der Tuna

Die Schrift­fa­milie umfasst fünf Gewichte mit jewei­ligen Kursiven: Light, Regular, Medium, Bold und Extra­bold. Aus den Mastern Light und Extra Bold wurden die drei Zwischen­stufen mithilfe von Luc(as) de Groots Inter­po­la­ti­ons­theorie gene­riert und anschlie­ßend fein abge­stimmt. Für eine knackige Überschrift-​Text-​Mischung eignen sich beson­ders Tuna Bold  /​ Tuna Regular, Tuna Medium /​ Tuna Light und Tuna Extra Bold /​ Tuna Medium.

Kursive

Die Kursive ist wunderbar kalli­gra­phisch anmu­tend. Man spürt förm­lich die zugrunde liegende schwung­volle Schreib­be­we­gung der Hand. So zum Beispiel bei den tiefen Einker­bungen des a, n, m, h, u, p, q, b, d, k und r, der Schlaufe des k und bei den gebo­genen Stri­chenden des v, w, und y. Zudem unter­stützen die weichen, abge­run­deten Serifen den flie­ßenden Duktus. Durch den kontrast­rei­cheren Charakter und die schma­lere Zeich­nung bieten die kursiven Schnitte eine gute Diffe­ren­zie­rung zur aufrechten Tuna inner­halb eines Absatzes. In großen Schrift­graden treten kalli­gra­phi­sche Details deut­lich hervor und verleihen Wörtern und Texten eine eigen­stän­dige funky Note.

Zeichensatz

Im Zeichen­koffer sind rund 720 Glyphen enthalten, darunter Kapi­täl­chen und fünf Ziffern­gar­ni­turen: Versal­zif­fern und Mediä­val­zif­fern in propor­tio­naler und gleich breiter Ausfüh­rung (z.B. für Tabellen), passende Ziffern zu den Kapi­täl­chen, sowie Ziffern für die wissen­schaft­liche Hoch- und Tief­stel­lung. Dazu gesellen sich die geläu­figsten Bruch­zif­fern und die Ordi­nal­zei­chen ª und º. Alle diese Glyphen sind über OpenType-​Funktionalität im Layout­pro­gramm wählbar. Sofern der Browser OpenType-​Funktionalitäten unter­stützt, können diese Features auch per CSS im Internet verwendet werden.

Fazit

Den beiden Schrift­ge­stal­tern Felix Braden und Alex Rütten ist ein großer Wurf gelungen. Tuna ist eine exzel­lent lesbare Text­schrift und zugleich charak­ter­starke Display­schrift mit attrak­tiven Details. Sie ist ein wahrer Allrounder für den cross­me­dialen Einsatz und eignet sich für Editorial-​Design und Buch­satz, aber genauso gut für lange Text­stre­cken auf Bild­schirm­me­dien aller Art.

 

 

Interview mit Felix Braden und Alex Rütten

Wie entstand die Tuna?

Felix: Ich bin ein großer Fan von kopf­las­tigen Schriften wie z.B. der ›Antique Olive‹ von Roger Excoffon und über­zeugt davon, dass die Beto­nung der Hori­zon­talen die Lesbar­keit fördert. Alex hat vor ein paar Jahren in Köln beim Typost­amm­tisch einen Vortrag zum Thema Bild­schirm­op­ti­mie­rung gehalten während er an einer Schrift arbei­tete. Dabei kam mir die Idee die beiden Konzepte zu verbinden und eine Lese­schrift für cross­me­diale Zwecke zu entwi­ckeln.

Alex: Vor ein paar Jahren dachte man in erster Linie an Hinting, wenn man von Bild­schirm­op­ti­mie­rung sprach. Die Idee, dass die Buch­sta­ben­formen selber einen großen Einfluss auf das Rende­ring und die Lesbar­keit am Bild­schirm haben, war nicht sehr verbrei­tetet. Das Thema wurde erst inter­es­sant, als die Unter­stüt­zung für Webfonts kam. Der Ansatz, Schriften speziell in Hinblick auf diese Anfor­de­rung zu gestalten, ist eher selten.

Es ist ungewöhnlich, dass zwei Typedesigner gemeinsam eine Schrift entwickeln. Wie seid ihr vorgegangen? Gab es auch mal Meinungsverschiedenheiten?

Felix: Aus der ersten Idee hatte ich einen Ansatz zur Schrift­ge­stal­tung entwi­ckelt, der sehr tech­nisch war. Ich hatte die Schrift am Rechner gezeichnet und ausschließ­lich mit Winkeln gear­beitet, die ideal für die Bild­schirm­dar­stel­lung sind. Die Erfah­rungen die ich Jahre vorher mit Pixel­schriften und daraus abge­lei­teten Vektor-​Fonts gemacht hatte, waren dabei sehr hilf­reich. Das Ergebnis in kleinen Schrift­graden war total über­zeu­gend und am Bild­schirm extrem gut lesbar. Leider wirkte es in besserer Auflö­sung sehr kühl, fast seelenlos. Ich habe die Schrift dann mit der Hand geschrieben und neu digi­ta­li­siert aber es half nichts: Ich hatte mich in eine Sack­gasse manö­vriert. Als ich Alex dann um Hilfe bat und er mir nach kurzer Zeit ein Rede­sign vorlegte, war ich total glück­lich.

Alex: Als mir Felix die Schrift zum ersten Mal gezeigt hat, sah sie tatsäch­lich noch gene­risch aus. Das Design hatte aber auch etwas. So dass ich gedacht habe, hier könnte sich ein zweiter Anlauf lohnen.

Meinungs­ver­schie­den­heiten gab es tatsäch­lich nur wenige. Ich denke, dass es damit zu tun hat, dass wir viele Punkte ähnlich gesehen und empfunden haben. Deshalb konnten wir oft die Kritik vom anderen nach­voll­ziehen. Ansonsten hat geholfen, dass keiner sich an Klei­nig­keiten fest­ge­klam­mert hat.

Welchen Stellenwert hat das Schreiben bzw. Zeichnen der Buchstaben im Entwurfsprozess?

Felix: Ich zeichne zwar regel­mäßig in ein Skiz­zen­buch, weil es die schnellste und einfachste Möglich­keit ist, eine Idee fest­zu­halten und kurz zu testen. Aber der Rechner hat für mich einen wesent­lich höheren Stel­len­wert im Entwurfs­pro­zess. Meine jüngsten Schriften ›Capri‹ und ›FF Scuba‹ sind auch eher konstru­ierte, tech­ni­sche Schriften und besitzen kaum orga­ni­sche, vom Schreiben abge­lei­tete Formen.

Alex: Konstru­ierte Schriften haben bei mir bis jetzt nicht sehr viel Inter­esse oder Begeis­te­rung geweckt – das ändert sich viel­leicht noch. Aber ich stehe viel mehr auf Formen, die sich aus dem Schreiben herleiten. Trotzdem verfalle ich oft genug der Bequem­lich­keit des Arbei­tens am Rechner. Wenn ich auf Papier skiz­ziere, merke ich aber wie intuitiv und schnell das ist. Hier kann man im Design-​Prozess wirk­lich viel Zeit sparen, zu unge­wöhn­li­chen Buch­sta­ben­formen kommen und einfach Spaß haben.

Wie schmal ist der Grad zwischen bestmöglicher Lesbarkeit und formaler Eigenständigkeit der Schrift?

Alex: Tatsäch­lich macht für mich vor allem diese Akro­batik den Reiz vieler Schriften und des Schrift­ge­stal­tens aus. Es gibt etwas zu entde­cken, wenn ich näher ran gehe. Wenn da nichts eigenes ist, wird es fad. Funk­tio­na­lität allein hat nicht den selben Reiz.

Felix: Headline-​Schriften dürfen durchaus einen deut­li­chen Charakter haben und Fließtext-​Schriften sollten in erster Linie funk­tional sein, also ange­nehm zu lesen. Da wir mit Tuna einen Allrounder schaffen wollten, mussten wir einen Weg finden, beide Ansprüche zu vereinen. Wir haben mit dezenten kalli­gra­fi­schen Details und Form­kon­trasten gear­beitet, die der Schrift in großen Schrift­graden einen deut­li­chen Charakter geben aber in Fließ­text­größen unsichtbar bleiben.

Tuna ist besonders für das Lesen am Bildschirm geeignet. Warum ist sie eine gute Alternative zur Georgia und anderen Screenoptimierten Schriften?

Felix: Das Beson­dere an Tuna ist die stark geneigte Schrift­achse. Dadurch sind die waage­rechten und die senk­rechten Elemente fast gleich schwer, was für die Abbil­dung auf einer Bild­schirm­ma­trix ein großer Vorteil ist. Das Groß­ar­tige ist, dass diese Art der »Bild­schirm­op­ti­mie­rung« eine ganz natür­liche ist, die nicht im Nach­hinein gemacht werden musste sondern auf dem Konstruk­ti­ons­prinzip der Buch­staben basiert. Starke Verän­de­rungen der Buch­sta­ben­formen im Hinting-​Prozess waren daher nicht nötig – dadurch ist die Schrift in allen Schrift­graden extrem konsis­tent. Vergleicht man eine hoch­auf­lö­sende Darstel­lung von Tuna mit ihrer 10px-​Version ist die Ähnlich­keit wesent­lich größer, als das bei Times und Georgia der Fall ist.

Georgia ist trotzdem eine groß­ar­tige Bild­schirm­schrift und in 10 oder 12 Pixel kaum zu verbes­sern! Aller­dings wurde sie vor zwanzig Jahren entworfen und für den Bild­schirm opti­miert. Durch die höheren Bild­schirm­auf­lö­sungen heut­zu­tage ist die reale Größe einer Schrift am Bild­schirm wesent­lich kleiner als damals und die kleinen Schrift­grade werden kaum mehr verwendet.

Alex: Die gute Georgia würde ich hier zum Vergleich nicht bemühen. Da orien­tiere ich mich lieber an zeit­ge­mäßen Schriften. Da gibt es mitt­ler­weile auch an Serifen-​Schriften vieles, was mich begeis­tert. Aber eben auch noch keine Schrift, die wie die Tuna ist!

Ich muss sagen, dass ich mit Regeln für die Qualität der Bild­schirm­dar­stel­lung mitt­ler­weile so meine Probleme habe. Ich entdecke immer wieder Beispiele von Schriften, deren Merk­male nicht die Krite­rien für eine guten Bild­schirm­dar­stel­lung haben; aber trotzdem funk­tio­nieren sie sehr gut. Da ist noch ein Faktor X am Werk oder die Auswir­kung der einzelnen Merk­male ist sehr unter­schied­lich stark. Ich habe den Eindruck, dass zum Beispiel die Eindeu­tig­keit und Erkenn­bar­keit der Buch­sta­ben­formen einen starken Einfluss hat.

Wie habt ihr die Schrift auf Praxistauglichkeit getestet?

Alex: Praxis­tests sind für mich das A und O und auch die einzige Möglich­keit, im Design-​Prozess eine solide Basis für Entschei­dungen zu haben. Ansonsten bin ich mir unsi­cher, was die genaue Ausge­stal­tung der Buch­sta­ben­form und die Zurich­tung angeht. Auch das Poten­tial einer Schrift zeigt sich hier sehr schnell. Deshalb fange ich mitt­ler­weile möglichst früh damit an, die Entwürfe in allen mögli­chen Arten von Anwen­dungen zu testen.

Felix: Ich schaue mir grund­sätz­lich schon die ersten Buch­staben, die ich gestalte, im Schrift­bild und auf unter­schied­li­chen Größen an. In der Anfangs­phase haben wir uns auf Test am Bild­schirm und im Ausdruck konzen­triert. Tobias Frere-​Jones hat auf der Typo Berlin im letzten Jahr gesagt, dass Schriften, die unter schlechten Druck- und Lese-​Bedingungen und in kleinen Größen funk­tio­nieren, auch am Bild­schirm eine gute Figur machen. Diese Erfah­rung kann ich bestä­tigen. Bei den späteren Tests, die wir am Tablet oder mit dem Smart­phone gemacht haben, mussten wir eigent­lich kaum mehr etwas verän­dern. Nur die Satz­zei­chen und die Hoch­zahlen haben wir recht spät noch einmal über­ar­beitet.

Vielen Dank, Felix und Alex und viel Erfolg für Eure Tuna!

 

Felix Braden studierte Kommu­ni­ka­ti­ons­de­sign an der Fach­hoch­schule für Kommu­ni­ka­ti­ons­de­sign in Trier und lebt seit 2003 als freier Schrif­ten­ent­werfer in Köln. 2000 grün­dete er die Freefont-​Foundry Flood­fonts. Seine kommer­zi­ellen Schriften vertreibt er über FSI Font­shop Inter­na­tional (FF Scuba), Foun­tain (Capri, Sadness, Grimoire), URW++ (Super­nor­male) und Volca­no­type (Bikini).

Alex Rütten studierte an der Fach­hoch­schule für Kommu­ni­ka­ti­ons­de­sign in Trier Typo­gra­phie. Er ist Typeface- und Interface-​Designer und Partner von Form­sport Design Studio, Berlin. Seine Schriften sind über Lino­type und FSI Font­shop Inter­na­tional erhält­lich. 2009 gewann er den TDC-​Award für seine erste Schrift »Ginkgo LT« und 2011 für »FF Suhmo«.

 

Weitere Infor­ma­tionen zur Tuna und den beiden Schrift­ge­stal­tern Felix Braden und Alex Rütten findet ihr auf der Tuna-​Microsite.

Tuna ist bei MyFonts für Desktop- und Webnut­zung erhält­lich. Neben Einzel­schnitten ist auch die Komplett­fa­milie mit 10 Schnitten zu einem vergüns­tigten Paket­preis verfügbar. Die Medium-​Schnitte sind kostenlos und frei für kommer­zi­elle Projekte verwendbar.

Pensum Pro – ein wahres Textmonster

Buchypografen aufgepasst: Mit der Pensum Pro bietet TypeMates ein vielseitiges Textmonster für lange Textstrecken an. Auf MyFonts.de stelle ich die Schriftfamilie vor und befragte deren Entwerfer Nils Thomson über ihre Entstehungsgeschichte und besonderen Merkmale.

Digitale Schriftmuster

Auf typespecimens.io findest Du eine feine Auswahl digi­taler Schrift­muster von verschie­denen Type­found­ries. Ich finde es sehr beein­dru­ckend, wie aufwendig und lecker viele Schriften mit eigenen Mini-​Websites präsen­tiert werden. Mein Tipp: GT America ist ganz vorne dabei.

Mehrer Schrift­muster als thema­ti­sche »Wimmel­bilder« und Fund­grube für wirk­lich tolle Schrift­mi­schungen präsen­tiert Hoefler & Co. Discover Typo­graphy: ameri­ka­nisch, retro und state of the art!

Schreibnvaren

Das w in alternativer Buchstabenform

In den Weiten des Buchstabenkosmos tummeln sich allerlei Exoten. Manche sind ausgesprochen seltene Spezies. Eine solche ist das eigenwillige w, das wie eine Ligatur von n und v erscheint.

Die ursprüng­liche Zeich­nung dieser w-​Form sei wahr­schein­lich auf die Fraktur zurück­zu­führen, so Florian Hardwig. Bis in die Mitte des 20. Jahr­hun­derts war dieses w in Deutsch­land häufiger anzu­treffen, wie die Fassa­den­re­klame eines Memminger Schreib­wa­ren­ge­schäfts zeigt. Heut­zu­tage besitzen aller­dings nur wenige Fonts dieses eigen­wil­ligen w. Meine Favo­riten sind FF Hertz und die für Land­karten verwen­dete Kursiv­schrift. In dieser Liste findest Du weitere Schriften.

Gimlet – im Rausch einer neuen Schriftfamilie

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Direkt vorweg: Gimlet ist heiße Anwärterin für meine Lieblingsschrift des Jahres und das auch nach dem zweiten, dritten, vierten und fünften Blick! Dass sie sich deutlich von der Masse abhebt und Texten zu einem starken Auftritt verhilft, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis hervorragender Konzeptarbeit und Handwerk. Hier stelle ich Euch die Gimlet und ihren Entwerfer David Jonathan Ross vor, mit dem ich ein sehr interessantes Interview geführt habe.

Der in New Hamp­shire lebende Desi­gner und Pro­gram­mierer David Jona­than Ross ist meiner Meinung nach einer der talen­tier­testen jungen Typen­de­si­gner aus den USA. Schon während seines Studiums am Hamp­shire College begann er Fonts zu entwi­ckeln und betreibt, nach seiner Zusam­men­ar­beit mit Font Bureau, seit Mai diesen Jahres sein eigenes Schrift-​Label DJR. Zu seinen Schriften zählen u.a. Mani­cotti, Turnip, Input, Output und Bungee.

Vor drei Jahren habe ich David geschrieben, wie begeis­tert ich von seiner Turnip sei (die Text­schrift dieses Blogs) und fragte ihn, woran er gerade arbeite. Daraufhin schickte er mir Schrift­muster einer in der Entwick­lung befind­li­chen großen Schrift­fa­milie. Ich konnte es kaum glauben: Sie basierte auf der Schadow Antiqua über die ich kurz zuvor einen Artikel geschrieben hatte. Im Mai erschien dann zum Start seines frisch gegrün­deten Schrift-​Labels die wunder­bare Gimlet!

Schadow Antiqua – Historie einer Patchworkfamilie

Die Ein­zig­ar­tig­keit der Gimlet versteht man am besten mit einem Blick auf die 1938 erschie­nene Schadow Antiqua von Georg Trump. Leider ist sie — zu unrecht, wie ich finde — in Ver­ges­sen­heit geraten und das vor allem, weil sie als Blei­satz­schrift den Sprung in die Fotosatz-​Ära nicht geschafft hat. Grob beschrieben, würde man die Schadow Antiqua als Text­schrift mit Dis­play­qua­li­täten bezeichnen. Ihre Abstam­mung von der klas­si­zis­ti­schen Antiqua zeigt sich an der ver­ti­kalen Schat­te­nachse mit Beto­nung der ver­ti­kalen Stämme. Cha­rak­te­ris­tisch sind ihre eckig ange­setzten Serifen und aus­ge­prägte Kon­traste. Das Neue daran war damals die super­el­lip­ti­sche Form der runden Buch­staben — die wenig später in der Melior wieder auf­tau­chten — und die breit pro­por­tio­nierten Buch­staben der mageren und leichten Schnitte. Obwohl man die Schadow Antiqua den sei­fen­be­tonten Anti­quas zuordnen kann, ist sie weniger modular und in vielen Details ver­spielter als zeit­ge­nös­si­sche Schriften wie Beton oder Mem­phis.

Schadow-​Antiqua Werk, Blei­satz, 36 pt

Schadow-​Antiqua mager, Blei­satz, 36 pt

Ins­ge­samt umfasst die Schrift 8 Schnitte, die über einen Zeit­raum von 14 Jahren ent­wi­ckelt und ver­öf­fent­licht wurden. Nach heu­tigen Maß­stäben würde man jedoch kaum von einer echten Familie spre­chen, denn die Schadow Antiqua wirkt formal unein­heit­lich. In jedem Schnitt gibt es unter­schied­liche Form­de­tails. Selbst Buch­staben wie das kleine ›g‹, ›k‹ oder ›ß‹ vari­ieren zwi­schen den Schnitten.

Gimlet – der Weg zur einheitlichen Formensprache

David war von Anfang an klar, dass er nicht nur eine reine Inter­pre­ta­tion der Schadow Antiqua zeichnen wollte. Statt­dessen war sein Plan, ihren freund­li­chen Charme mit einer eigenen For­men­sprache zu verbinden. So ist es ihm tatsäch­lich gelungen, aus einer Truppe indi­vi­du­eller Buch­staben ein echtes Team zu formen. Aus dem Neben­ein­ander sehr unter­schied­li­cher Schnitte schuf er eine sys­te­ma­tisch orga­ni­sierte Super­fa­milie mit drei opti­schen Größen und vier Breiten. Ins­ge­samt 112 Schnitte umfass­t die Gimlet. Im Ver­gleich zur Schadow Antiqua wirkt sie orga­ni­sch und har­mo­nisch abge­stimmt.

gimlet_specimen_9Eine Schrift mit starker Persönlichkeit: charakteristisch sind die superelliptische Grundform der runden Buchstsben, Strenge Serifen, beschwingte Kurven und kräftige Serifen

 

Dass die Gimlet so her­vor­ra­gend Zeilen bildet, ist auf die breiten Buch­staben, die großen Punzen und die sta­bilen Serifen zurück­zu­führen. Ihre Kur­sive basiert auf einer geneigten Roman (a, u, p), die durch kursiv geschrie­bene Minuskel-​Zeichen (g, v, x, z) konter­ka­riert wird. Die Dynamik des kur­siven Textes lässt sich sogar über die OpenType-​Funktion Form­satz steuern, mit der sich alter­na­tive Zei­chen­formen anwählen lassen.

Über das OpenType-​Feature Format­va­ri­anten lässt sich die Dynamik kursiver Begriffe verän­dern.

Im Fließ­text kon­tras­tiert die Kur­sive super als dezente Aus­zeich­nung, da sie ein wenig schmaler läuft, aber dem glei­chen Kon­trast­prinzip der Roman folgt. Für aktive Aus­zeich­nungen bietet sich Kapi­täl­chen an (vor­handen in der Gimlet Text und Gimlet Micro). Pro­por­tionale Versal- und Mediä­val­zif­fern, dickten-​gleiche Versal­zif­fern, Brüche, sowie hoch- und tief­ge­stellte Zif­fern unter­streichen die Viel­sei­tig­keit der Gimlet.

Der Zei­chen­koffer hält außerdem alter­na­tive Buch­sta­ben­formen bereit, von denen manche ausschliess­lich hän­disch über die Gly­phen­pa­lette aus­wählbar sind.

Gimlet on Air – die progressive Superfamilie im Praxistest

Im Einsatz wird schnell deut­lich, die Gimlet zeichnet sich, neben ihren Text- und Dis­play­qua­li­täten, über ihre Flexi­bi­lität und die skalier­bare Verwend­bar­keit aus. Egal ob Men­gen­text oder große Über­schriften, ob Print oder Screen-​Anwendung — Gimlet wirkt stets unver­braucht frisch und ist gut lesbar. Keine bekannte Schrift verfügt über ein iden­ti­sches Form­prinzip, wodurch Texte eine indi­vi­du­elle Note erhalten.

Über­ein­an­der­ge­legte Out­lines ver­deut­li­chen den Kon­trast­un­ter­schied zwi­schen Gimlet Dis­play, Text und Micro.

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Im Men­gen­text emp­fiehlt sich Gimlet Text in der nor­malen Breite oder im Narrow-​Schnitt, der etwa 6 Prozent schmaler läuft. Bild­un­ter­schriften, Fuß­noten und Klein­ge­drucktes sind das Metier der Gimlet Micro. Sie ist einen Hauch breiter und mit weniger Strich­stär­ken­kon­trast gezeichnet als Gimlet Text.

Für Über­schriften und kurze Texte über 20 pt eignet sich die Display-​Familie beson­ders gut. Sie läuft platz­sparender als Gimlet Text und ist optisch ange­passt: aus­ge­prägte Kon­traste in den Über­gängen und Bogen­ein­läufen verleihen ihr Fein­heit und Eleganz. Die Condensed- und Compressed-​Schnitte könnten für schmale Text­ko­lumnen einge­setzt werden. Wer zu lange Text­stre­cken damit setzt, gefährdet aller­dings den Lese­kom­fort, der durch die schmale Zeich­nung und geringen Weiß­räume zwangs­läufig ein­ge­schränkt ist.

Mit vier Breiten ist Gimlet bes­tens gerüstet für ver­schie­dene View­port­breiten der Bild­schirme. Im Test zeigt sich ein erstaun­lich gleich­mä­ßiges Schrift­bild der Gimlet Text und Gimlet Micro im normal breiten und im Narrow-​Schnitt. Bei groß­zü­gigem Zei­len­ab­stand ist sie ange­nehm zu lesen. Ihre Buch­staben erscheinen im Ver­gleich zu anderen Text­schriften gera­dezu riesig. Inso­fern emp­fiehlt sich für Fließ­text ein um 10 bis 15 Pro­zent ver­klei­nerter Schrift­grad.

Gimlet ist in verschie­denen Paketen als Kombi-​Lizenz (Desktop + Web + App + ePub) bei DJR.com erhält­lich oder in verschie­denen Paketen und Schnitten als Einzel- oder Mehrfach-​Lizenzen (Desktop /​ Web /​ App /​ ePub) bei Type Networks erhält­lich.

Mehr über die Entste­hung der Gimlet erfahrt Ihr hier in meinem Gespräch mit David Jona­than Ross. Viel Spaß!

 

Herzlichen Dank an Bettina Knoth für das Lektorat und die Qualitätssicherung.

Interview with David Jonathan Ross

I talked with David about Gimlet, his own type label DJR and new typefaces in progress.

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Hi David, you recently founded your own type label DJR. What was your motivation? Which meaning does the Type Network have for you?

In recent years, I have taken a more active role in the licen­sing and marke­ting of my typefaces, in addi­tion to the design and produc­tion. I have released my typefaces with Font Bureau for years, but we realized that I could take this further as an inde­pen­dent foundry. Currently, the font market is short on inde­pen­dent distri­bu­tors, which is why I am happy that Type Network exists and that it encou­raged me to join as an inde­pen­dent foundry. They have been very suppor­tive of me as I’ve under­gone this whole process.

Your new font family Gimlet draws its inspirations from Schadow-​Antiqua. Which characteristics did you transfer and what was your own infusion?

Tech­ni­cally Nick Sherman intro­duced me to it, and I had many discus­sion with both him and German desi­gner /​ educator Indra Kupfer­schmid about the nature of the design. Both helped me analyze the design and decide how to reinter­pret it. I took most of my inspi­ra­tion from the Schadow Werk style, which is quite distinct from the rest of the family. I wanted Gimlet to keep some of Schadow’s quirks (like the leg of the R‘ or the open ’g‘) but I wanted it to feel organic and natural, instead of awkward or geometric. The reverse-​taper of the serifs is another feature adapted from Schadow, as well as the default eszet. The geometric-​style ’a‘ is avail­able as an alter­nate glyph. Another set of alter­nates taken from Schadow that might be of inte­rest to German spea­kers are the sunken diereses.

Sunken diereses are avail­able via OpenType-​Feature.

Was there a masterplan at the beginning to design a big family combining display and text fonts with three optical sizes and with four widths?

There was no master plan … the family just kept growing out of control! My first focus was the Micro styles, since I wasn’t sure how much of Schadow’s perso­na­lity I needed to change in order to make it a successful text face. Once I was confi­dent with how Gimlet performed in text, I began to change the propor­tions, raise the stroke contrast, and add back some of the quirks for Gimlet Display.

Which challenges did you have to master during the design process?

I think the biggest chal­lenge for Gimlet was balan­cing the perso­na­lity and func­tio­na­lity of the typeface … paying homage to Schadow without doing a revival of it. I wanted this typeface to have a sense of humor, but I didn’t want it to be a joke. I wanted it to be a useful and versa­tile tool that speaks with a distinct voice. It was an inte­res­ting problem to figure out how to get all of the quirky details in there, but still end up with a smooth block of text and head­lines that aren’t too distrac­ting.

Why does Gimlet have no ligatures?

Besides an ’ff‘ liga­ture in some of the bolder styles, Schadow didn’t do ’f‘ liga­tures. Some­times liga­tures can look finicky, so I decided to avoid them as well. Instead I let Gimlet’s ’f‘ gets narrower as it ascends (some­thing that Schadow also does), which (combined with a long serif on the right) creates more room so the over­hang is less.

No liga­tures needed to keep a well balanced spacing behind f.

For what sizes do you recommend Gimlet Display, Gimlet Text and Gimlet Micro?

I didn’t issue specific size recom­men­da­tions for Gimlet because I wanted to desi­gners to feel confi­dent in using the styles that they feel worked best in their envi­ron­ment. Gimlet Micro will begin to look coarse and ungainly when used above text sizes, and Gimlet Display will begin to get too tight under 24 px. Beyond that, width, weight, color, and prin­ting /​ rende­ring can all play a part in the best style to use in a given situa­tion.

Which styles are suitable for long screen reading?

Assu­ming rela­tively large text and a single column, I’ll usually start with Gimlet Text. The Micro styles are a bit hardier, and are great for captions or multi-​column designs where the body text is smaller. Gene­rally, I find the wider styles to be more comfor­table for extended reading than the narrower ones. But when reading an article on a phone, the narrower styles allow an extra word or two to fit on each line, which makes for a more plea­sant reading expe­ri­ence. For text, I usually start with the Regular weight, though the Light weight is good for reading against a dark back­ground.

Can you tell some successful usecases of Gimlet in print and web?

I like that desi­gners have found a variety of ways to use diffe­rent parts of the family. For example, Robb Rice’s design of Foot­wear News uses Gimlet Display very large, adding tons of perso­na­lity to the maga­zine. Meanw­hile, Typographica’s Type Found­ries Today uses only the text size, where it commu­ni­cates much more subtly. The 2015 Typo­gra­phics Confe­rence used Gimlet as a compa­nion for Stilla, and left the perso­na­lity to Stilla. Nick Sherman thought that Gimlet was too wide for narrower screens, which is where the idea of text widths was born. Kat Ran Press also used it for a book about dogs, which I thought was great.

Are there new typefaces, you’re working at the moment?

Bungee is a typeface that celebrates the urban sign. You can adapt to horizontal or vertical text.

Bungee is a typeface that cele­brates the urban sign. You can adapt to hori­zontal or vertical text.

Output is a sans serif that was designed for interfaces.

Output is a sans serif that was desi­gned for inter­faces.

There is always some­thing! I just released Bungee recently, and you can find several previews of things on my website, inclu­ding Forma, a revival of an Italian neo-​grotesk from the Nebbiolo foundry, Fern, a huma­nist oldstyle desi­gned for the screen, and Output, a cousin to Input opti­mized for user inter­faces.

David, thank you very much!

Hart aber Her(t)zlich

Letzten Herbst feierte das Genre der Zeitungsschriften mit der FF Hertz einen bemerkenswerten Zuwachs. Die Schriftfamilie leistet besonders im harten Brotgeschäft mit langen Texten gute Dienste. Dabei bietet sie die ein oder andere Überraschung und empfiehlt sich für viele unterschiedliche Anwendungen. Auf MyFonts.de erschien heute meine Font-​Rezension.

FF-Hertz

Montag ist »The Pyte Typefoundry« Tag

Der norwegische Designer Ellmer Stefan veröffentlicht auf thepytefoundry.net jeden Montag einen Display-​Font. Das Projekt ist eine Hommage an die große Schriftvielfalt des 19. Jahrhunderts. Alle digitalen Schriftentwürfe basieren auf modularen Buchstabenelementen und können für jeweils 7 Tage kostenlos heruntergeladen werden.

5 praktische Werkzeuge für die rasche Schriftidentifizierung

Im Gestalteralltag taucht immer mal wieder ein unbekannte Schrift auf, die für eine akute Adrenalinausschüttung sorgt. Die wäre doch was für ein CD oder ein Magazinlayout … Guter Rat bei der Identifizierung muss nicht teuer sein, denn es gibt nützliche Helfer für umsonst. Hier stelle ich kurz 5 dieser Werkzeuge vor.

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