Das Detail in der Typografie

Neulich gabs hier eine kleine Umfrage zu den 5 beliebtesten Typografie‐Büchern. Eigentlich finde ich solche Top‐X‐Listen ja ein bissel blöd. Sie zwingen Dich, eine Rangfolge aufzustellen, die kurze Zeit später schon wieder Makulatur sein kann. Andererseits machen solche Vergleiche mit anderen Designern und Typo‐Maniacs natürlich auch Spass. Meine eigene Top‐5‐Liste ist wieder im Fluss, aber ein kleines, fast unscheinbar wirkendes Büchlein steht beharrlich wie der Fels in der Brandung: ›Das Detail in der Typografie‹ von Jost Hochuli.

Tat­säch­lich habe ich das Hand­buch recht spät, lange nach dem Stu­dium, für mich ent­deckt. Viel­leicht auch weil mir sei­ner­zeit ›Detail­ty­po­gra­fie‹ von Fried­rich Forss­man und Ralf de Jong als Platz­hirsch völ­lig aus­rei­chend erschien.

Das Konzept

Im Vor­wort legt der Autor die Beweg­gründe für die The­men­wahl dar: wäh­rend sich die Makro­ty­po­gra­fie mit dem Gesamt­ent­wurf, dem For­mat der Druck­sa­che, dem Satz­spie­gel, der Orga­ni­sa­tion der Ele­mente auf der Seite beschäf­tigt, wird die Mikro­ty­po­gra­fie lei­der oft ver­nach­läs­sigt (oder bewusst igno­riert). Tat­sa­che ist, dass die Qua­li­tät einer Druck­sa­che oder eines Screen­de­signs immer auch von der Sorg­falt im typo­gra­fi­schen Detail pro­fi­tiert. Gute, kom­for­ta­ble Les­bar­keit ist keine Frage des per­sön­li­chen Geschmacks und der ästhe­ti­schen Selbst­ver­wirk­li­chung. Im Gegen­teil, sie hängt stark von den Details ab, den kleins­ten Ein­hei­ten, denn da wären Buch­stabe, Buch­sta­ben­ab­stand, Wort­ab­stand, Zeile, Zei­len­ab­stand und Kolumne.

Hoch­uli ist natür­lich ein alter Fuchs im Metier und fügt hinzu, dass sein Buch kein »unfehl­ba­rer Kate­chis­mus« sei, son­dern dass Gestal­te­rIn­nen situa­ti­ons­be­dingt ange­mes­sene Ent­schei­dun­gen tref­fen wür­den.

Aufbau und Inhalte

Das 68seitige Büch­lein ist eine schmale Bro­schüre mit Klapp­um­schlag. Der Autor und Typo­graf hat das Lay­out ein­spal­tig, linear ange­legt; der Fließ­text wech­selt sich ab, mit durch rote Linien ein­ge­fass­ten Bei­spie­len. Sechs Kapi­tel füh­ren vom Buch­sta­ben als kleinste typo­gra­fi­schen Ein­heit, bis hin zur Anmu­tung unter­schied­li­cher Schrif­ten in der Kolumne.

Das erste Kapi­tel star­tet mit dem Lese­vor­gang. Wir lesen in klei­nen ruck­ar­ti­gen Bewe­gun­gen, die als Sac­ca­den bezeich­net wer­den. Anhand der Sac­ca­den­größe und -Fre­quenz las­sen sich Aus­sa­gen über die Lese­ge­schwin­dig­keit tref­fen, die als Kri­te­rium für gute (weil flüs­si­gere) Les­bar­keit her­an­zo­gen wer­den kann. Ver­än­dert man sys­te­ma­tisch typo­gra­fi­sche Details wie Zei­len­länge, Zei­len­ab­stand und Schrift­größe, so wird der Text unter­schied­lich schnell gele­sen. Der Lese­kom­fort ist also nach­weis­bar von Detail­ent­schei­dun­gen abhän­gig.

Im fol­gen­den Kapi­tel ›Der Buch­stabe‹ erfährt der Leser, warum sich künst­le­risch exal­tierte Schrif­ten nicht für lange Texte eig­nen, warum Klein­buch­sta­ben bes­ser les­bar sind als Ver­sa­lien, warum bestimmte Buch­sta­ben­for­men unsere Wahr­neh­mung aus­trick­sen. Ein kur­zer his­to­ri­scher Blick zeigt, dass kur­sive Buch­sta­ben frü­her ein eigen­stän­di­ges Alpha­bet bil­de­ten und sich im Laufe der Zeit den gera­de­ste­hen­den Buch­sta­ben immer mehr ange­gli­chen haben.

Die nächst grö­ßere Ein­heit ist das Wort, wel­ches Gegen­stand des drit­ten Kapi­tels ist. Als Maß für ein gutes Mann­schafts­spiel gilt das Auf­tre­ten als homo­ge­ner Wort­ver­band. Zwar sol­len sich alle Buch­sta­ben­in­di­vi­duen klar von­ein­an­der dif­fe­ren­zie­ren, aber ent­schei­dend ist, wie gut sie Wort­bil­der zu bil­den ver­mö­gen. Bei guten Satz­schrif­ten sind die Zei­chen in Hin­blick auf das Wort­bild und dem damit ein­her­ge­hen­den Grau­wert des Schrift­bil­des, gezeich­net. Die­ser hängt sehr stark von der Ver­tei­lung der Weiß­räume inner­halb und zwi­schen den Buch­sta­ben ab. Hoch­uli bringt hier einen Begriff ins Spiel, der mein Ver­ständ­nis für den Rhyth­mus und das Ker­nig der Buch­sta­ben revo­lu­tio­niert hat: »Wenn wir den Begriff Flä­che durch den Begriff Licht erset­zen, wird alles viel ein­fa­cher, und wir kön­nen auf unklare Begriffe, wie den des ›Rest­rau­mes der Buch­sta­ben‹, ver­zich­ten.« Danach fol­gen einige Bei­spiel für opti­schen Ver­salaus­gleich. Natür­lich darf ein Blick auf das rich­tige Ker­nig von kri­ti­schen Buch­sta­ben­paa­ren, sowie ein Abste­cher zu des Typo­gra­fen liebs­ten Kind, den Liga­tu­ren, nicht feh­len.

Das Kapi­tel ›Die Zeile‹ nimmt die Abstände zwi­schen den Wor­ten unter die Lupe und gibt Emp­feh­lun­gen für opti­male Zei­len­län­gen. Bevor es zu den Aus­gleich­mög­lich­kei­ten von Inter­punk­tio­nen ans Mikro‐Eingemachte geht, streift der Autor die gän­gigs­ten Satz­ar­ten. Etwas Ent­span­nung ver­schafft das Thema Kapi­täl­chen — InDe­signs opti­schem Kernig‐Feature sei Dank. Wer bis dato dachte, dass es nur zwei Arten von Zif­fern gibt, näm­lich Ver­sal­zif­fern und Medi­ä­val­zif­fern, wird auf den fol­gen­den Sei­ten eines Bes­se­ren belehrt.

Zei­len­ab­stand und Kolumne sind Thema des vor­letz­ten Kapi­tels. Die Wahl eines stim­mi­gen Zei­len­ab­stands hängt von meh­re­ren Fak­to­ren ab: der Schrift selbst, den Buch­sta­ben­in­nen­räu­men, der Schrift­größe und der Zei­len­länge. Je grö­ßer der Zei­len­ab­stand, desto lich­ter der Grau­wert. So banal diese Erkennt­nis ist, so maß­geb­lich ist sie doch für einen geschmei­di­gen Schrift­satz, wie die Bei­spiele anschau­lich bele­gen.

Hoch­uli schließt das Feld der Mikro­ty­po­gra­fie mit dem Kapi­tel ›Anmu­tung von Schrif­ten‹. Obwohl er schreibt, dass Schrif­ten »durch ihre For­men­spra­chen beim Leser bestimmte Gefühle aus­lö­sen«, bleibt er einer Beschrei­bung anhand eines kon­kre­ten Bei­spiels schul­dig. Statt­des­sen stellt er einen Text, in unter­schied­li­chen Schrif­ten, aber mit glei­chen typo­gra­fi­schen Para­me­ter gesetzt, gegen­über. Sein Fazit: Schrif­ten las­sen sich nur unter iden­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen ver­glei­chen (optisch glei­che Schrift­größe, glei­che Zei­len­länge, glei­cher Zei­len­ab­stand) und auf die »atmo­sphä­ri­sche« Taug­lich­keit für den Text­in­halt unter­su­chen.

 

Kritik

Da ich vom Inhalt und der Form des Buches begeis­tert bin, fällt es mir schwer, Kri­tik­wür­di­ges zu fin­den. In der Kürze liegt die Würze — die große Stärke liegt in der kom­pri­mier­ten Beschrei­bung und Dar­stel­lung der wich­tigs­ten mikro­ty­po­gra­fi­schen Regeln bzw. Emp­feh­lun­gen. In zwei­ein­halb Stun­den lässt sich das Buch gewinn­brin­gend lesen. Die Ver­knap­pung und Ver­dich­tung der Regeln ist viel­leicht das ein­zige Manko, da man­chen The­men recht ober­fläch­lich ange­ris­sen wer­den, siehe Kapi­tel ›Lese­vor­gang‹ und ›Anmu­tung der Schrif­ten‹. Ange­sichts des Unter­ti­tels »Eine kurz gefasste, prä­gnante Erör­te­rung jener Fra­gen, die sich mit der Les­bar­keit von Tex­ten befas­sen.« ist die knappe Dar­bie­tung jedoch Kon­zept und geht mei­ner Mei­nung nach in Ord­nung.

Fazit

Das Büch­lein gefällt mir, weil der Autor ver­ständ­lich schreibt und anschau­li­che Bei­spiele bie­tet. Die feine typo­gra­fi­sche Gestal­tung lie­fert zugleich den Beweis, dass Details nicht nur maß­geb­lich für eine gute Les­bar­keit sind, son­dern auch die Qua­li­tät eines Ent­wurfs deut­lich stei­gern. Natür­lich ist die Bro­schüre auch im Gro­ßen und Gan­zen edel gestal­tet: das schlanke For­mat (128 × 210 mm) lei­tet sich vom gol­de­nen Schnitt ab und schmei­chelt der Hand. Ganz in der Tra­di­tion der Buch­kunst ist es drei­far­big gehal­ten — das gebro­chene Weiß des Natur­pa­piers har­mo­niert mit dem Schwarz der Schrift und dem leuch­ten­den Rot des Vor­satz­pa­piers, der Linien und Aus­zeich­nun­gen. Die Brot­schrift Minion wirkt sou­ve­rän und ein­la­dend und wird durch die fette Futura (in Pagina und Kolum­nen­ti­tel) schön kon­tras­tiert.

Ich emp­fehle ›Das Detail in der Typo­gra­fie‹ allen, die unter den Tel­ler­rand schauen und sich einen Über­blick über die wich­tigs­ten mikro­ty­po­gra­fi­schen Regeln und Emp­feh­lun­gen ver­schaf­fen möch­ten. Hoch­u­lis Ein­füh­rung ist eine sinn­volle Vorab‐Lektüre zu Forss­mans und de Jongs ›Detail­ty­po­gra­fie‹. (Wer noch tie­fer in die Mate­rie ein­stei­gen möchte und aus­führ­li­chere Ant­wor­ten sucht, wird dort fün­dig.)

 

All­ge­meine Infor­ma­tionen
Das Detail in der Typo­gra­fie
Jost Hoch­uli
Ver­lag Nig­gli, Sul­gen, 2005,
ISBN 978−3−7212−0547−3
18 €

Auch erhält­lich als eng­li­sche Aus­gabe:
Detail in Typo­gra­phy
Jost Hoch­uli
Hyphen Press, Lon­don, 2008,
ISBN 978−0−907259−34−3