Typografie ist mehr als Erfahrung und Regelwerk

Ges­tern erschien unter designmadeingermany.de der lesens­werte Essay Typo­gra­phie Den­ken über die Denk- und Pra­xis­dis­zi­plin Typo­gra­fie. Johan­nes Steil beschreibt darin einige Bei­spiele aus dem typo­gra­fi­schen All­tag und warum der typo­gra­fi­sche Desi­gner nicht nur auf hand­werk­li­che Erfah­rung bauen son­dern auch selbst lesen und ver­ste­hen muss. Hier fasse ich die Kern­aus­sa­gen zusam­men.

Kurt Wei­de­manns Zitat »Die Typo­gra­phie ist die Kunst, von sich sel­ber abzu­se­hen.« ist recht bekannt. Ich pflichte Johan­nes Steil bei, daß diese Pole­mik Unfug ist, weil es nicht darum geht, tra­dierte Regeln stumpf zu befol­gen son­dern bewusste Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, wie man einen Text inter­pre­tiert. Er stellt drei Fra­gen, die bei der Lösungs­fin­dung eine wich­tige Rolle spie­len:

  • Will ich eine klas­si­sche Erschei­nung, die (fast) so auch ein- oder drei­hun­dert Jahre alt sein kann?
  • Will ich ganz von heute sein auf die Gefahr hin, schon nächste Woche unin­ter­es­sant zu sein?
  • Oder viel­leicht zei­gen: ich kenne die Geschichte der Gestal­tung und inter­pre­tiere die klas­si­schen Ele­mente auf eine zeit­ge­mäße Art?

Im fol­gen­den gibt der Autor eine plau­si­ble Ant­wort: »Die Schrift­wahl wird genauso von der ande­ren Seite bestimmt, von der Leser­schaft und ihren aus Gewohn­heit und Erfah­rung gewach­se­nen Erwar­tun­gen.« Was so schein­bar banal klin­gen mag, gefällt den­je­ni­gen Gestal­tern nicht, die Design als Mit­tel zur Selbst­ver­wirk­li­chung sehen. Der typo­gra­fi­sche Gestal­ter muss die Erwar­tungs­hal­tung der Leser ken­nen. Ob er diese nun bedient (und so viel­leicht auch Kli­schees pflegt) oder bewusst bricht, ist eine zen­trale Frage sei­nes Tuns.

Die letz­ten vier Absätze lesen sich wie eine Anti­these zu Wei­de­manns Zitat. »Es muss Gefühl dabei sein beim Typo­gra­phie Den­ken, denn es geht um letzt­lich will­kür­li­che Ent­schei­dun­gen.« (…) »Es gibt in der Typo­gra­phie nicht die eine rich­tige Lösung, es gibt pas­sende und unpas­sende Lösun­gen. Eine pas­sende Lösung ist eine, bei der Stim­mung und Aus­sage des Inhalts eine Ent­spre­chung in der Typo­gra­phie fin­den, sei es eine har­mo­ni­sche und ver­stär­kende Ent­spre­chung, sei es eine auf­re­gend andere oder gar ver­stö­rende. Um gute Typo­gra­phie zu machen, muss man lesen. Auch lesen.« (…) Lesen sollte ver­stan­den wer­den nicht ein­fach als die pas­sive Auf­nahme von Wör­tern, son­dern im Sinn des Durch­drin­gens des Gegen­stan­des, der Erkennt­nis der Kern­aus­sage. (…) »Außer die­ser Kopf­ar­beit bedarf es dann noch der Hand­ar­beit der schwar­zen Kunst und der Phan­ta­sie, um nicht das immer glei­che zu machen, um weder in falsch ver­stan­de­ner Tra­di­tion zu ver­stei­nern oder in stu­rer Befol­gung der Regeln in der töd­li­chen Lan­ge­weile der Ras­ter zu erstar­ren.«

Wei­tere Lite­ra­tur zum Thema:
thin­king with type, Ellen Lupton