Rückblick auf die ISIA Urbino Type Design Week 2015

Im Juli nahm ich an der ISIA Urbino Type Design Week teil. Der Intensiv-​Workshop wird seit 2011 vom »Istituto Superiore per le Industrie Artistiche« angeboten und stand, wie letztes Jahr, unter der Leitung des Type Designers, Forschers und Lehrers Fred Smeijers. Im ersten Teil berichte ich über meine Erfahrungen als Teilnehmer. Der zweite Teil ist ein Interview mit Fred Smeijers über sein Lehrkonzept und Schriftgestaltung.

Schau­platz des Work­shops war die pit­to­reske Renaissance-​Stadt Urbino. Sie trohnt auf einer Hügel­kette in der land­schaft­lich reiz­vol­len Region Mar­ken, etwa eine Stunde süd­lich von San Marino und eine Stunde west­lich der Adria­küste. So stellte ich mir zuvor eine typi­sche mit­tel­al­ter­li­che ita­lie­ni­sche Klein­stadt vor: Wuch­tige Mau­ern umschlie­ßen dicht an dicht gedrängte Häu­ser, die von engen, ver­win­kel­ten Gas­sen durch­zo­gen sind. Kleine und große Piazza, zahl­rei­ches Bars, der mäch­tige her­zog­li­che Palast Palazzo ducale und die leb­haf­ten Gesprä­che der Ein­hei­mi­schen sor­gen für medi­ter­ra­nes Flair.

Am Mon­tag mor­gen des 19. Juli tra­fen 25 Gast-​Studenten aus Ita­lien, Slo­we­nien, Polen, Öster­reich, Deutsch­land, Nie­der­lande, Groß­bri­tan­nien, USA, Dubai und Aus­tra­lien zusam­men. Das Alter lag zwi­schen Anfang Zwan­zig bis Mitte Vier­zig. Junge Stu­den­tin­nen und erfah­rene Desi­gne­rin­nen und Desi­gner erwar­te­ten voll Vor­freude das Dozenten- und Assis­ten­ten­team. Nach der Begrü­ßung durch den Orga­ni­sa­tor Jona­than Pierini über­nahm Fred Smei­jers das Wort. Er stellte uns Co-​Dozenten Eric Kin­del und die Assis­ten­ten Ric­cardo Olocco und Roberto Arista vor. Neben Orga­ni­sa­to­ri­schem erklärte er, dass der Kurs zwar den Titel »Sten­cil Type« trägt, diese aber nicht das End­ergeb­nis seien. Dann wurde wir in zwei Grup­pen auf­ge­teilt – Anfän­ger und Fort­ge­schrit­tene. Das war eine sinn­volle Sache, weil die Vor­kennt­nisse in der Gestal­tung von Schrif­ten sehr unter­schied­lich waren.

Schreiben mit Breitfeder und Tusche

Am ers­ten Tag lern­ten wir mit der Breit­fe­der und Tusche rich­tig umzu­ge­hen. Wir began­nen zunächst ein­zelne Buch­sta­ben zu schrei­ben, dann kurze Worte. Für mich war es eine klasse Erfah­rung, dass manch­mal nur eine kleine Kor­rek­tur in der Hand­hal­tung reicht, damit ein Buch­stabe end­lich gelingt. Ich hatte Spaß, in rela­tiv kur­zer Zeit merk­lich Fort­schritte zu machen. Der Tag wurde durch kleine Kaf­fee­pau­sen und eine ein­stün­dige Mit­tags­pause struk­tu­riert. In fünf Minu­ten war man im Zen­trum und konnte sich mit Crescia, Pasta, Pizza und Co. stär­ken. Die Pause war auch eine gute Gele­gen­heit, andere Kurs­teil­neh­mer ken­nen­zu­ler­nen.

Schablonenbuchstaben

Am Diens­tag ging es zunächst wei­ter mit dem Schrei­ben. Wäh­rend wir Blatt für Blatt beschrie­ben, gaben uns Fred und die Assis­ten­ten Tipps und Kor­rek­tur­vor­schläge. Dann wurde aus dem gelun­gens­ten Ergeb­nis ein kur­zes Wort mit den Buch­sta­ben ›n‹, ›i‹, ›d‹ und ›h‹ als Zeich­nung über­tra­gen und dabei opti­miert. Das gezeich­nete Wort­bild wurde anschlie­ßend ein­ge­scannt, auf ein­heit­li­che x‑Höhe ska­liert und aus­ge­druckt. Fred demons­trierte, wie die Zeich­nung als Scha­blo­nen­vor­lage dient und sepa­rate Buch­sta­ben­ele­mente mit dem Cut­ter aus einer Folie geschnit­ten wer­den. Mit­hilfe der Scha­blo­nen­for­men, einem Tupf­werk­zeug und Farb­pu­der zau­berte er in kur­zer Zeit meh­rere Buch­sta­ben aufs Papier. Ein Bogen- und Stamm­ele­ment des klei­nen ›n‹ wurde durch Dre­hen der Folie zum ›u‹. Die Scha­blo­nen waren also nur Mit­tel zum Zweck, um rasch Buch­sta­ben zu tes­ten und kurze Worte zu erstel­len.

Fred demons­triert seine Schablonenschrift-​Methode

Die gezeichneten Buchstaben dienen als Vorlage für die Schablonen

Die gezeich­ne­ten Buch­sta­ben die­nen als Vor­lage für die Scha­blo­nen

Die Scha­blo­nen­buch­sta­ben las­sen sich rasch auf das Papier brin­gen

Als Inspi­ra­tion prä­sen­tierte er his­to­ri­sche Scha­blo­nen­schrif­ten mit Fokus auf deren gra­fi­schen Qua­li­tä­ten. Zudem zeigte er uns eigene Scha­blo­nen­schrif­ten, die ihm als krea­tive Spiel­wiese die­nen. Als beson­de­res Fea­ture hielt Gast­do­zent Eric Kin­del drei hoch inter­es­sante Vor­träge über die Her­kunft, Geschichte, Ver­wen­dung und Evo­lu­tion von Scha­blo­nen­schrif­ten. Er ist Desi­gner, unter­rich­tet an der Uni Rea­ding und forscht seit mehr als 15 Jah­ren zu die­sem Thema. Gemein­sam mit Fred kura­tierte Eric 2012 die Aus­stel­lung »Bet­ween Wri­ting & Type: the Sten­cil Let­ter« in Ant­wer­pen. Und er ver­öf­fent­lichte zahl­rei­che Arti­kel und Bücher über Sten­cils and sten­cil­ling.

Links: Freds Vor­trag zur gra­fi­schen Spra­che von Scha­blo­nen­schrif­ten; Rechts: eine his­to­ri­sche Blech­scha­blone aus Eric Kin­dels umfang­rei­cher pri­va­ter Samm­lung

Der Mitt­woch ver­sprach beson­ders heiß zu wer­den, denn um 10 Uhr war es schon jen­seits der 35° C. Wir arbei­te­ten den gan­zen Tag an den Buch­sta­ben und erwei­ter­ten das Reper­toire u.a. um ›e‹, ›a‹ und ›v‹. Der Leucht­kas­ten war stän­dig von zwei, drei Stu­den­ten bela­gert, um dort Buch­sta­ben abzu­pau­sen und zu über­ar­bei­ten. Scha­blo­nen wur­den neu geschnit­ten, aus­pro­biert, manch­mal ver­wor­fen und wie­der neu geschnit­ten. Die Arbeits­at­mo­sphäre war trotz der gro­ßen Hitze locker. Aller­dings lag eine leichte Anspan­nung in der Luft, weil uns am nächs­ten Mor­gen eine Zwi­schen­prä­sen­ta­tion bevor­stand. Auf­gabe war der Begriff ›unbe­liev­a­ble‹, der eine Mischung aus gera­den, run­den und schrä­gen Klein­buch­sta­ben ent­hält. Die Buch­sta­ben soll­ten sau­ber gestal­tet und mög­lichst per­fekt zuge­rich­tet sein. Wie viele andere aus dem Work­shop, musste ich den Begriff in mei­ner Unter­kunft fer­tig machen, da der Kurs­raum bereits um 18 Uhr geschlos­sen wurde.

Am nächs­ten Mor­gen wurde es ernst. Alle scha­blo­nier­ten Wort­er­geb­nisse hin­gen neben­ein­an­der an einer gro­ßen Wand. Nun sahen wir mit einem Schlag, was jeder in den drei Tagen kre­iert hatte. Es mag ver­rückt klin­gen, aber trotz des glei­chen Arbeits­pro­zes­ses und der glei­chen Rah­men­be­din­gun­gen war jede Schrift indi­vi­du­ell. Fred ging jedes Blatt ein­zeln durch und nahm sich viel Zeit, die Form jedes Buch­sta­ben auf Qua­li­tät und Stim­mig­keit inner­halb des Wort­bil­des zu kom­men­tie­ren. Er gab wert­volle Tipps und regte Ver­bes­se­run­gen auf lockere Art an. Ich glaube kein Stu­dent hatte das Gefühl, unfä­hig zu sein, wenn ein Buch­stabe aus der Reihe fiel oder ver­schie­dene Form­prin­zi­pien noch mit­ein­an­der kon­kur­rier­ten. Und da wir im ana­lo­gen Pro­zess waren, konn­ten Feh­ler spä­ter noch gut aus­ge­bü­gelt wer­den.

Fred kor­ri­giert die Scha­blo­nen­schrif­ten der Anfän­ger­gruppe

Digitale Buchstaben

Nach der Kaf­fee­pause stand als nächs­ter Pro­gramm­teil die Ein­füh­rung in die digi­tale Schrift­ge­stal­tung an. Fred demons­trierte, wie die ana­lo­gen Buch­sta­ben als Scan in Font­Lab über­tra­gen und anschlie­ßend nach­ge­baut wer­den. Wie genial das modu­lare Prin­zip der Scha­blo­nen­ele­mente ist, wurde nun auch im digi­ta­len Pro­zess deut­lich. Ein Buch­stabe wurde nicht aus einer ein­zi­gen Form kon­stru­iert, son­dern aus ein, zwei oder drei Grund­ele­men­ten. So lies­sen sich auf ein­fa­che Weise meh­rere Buch­sta­ben erstel­len und Ände­run­gen bei einem Bogen­ele­ment rasch auf alle ande­ren Buch­sta­ben mit dem glei­chen Bogen­ele­ment über­tra­gen. Die meis­ten von uns arbei­te­ten mit Glyphs, das durch sein schlan­kes Inter­face und die kom­for­ta­blen Bear­bei­tungs­funk­tio­nen über­zeugt.

Let­ters are a team. They work tog­e­ther. It’s the team spi­rit which tells how it should work.

Am letz­ten Workshop-​Tag arbei­te­ten wir unter Hoch­druck an den Out­lines wei­ter. Die Fort­ge­schrit­te­nen hat­ten natür­lich bereits mehr Gly­phen mit dem Font Edi­tor umge­setzt. In wei­te­ren Live-​Demonstrationen zeigte Fred, wie man die Buch­sta­ben ›a‹, ›b‹, ›v‹, ›w‹ und ›r‹ aus bereits vor­han­de­nen Grund­for­men ablei­tet. Beson­ders kniff­lig waren das kleine ›s‹ und ›g‹. Diese im Grunde eigen­stän­dige Zei­chen, las­sen sich nicht direkt aus den Grund­ele­men­ten ablei­ten. Wir erfuh­ren wich­tige Tipps und wel­che Pro­bleme jeder Buch­stabe mit sich bringt, wenn er im Ver­bund mit ande­ren auf­tritt. Freds Man­tra an uns lau­tete: Buch­sta­ben sind ein Team. Sie arbei­ten zusam­men und müs­sen als Text har­mo­nisch funk­tio­nie­ren. Das gleich­mä­ßige Schrift­bild ist wich­ti­ger als extra­va­gante Ein­zel­zei­chen.

Fred demons­triert in Font­Lab wie Buch­sta­ben kon­stru­iert und zuge­rich­tet wer­den; Das kleine ›g‹ ist völ­lig eigen­stän­dig und lässt sich nicht direkt aus den vor­han­de­nen Buch­sta­ben­ele­men­ten ablei­ten

Zum Abschluss der Work­shops fand am spä­ten Nach­mit­tag die große Prä­sen­ta­tion aller Schrift­ent­würfe statt. Wie am Vor­tag ver­sam­mel­ten sich alle Stu­den­ten rund um Fred, der jede Schrift besprach, Lob ver­kün­dete und Ver­bes­se­rungs­vor­schläge unter­brei­tete. Dann über­reichte er jedem Teil­neh­mer unter gro­ßem Applaus ein Kurs-​Zertifikat. Trotz der kur­zen Bear­bei­tungs­zeit emp­fand ich die Schrift­ent­würfe beein­dru­ckend gelun­gen und eigen­stän­dig.

Die Ergeb­nisse des fünf­tä­gi­gen Work­shops kön­nen sich sehen las­sen; Links oben meine ers­ten Geh­ver­su­che in Schrift­ge­stal­tung

Zum gesel­li­gen Aus­klang der ISIA Urbino Type Design Week tra­fen wir uns am Abend in einer Piz­ze­ria. Eine wun­der­bare Woche vol­ler neuer Erfah­run­gen und Kon­takte ging zu Ende.

Mein Re­sü­mee

Mein Wunsch, die Grund­la­gen der Schrift­ge­stal­tung zu erler­nen, wurde in Urbino auf geniale Art wahr. Die fünf Work­sh­op­tage waren sehr inten­siv und hori­zont­er­wei­ternd. An kei­nem ande­ren Ort gibt es wohl eine so hoch­ka­rä­tige Mischung aus her­vor­ra­gen­dem Lehr­kon­zept, erfah­re­ner Lei­tung und enga­gier­ter Betreu­ung. Fred Smei­jers lebt für seine Beru­fung Type Design und hat mich als Per­sön­lich­keit und Desi­gner sehr beein­druckt. Sein Feuer hat sich auf die Kurs­teil­neh­mer über­tra­gen. Oft wur­den Pau­sen ein­fach aus­ge­las­sen, um mög­lichst weit vor­an­zu­kom­men. Ler­nen ist ein Pro­zess, der im bes­ten Fall über meh­rere Sinne funk­tio­niert. Freds Kon­zept aus Schrei­ben, Zeich­nen, Scha­blo­nie­ren und Digi­ta­li­sie­ren ver­bin­det die manu­elle Erfah­rung mit der Prä­zi­sion des Rech­ners. Man bekommt durch das Schrei­ben ein Gespür für For­men und Kon­traste. Durch das Scha­blo­nie­ren kommt die Balance der Weiß­räume ins Spiel. Bei der Digi­ta­li­sie­rung wer­den Buch­sta­ben fein jus­tiert und in eine ein­heit­li­che Design­spra­che gebracht. Die span­nen­den Vor­träge haben ver­deut­licht, dass Scha­blo­nen­texte einen eige­nen Platz inner­halb der Typo­gra­fie ein­neh­men.

Ein gro­ßes Lob gilt auch den vier Mit­strei­tern Eric, Ric­cardo, Roberto und Jona­than. Sie alle haben durch ihr Enga­ge­ment viel zur locke­ren und inspi­rie­ren­den Atmo­sphäre bei­getra­gen. Es war ein­fach klasse, bei Design­fra­gen so unkom­pli­zierte und kom­pe­tente Unter­stüt­zung zu bekom­men. Schön, dass die Natio­na­li­tä­ten und Alters­un­ter­schiede keine wirk­li­che Rolle im Kurs spiel­ten. So haben wir unter­ein­an­der Kon­takte geknüpft und viel über Arbeit, Kul­tur und Leben der ande­ren in den unter­schied­li­chen Län­dern erfah­ren.

Meine Sicht­weise auf Typo­gra­fie hat sich in die­ser Woche gewan­delt, denn die Kri­te­rien für eine her­vor­ra­gende Schrift sind mir nun noch deut­li­cher gewor­den. Und es macht rich­tig Spaß, aus hand­ge­zeich­ne­ten Buch­sta­ben eine Schrift zu erstel­len.

 

Leseempfehlungen:
Offizielle Website ISIA Urbino Type Design Week
Type Design Week 2014 (review at ilovetypography.com by Jonathan Pierini)
Ausstellung »Between Writing & Type: the Stencil Letter« (Rückblick catapult)
Ausstellung »Between Writing & Type: the Stencil Letter« (Rückblick eye)
OurType (Fred Smeijers Type Foundry)

 

2 Kommentare

  1. Johann am 2.11.2015

    Wann erscheint die Glaab Serif?

  2. Peter am 4.11.2015

    In 14 Jah­ren? Im Ernst, wenn dann ent­werfe ich eine Schrift nur für mei­nen eige­nen Haus­ge­brauch. Es gibt schon viel zu viele schlechte, geklonte Text-​Schriften, die über­flüs­sig sind. Im Type Design Work­shop habe ich eine Ahnung bekom­men, wie anspruchs­voll die Gestal­tung einer Anti­qua ist, die a) ästhe­tisch über­zeugt, b) gut les­bar ist (gleich­mä­ßi­ger Grau­wert) und c) etwas »Neues« mit­bringt.