Virtuosa – Hermann Zapfs erste Schreibschrift

Im aktuellen Grafikdesign begegnen uns überall Schreibschriften. Sie sind Ausdruck von Spontanität, Spaß und Individualität. Dabei geht die Vielfalt der Schreibschriften weit über das Lettering an der Fassade von hippen Cafés oder über handgekritzelte Produktnamen auf Bio‐Food‐Verpackungen hinaus. Das vorliegende Schriftmuster stellt die Virtuosa vor, eine feine, kalligraphische Schrift, die in der Tradition der englischen Künstlerschreibschriften steht.

Her­mann Zapf ist nicht nur für seine Optima, Pala­tino und Zapf Ding­bats berühmt, son­dern auch für seine aus­la­dende Schreib­schrift Zap­fino. Ihre Vor­läu­fe­rin war die bereits Jahr­zehnte vor­her, ab 1948 von ihm ent­wi­ckelte kal­li­gra­phi­sche Vir­tuosa.

Die Vir­tuosa wirkt ele­gant, wenn auch etwas weni­ger ver­spielt und auf­rech­ter als andere Schrif­ten des Gen­res Künst­ler­schreib­schrif­ten, wie bei­spiels­weise Bick­ham Script. Mit ihren nahen Ver­wand­ten teilt sie geschwun­gene Schnör­kel­for­men bei den Groß­buch­sta­ben, feine Haar­li­nien, Kon­trast­be­to­nung der Stämme und trop­fen­för­mige Abschlüsse bei c, s und x.

Her­mann Zapf musste den Duk­tus der Vir­tuosa aller­dings an die tech­ni­schen Beschrän­kun­gen des Blei­sat­zes anpas­sen. Die Let­tern ver­mei­den die für diese Schrift­art sonst übli­chen Über­hänge, damit sie auf die Blei­ke­gel pas­sen. Zudem feh­len die für den flie­ßen­den Duk­tus typi­schen naht­lose Anschlüsse.

Das Foto zeigt Groß­buch­sta­ben aus einer Gar­ni­tur der Vir­tuosa I im Schrift­grad 48 Punkt.*

Zapf ent­warf zwei Vari­an­ten der Schreib­schrift: Vir­tuosa I (1952) hat ver­schnör­kel­tere Ver­sa­lien im Gegen­satz zur Vir­tuosa II (1953), wäh­rend die Klein­buch­sta­ben iden­tisch sind. Die im Schrift­bild ruhi­gere Vir­tuosa II war dem­nach für län­gere Text­pas­sa­gen vor­ge­se­hen. Die kom­ple­xe­ren Groß­buch­sta­ben der Vir­tuosa I eig­ne­ten sich beson­ders als Initia­len und Schmuck­ver­sa­lien für den Anti­qua­s­atz. 1957 erschien die fet­tere Fas­sung Vir­tuosa kräf­tig.

Das vor­lie­gende Schrift­mus­ter ist eine sechs­sei­tige Falt­bro­schüre für den spanisch‐ und eng­lisch­spra­chi­gen Markt und wurde ca. 1953 von der Schrift­gie­ße­rei D. Stem­pel AG ver­öf­fent­licht. Die kal­li­gra­phi­sche Vir­tuosa unter­streicht durch ihre feine Aus­strah­lung die Exklu­si­vi­tät der bei­spiel­haf­ten Spei­se­karte. Die Zier­schrift war in ers­ter Linie für Akzidenz‐Anwendungen, wie bei­spiels­weise Ein­la­dun­gen, Urkun­den und kurze Texte vor­ge­se­hen.

Schrift­probe Vir­tuosa I und II in „Schreib­schrif­ten“, Schrift­mus­ter der D. Stem­pel AG, ca. 1955
Eine Ent­wurfs­skizze der Vir­tusoa kräf­tig.**

Nach mehr als 50 Jah­ren ent­warf Akira Koba­ya­shi gemein­sam mit Her­mann Zapf ein Revi­val. Vir­tuosa Clas­sic von Lino­type unter­liegt nicht mehr den tech­ni­schen Beschrän­kun­gen des Blei­sat­zes son­dern ist eine „durch­gän­gige“ Schreib­schrift mit ver­bun­de­nen Anschlüs­sen. Die OpenType‐Schrift beinhal­tet die Glyphen‐Varianten bei­der Bleisatz‐Garnituren. Zudem zahl­rei­che Alter­na­tiv­zei­chen für eine Reihe von Klein­buch­sta­ben sowie Liga­tu­ren.

Vir­tuosa Clas­sic von Lino­type: Die ver­bun­de­nen Anschlüsse der Klein­buch­sta­ben sind auf­fäl­ligs­ter Unter­schied zur Blei­satz­schrift.

Hoch­auf­ge­löste Scans der Vir­tuosa und wei­tere Schrift­mus­ter fin­dest Du bei flickr.

* Vie­len Dank für das Foto an Klaus Neu­kirch vom Bleisatzmagazin‐Rheinland. Diese und wei­tere Bleisatz‐Garnituren der Vir­tuosa und ande­rer Schrif­ten kön­nen dort erwor­ben wer­den.
** Abbil­dung aus dem Aus­stel­lungs­ka­ta­log „Her­mann Zapf – cal­li­gra­pher, type‐designer and typo­gra­pher“, The Con­tem­porary Arts Cen­ter, Cin­cin­nati Art Museum, 1960