Die Balance des Weißraums

Eine der wichtigsten Aufgaben in der Typografie ist das bewusste Balancieren von Weißraum. Über die Buchstabenabstände, Wortzwischenräume und den Zeilenabstand steuert man den Grauwert, abhängig von der Schriftgröße

Kleine Schrift — größere Weißräume

Hin und wie­der erge­ben sich in einem Lay­out wegen zu lan­ger Texte Platz­pro­bleme. Viel­leicht ist man in der glück­li­chen Lage, den Text selbst kür­zen zu dür­fen oder kann dies an den Tex­ter zurück­spie­len. Wenn das nicht geht, hilft even­tu­ell eine Ver­klei­ne­rung von Text­blö­cken.

Beim Ver­klei­nern von Text ändert sich aller­dings der Grau­wert, denn der Weiß­raum im Text — Buch­sta­ben­zwi­schen­raum, Wort­ab­stand und Zei­len­ab­stand — geht ein klei­nes Stück weit ver­lo­ren. Mit zwei klei­nen Ein­grif­fen ver­bes­sert man nun die Les­bar­keit:

  • Mehr Lauf­weite
    Grund­sätz­lich soll­ten kleine Schrift­grö­ßen unter 8 bis 9 Punkt etwas mehr Lauf­weite erhal­ten. Der Wert hängt immer von der Schrift selbst ab. Man­che Schrif­ten sind von Haus aus schon recht luf­tig und benö­ti­gen nur wenig zusätz­li­che Lauf­weite. Andere Schrif­ten, die bei­spiels­weise eher schmale Buch­sta­ben besit­zen, benö­ti­gen hin­ge­gen mehr Lauf­weite. Der Buch­sta­ben­zwi­schen­raum ist der kleinste Leer­raum im Text.
  • Mehr Zei­len­ab­stand
    Der Zei­len­ab­stand ist der größte Leer­raum im Text­block. Daher sollte man ihn behut­sam ver­grö­ßern.

kleine-schrift_mehr-luft

Im Bei­spiel wurde der Text auf 75 % ska­liert. Links ist die 1:1 Ska­lie­rung, rechts die opti­mierte Fas­sung: Die Lauf­weite wurde in InDe­sign um 20/​1000 Geviert (bzw. um 4/​1000 Geviert in Quar­kX­Press) erhöht und der Durch­schuss* um 2,75 0,6 pt ange­ho­ben.

Das Ergeb­nis ist ein luf­ti­ge­rer Text, der in der Anmu­tung deut­lich näher am Ori­gi­nal ist. Zwar benö­tigt man etwas mehr Raum. Das ist aber ange­sichts der ver­bes­ser­ten Les­bar­keit abso­lut in Ord­nung.

Große Schrift — kleinere Weißräume

Bei rich­tig gro­ßen Über­schrif­ten im Maga­zin oder auf einem Pla­kat wirkt ein Wort oder kur­zer Text oft zu luf­tig. Die Buch­sta­ben­zwi­schen­räume wur­den vom Schrift­de­si­gner für nor­male Lese­grade in kur­zer Distanz opti­miert. Hier sind sie aber deut­lich zu groß, denn das Ver­hält­nis von Schwarz (Buch­stabe) und Weiß ist unaus­ge­wo­gen: Der Weiß­raum ist zu aktiv.

Die Lösung: Lauf­weite redu­zie­ren und das Ker­ning von kri­ti­schen Buch­sta­ben­paa­ren nach­jus­tie­ren. Auch hier gibt es keine Standard-​Regel. Die Abstände müs­sen bei jeder Schrift indi­vi­du­ell ein­ge­rich­tet wer­den. Grund­sätz­lich ver­meide ich, dass sich Buch­sta­ben, bei­spiels­weise an den Seri­fen, berüh­ren. Aber manch­mal ist gerade das ein bewuss­ter Effekt. Für Über­schrif­ten eig­nen sich spe­zi­elle Display-​Fonts, die detail­rei­cher gezeich­net sind und schma­ler lau­fen.

Laufweite in InDesign

Das Maß für Lauf­weite und Ker­ning ist das Geviert. InDe­sign lässt als kleinste Ände­rung 1/​1000 Geviert zu. Im Zei­chen­menü ent­spricht die Zahl ›1‹ 1/​1000 Geviert. Quar­kX­Press hin­ge­gen ist weni­ger fein. Hier ent­spricht die Zahl ›1‹ 1/​200 Geviert. 5 InDesign-​Einheiten sind dem­nach 1 Quark-​Einheit.

InDesign-Zeichenpalette

Links: das Ker­ning, rechts: die Lauf­weite

Ich emp­fehle die Laufweiten-​Voreinstellung von InDe­sign auf den Wert 5 zu ver­rin­gern (Stan­dard 20). Damit kann man Ände­run­gen wesent­lich fei­ner jus­tie­ren. Mit­hilfe der Tas­ta­tur geht eine Ände­rung ganz schnell. Den Text mar­kie­ren (min­des­tens zwei Zei­chen) und Lauf­weite anpas­sen oder den Text­cur­sor zwi­schen zwei Zei­chen set­zen und das Ker­ning ändern:

  • Lauf­weite erhö­hen /​ ver­rin­gern: Alt + Pfeil nach rechts /​ links
  • Lauf­weite um den Fak­tor 5 erhö­hen /​ ver­rin­gern: Alt + Com­mand + Pfeil nach rechts /​ links
* Der Begriff Durchschuss stammt aus dem Bleisatz: er bezieht sich auf den Abstand von Buchstabenkegeln im Bleisatz. Im digitalen Satz entspricht der Durchschuss dem Leerraum zwischen Unterkante der p‑Linie zur Oberkante der H‑Linie eines Buchstabens in der folgenden Zeile.

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Schriftmuster Bodoni

Die Schriftgießerei D. Stempel AG hatte als Klassizistische Schrift eine Bodoni im Programm. Neben den Handsatz-​Schnitten wurden in der kleinen Schriftmuster-​Broschüre auch Linotype-​Bleilettern für den Maschinensatz beworben.

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Spurensuche in Oberfranken

Den Alltag vergessen, abschalten, genießen. Das kann man besonders gut im Gottesgarten. Die herrliche Gegend rund um Bad Staffelstein bietet abwechslungsreiche Landschaften, viel Kultur und Wellness. In fast jedem Dorf laden Brauerei-​Gasthöfe zur Rast ein mit leckeren Bieren und fränkischer Küche. Bodenständig zeigt sich auch die regionale Typografie. Als ich neulich dort wanderte, sprangen mich Beschriftungen am Wegesrand an. Manche wirkten rustikal, andere unfreiwillig komisch oder hatten reichlich Patina.

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Schriftmuster der Kompakt

1954 zeichnete Hermann Zapf die Reklameschrift Kompakt für die Stempel AG in Frankfurt. Charakteristisch sind die kantigen Umrissformen, kräftigen Stämme und teils recht ausgeprägten Serifen. Trotz ihres sehr dunklen Grauwertes spiegelt sich in den Details eine feine Lebendigkeit. Typisch Zapf eben. Beitrag zu Ende lesen

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FF Franziska – Jakob Runge über die Neuveröffentlichung seiner Schriftfamilie

Letztes Jahr veröffentlichte der Designer Jakob Runge seine Masterthesis-​Schrift Franziska im Eigenvertrieb. Die hochwertige Antiqua-​Schrift hat in der Typo-​Szene viel positive Resonanz geerntet. Zwischenzeitlich konnte Jakob FontFont von den Qualitäten seiner Franziska überzeugen, wo sie in Kürze als Teil der FontFont-​Bibliothek erscheinen wird. Für mich Anlass, ein exklusives Vorab-​Interview mit dem sympathischen Schriftgestalter zu führen.

Jakob Runge ist spe­zia­li­siert auf die Ent­wick­lung von Schrif­ten und Wort­mar­ken für Cor­po­rate und Edi­to­rial Design. Nach dem Stu­dium im Fach­be­reich Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign an der Fach­hoch­schule Würz­burg (BA) und der Muthe­sius Kunst­hoch­schule in Kiel (MA) arbei­tet er aktu­ell in Mün­chen als selb­stän­di­ger Schrift- und Mar­ken­ge­stal­ter sowie typo­gra­fi­scher Bera­ter. Gemein­sam mit Nils Thom­sen betreibt er das junge Schrift­la­bel TypeMa­tes.

Jakob, Deine Schrift Franziska hast Du bislang selbst vermarktet, am kommenden Mittwoch erscheint sie als FF Franziska beim Berliner Label FontFont. Welche Idee steckt hinter Deiner Schrift?

Die Aus­gangs­idee der Fran­ziska war schlicht und ein­fach: Ich wollte mal eine Text­schrift machen — sozu­sa­gen als Gesel­len­stück — um zu ler­nen, wie ich eine zurück­hal­tende und funk­tio­nale Schrift mit künst­le­ri­schen For­men in Ein­klang bringe und letzt­lich auch ein gan­zes Sys­tem aus Gewich­ten und Aus­zeich­nungs­schnit­ten orga­ni­sie­ren kann. Meine Mas­ter­the­sis an der Kunst­hoch­schule in Kiel war dazu eine gute Gele­gen­heit: Ich hatte Zeit und u.a mit Albert-​Jan Pool einen Betreuer, der mir viele Kniffe bei­brin­gen konnte. Im Feld der Text­schrif­ten mit Seri­fen, also dem was wir oft gesetzt in Antiqua-​Schriften lesen, habe ich mir dann noch einige kon­zep­tio­nelle Punkte gesetzt, um der Fran­ziska einen eige­nen Cha­rak­ter zu geben. Ideen, die letzt­lich auch Font­Font über­zeugt haben, die Schrift zu publi­zie­ren.

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Schrift – eine typografische Spurensuche

Schrift ist … ja was ist sie eigentlich? Die SWR2-​Hörfunksendung »Das Auge liest mit« liefert Antworten von etablierten Typografen, wie Judith Schalansky, Friedrich Forssman und Erik Spiekermann.

Der Bei­trag beleuch­tet teil­weise typo­gra­fi­sche All­ge­mein­plätze, hält aber auch span­nende Aus­sa­gen für Gestal­ter und Typo­n­erds bereit. Hier geht’s zur Sen­dung (Stream /​ Down­load /​ Manu­skript). Herz­li­chen Dank für die­sen Tipp nach Stutt­gart an Jan .-)

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Helvetica Black XXL

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Manuelles Ausgleichen von Versalbegriffen

Hin und wieder ist das manuelle Feintuning eines versal gesetzten Wortes gefragt, beispielsweise bei einer plakativen Überschrift. Mit dem Trick von Cyrus Highsmith* gelingt der harmonische Ausgleich garantiert; nur ein wenig Zeit und Geduld ist erforderlich.

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Type ist Image. Der paradoxe Erfolg der Helvetica als CI-​Schrift.

Con­vair 340 am Lon­don Heathrow Air­port, 1955; Foto © RuthAS

Nur wenige Schriften polarisieren in der Designszene so stark wie die Helvetica. Es gibt die Gruppe der Designer, die sie abgöttisch verehrt. Der Rest hält sie für die Inkarnation der Langweile und würde sie freiwillig niemals einsetzen. Egal wie man zur Helvetica steht – man kann sich ihrer nicht entziehen. Sie begegnet uns tagtäglich auf Verpackungen, in Zeitschriften, in Büchern, in der Werbung, in Todesanzeigen, im Fernsehen oder im iOS-​Interface. Und sie ist eine demokratische Schrift: auf vielen PCs vorinstalliert, können auch Nicht-​Gestalter mit ihr arbeiten. Beitrag zu Ende lesen

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