Bilder als Beweismittel

Aus Sicht der Gestalter umfasst der Bildbegriff alle visuellen Zeichen; ob Foto, ob Text, ob Symbol oder Grafik — sie alle besitzen bildhafte Ausdrucksqualitäten, die entweder visuell sichtbar oder imaginär sind. Im folgenden verwende ich den Begriff Bild als Synonym für das fotografische Bild (materielles Abbild).

Das Sprich­wort »Ein Bild sagt mehr als tau­send Worte.« stimmt nicht: Bil­der sind keine »ein­deu­ti­gen Sym­bol­kom­plexe« (1) son­dern gene­rell mehr­deu­tig. Bil­der sind bedeu­tungs­of­fen und somit inter­pre­tier­bar. Ihre Bedeu­tung wird erst durch Text und Kon­text geformt und ihre Inter­pre­ta­tion ist abhän­gig vom Erfah­rungs­ho­ri­zont des Betrach­ters. Das Bild eines Bau­mes kann in unter­schied­li­chen Asso­zia­ti­ons­ar­ten gedeu­tet wer­den: es kann eine bestimmte Schwarz­kie­fer an einem bestimm­ten Stand­ort zu einer bestimm­ten Zeit sein, es kann eine Abs­trak­tion für die Pflan­zen­art Nadel­baum sein, es kann ein Sym­bol für Holz im All­ge­mei­nen sein …

In den Medien hat die Ver­wen­dung eines Bil­des einen gro­ßen Ein­fluss auf die Rele­vanz einer Nach­richt oder eines Pres­se­be­richt­erstat­tung. Wie bereits im Essay erwähnt, sind Bil­der »Doku­men­ta­tion einer Wirk­lich­keit« und Teil einer kol­lek­ti­ven Wirk­lich­keits­re­pro­duk­tion (2). Ein Ereig­nis, von dem es kein Bild gibt, hat nicht statt­ge­fun­den. Der Medien- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Chris­tian Schicha kommt zu der Erkennt­nis: »Die Über­zeu­gungs­kraft liegt in erheb­li­chem Maße schon im Ein­satz der Bil­der selbst.« (3) Die bloße Ver­wen­dung eines Bil­des kann die Glaub­wür­dig­keit eines Ereig­nis­ses bereits nach­hal­tig unter­strei­chen. Ob es sich bei einem sol­chen Spur­bild * um ein retu­schier­tes Foto, eine nach­ge­stellte Szene oder eine Bild­mon­tage han­delt, soll hier keine Rolle spie­len (das sind The­men nach­fol­gen­der Arti­kel).

Bilder als Legitimationshilfe für den Irak-​Krieg

Die US-​Administration unter dem ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten George W. Bush war Anfang 2003 voll auf Kriegs­kurs gegen Sad­dam Hus­sein ein­ge­stellt. Um den Ein­marsch im Irak zu legi­ti­mie­ren, musste der dama­lige US-​Außenminister Colin Powell eine Rede vor der UN-​Versammlung hal­ten und Beweise für angeb­li­che Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen prä­sen­tie­ren. Er zeigte unter ande­rem Satel­li­ten­fo­tos von Last­wa­gen mit angeb­li­chen mobi­len Biowaffen-​Labors. Obwohl die Prä­sen­ta­tion inter­na­tio­nal sehr skep­tisch bewer­tet wurde, besa­ßen die Satel­li­ten­fo­tos aus mei­ner Sicht ein gewis­ses Über­zeu­gungs­po­ten­tial: sie wur­den von Spio­na­ge­sa­tel­li­ten auf­ge­nom­men, deren wich­tigste Auf­gabe es ist, Ver­bor­ge­nes auf­zu­de­cken: the medium is the mes­sage. Zudem wur­den die Satelliten-​Aufnahme mit Bild­un­ter­schrif­ten ver­se­hen, die bereits eine schein­bare Kau­sa­li­tät erzeu­gen. Der Betrach­ter wird zum ver­meint­li­chen Mit­wis­ser.

Wie sich spä­ter her­aus­stellte, fan­den ame­ri­ka­ni­sche Waf­fen­in­spek­teure nach der Inva­sion kei­ner­lei Beweise für die Exis­tenz von bio­lo­gi­schen, che­mi­schen oder ato­ma­ren Waf­fen im Irak.

Anmer­kung zum Teaser-​Motiv: Die Ver­schwö­rungs­theo­rie zur Mond­lan­dung ist nach wie vor recht popu­lär: es wird behaup­tet, dass die Mond-​Aufnahmen in einem Stu­dio insze­niert wur­den, weil die NASA angeb­lich nicht in der Lage gewe­sen wäre, zum dama­li­gen Zeit­punkt die Mis­sio­nen tech­nisch über­haupt durch­füh­ren zu kön­nen.

Quellen:
1 Vilém Flusser, Stefan Bollmann (Hrsg.). Medienkultur. Frankfurt 1997
2 Haus der Geschichte der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, (Hrsg.). Bilder, die lügen. Begleit­buch zur Aus­stel­lung. Bonn 2000
3 Chris­tian Schicha. Bild­ma­ni­pu­la­tion. Visu­elle Stra­te­gien am Bei­spiel poli­ti­scher Motive. Vor­trag an der Uni Marburg, 8.11.2006
* Spurbild: Ein Bild ist nicht das Ereignis selbst sondern eine Spur des Ereignisses, das auf die Wirklichkeit verweist. Im Journalismus werden den Spurbildern Dokumentaraufnahmen und Reportagen zugerechnet. Vgl. Christian Doelker. Ein Bild ist mehr als ein Bild. Stuttgart 2002

Belles Lettres

Unter dem geschmei­di­gen Namen Bel­les Let­tres erscheint das Online­ma­ga­zin und Video-​Pod­cast für Sprach­kunde und Sti­li­stik. Die bei­den Macher sind Daniel Schol­ten (Redak­tion: Pod­cast und Inhalt) und Rúna Gís­la­dót­tir (Schreib­fee). Nach eige­ner Defi­ni­tion rich­tet sich die Web­site »an alle, die es beim Umgang mit der deut­schen Spra­che genau neh­men müs­sen oder wol­len, nicht nur an Auto­ren und Leser von Schönlitera­tur«. Neben aktu­el­len und prak­ti­schen Fra­gen zur Sti­lis­tik und Gram­ma­tik gibt es auch lesens- und sehens­werte Bei­träge zum Thema Ortho­gra­fie und Detail­ty­po­gra­fie.

Webfontday 2011 in München

Der im letz­ten Jahr erst­mals ver­an­stal­tete Web­font­day der tgm, kam bei den Besu­chern so gut an, dass nun erfreu­li­cher­weise eine Fort­set­zung folgt. Es geht um den Ein­satz von Web­schrif­ten, deren Mög­lich­kei­ten und Beschrän­kun­gen, um die tech­ni­schen und lizenz­recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen.
Das Pro­gramm bestrei­ten Exper­ten aus den Berei­chen Web­de­sign, Typede­sign, Pro­gram­mie­rung und Schrif­ten­ver­trieb. Der Web­font­day fin­det am 19.11.2011 in Mün­chen statt. Wer Inter­esse hat, sollte nicht zu lange mit der Anmel­dung war­ten, da die Ver­an­stal­tung letz­tes Jahr kom­plett aus­ge­bucht war. Mehr Infos unter: www.webfontday.de

Briefmarken: kleine typo-​grafische Perlen

Her­vor­ra­gende Brief­mar­ken hat die Kat Ran Press zusam­men­ge­tra­gen. Wer wis­sen möchte, wie Erik Spie­ker­manns Brief­mar­ken für die nie­der­län­di­sche Post aus­se­hen, wird hier fün­dig. Zu fast jeder Brief­marke oder deren Gestal­ter wer­den Schrif­ten gezeigt. Viel Spass beim Stö­bern!