Dem attraktiven Et-​Zeichen auf der Spur

Eines der formal attraktivsten Schriftzeichen fristete in vielen Fonts ein trauriges Dasein: das Et-​Zeichen (&). Früher gab es davon wunderschöne Formvarianten, oft auch parallel in einem Text verwendet. Zur Freude der Typografen bieten einige Fonts mittlerweile wieder sehr verspielte Et-​Zeichen.

Bedeutung

Das Et-​Zeichen reprä­sen­tiert das Wört­chen »und« (latei­nisch »et«) und ist for­mal eine Ver­schmel­zung der Buch­sta­ben e und t. Heut­zu­tage spricht man auch vom Kauf­män­ni­schen Und-​Zeichen oder ein­fach nur vom Und-​Zeichen.

Entstehung

Das Et-​Zeichen wurde im 1. Jahr­hun­dert n. Chr. von Mar­cus Tul­lius Tiro, dem Sekre­tär und Skla­ven Cice­ros, erfun­den. Tiro ent­warf sein eige­nes Sys­tem von Abkür­zun­gen, um Cice­ros Reden mit­schrei­ben zu kön­nen. Diese alt­rö­mi­sche Kurz­schrift ist seit dem 16. Jahr­hun­dert unter dem Begriff Tiro­ni­sche Noten bekannt.


Das von Tiro erfundene Et-​Zeichen ist in der ursprünglichen Form heute noch in Irland gebräuchlich.*

Verwendung in der Typografie

Das Et-​Zeichen kam frü­her in fast allen euro­päi­schen Schrift­spra­chen vor. Seine his­to­ri­sche For­men­viel­falt ist bemer­kens­wert, kein Ver­gleich zu den »unin­spi­rier­ten, plumpe(n) Bre­zeln«**, die in den meis­ten zeit­ge­nös­si­schen Fonts ent­hal­ten sind.

Früher wurde das Et-​Zeichen auch in Fließtexten in verschiedenen Formen verwendet, um die Literatur abwechslungsreicher zu gestalten. Das Werk Nobiltà di dame von Fabritio Caroso aus dem Jahr 1600 ist dafür ein schönes Beispiel.

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Guillemets und andere Besonderheiten in der französischsprachigen Typografie

Seit einem guten Jahr habe ich das Vergnügen, das Deutsche Forum für Kunstgeschichte Paris typografisch betreuen zu dürfen. Die Gestaltung ist meistens zweisprachig. Ein Spielplatz für Mikrotypografie!

Im Ver­gleich zum deutsch­spra­chi­gen Text­satz ist fran­zö­si­sche Detail­ty­po­gra­fie etwas auf­wen­di­ger ein­zu­rich­ten. Sie lässt sich aber mit­hilfe von GREP in InDe­sign gut bewerk­stel­li­gen. Die fol­gen­den Emp­feh­lun­gen basie­ren auf einem Blog­bei­trag der Über­set­ze­rin Andrea Alver­mann. Falls Du fran­zö­si­sche Texte im Detail auf andere Art behan­delst, freue ich mich über einen Kom­men­tar.

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Ugly Business?

Antwerpen ist der weltweit wichtigste Diamantenhandelsplatz der Welt. Neben vier Diamantenbörsen sind hier etwa 1600 Diamantenfirmen angesiedelt. Als ich bei einem Stadtrundgang durch das Diamentenviertel lief, waren die Geschäfte wegen Sabbats geschlossen. Merkwürdig, die Fassaden und Beschriftungen scheinen im grassen Widerspruch zur Kostbarkeit des Rohstoffs Diamant zu stehen.

Spurensuche in Oberfranken

Den Alltag vergessen, abschalten, genießen. Das kann man besonders gut im Gottesgarten. Die herrliche Gegend rund um Bad Staffelstein bietet abwechslungsreiche Landschaften, viel Kultur und Wellness. In fast jedem Dorf laden Brauerei-​Gasthöfe zur Rast ein mit leckeren Bieren und fränkischer Küche. Bodenständig zeigt sich auch die regionale Typografie. Als ich neulich dort wanderte, sprangen mich Beschriftungen am Wegesrand an. Manche wirkten rustikal, andere unfreiwillig komisch oder hatten reichlich Patina.

Manuelles Ausgleichen von Versalbegriffen

Hin und wieder ist das manuelle Feintuning eines versal gesetzten Wortes gefragt, beispielsweise bei einer plakativen Überschrift. Mit dem Trick von Cyrus Highsmith* gelingt der harmonische Ausgleich garantiert; nur ein wenig Zeit und Geduld ist erforderlich.

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D45 G3HT J4 W1RKL1CH!

Man­che Dinge muss man lesen, um zu ver­ste­hen, zu wel­chen groß­ar­ti­gen Leis­tun­gen unser Gehirn fähig ist. Zum Bei­spiel die­sen auf den ers­ten Blick kryp­tisch wir­ken­den Satz:

Ehct ksras! Gmäeß eneir Sutide eneir Uvinisterät,ist es nchit witihcg, in wle­cehr Rne­flog­heie die Bsta­chu­ebn in eneim Wort snid, das ezni­ige was wcthiig ist, das der estre und der leztte Bst­ab­chue an der ritihcegn Pstoiin snid. Der Rset knan ein tto­aelr Bsin­öldn sein, ted­z­torm knan man ihn onhe Pemo­blre lseen. Das ist so, weil wir nicht jeedn Bsta­chu­ebn enzelin leesn, snde­ron das Wort als gze­ans enkre­enn. Ehct ksras! Das ghet wick­lirh! Und dfüar ghneen wir jrhla­eng in die Slhcue!

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Führe Schafe nicht in Versuchung

Der typo­gra­fi­sche Gestal­ter besitzt eine große Ver­an­wor­tung gegen­über der Bot­schaft und der Ziel­gruppe. Seine Auf­gabe ist es, eine ange­mes­sene typo­gra­fi­sche Über­set­zung zu fin­den. Dabei geht es um mehr als eine pas­sende Schrift­wahl und gefäl­lige Pro­por­tio­nen. Inhalt­li­che Gewich­tun­gen müs­sen sich in typo­gra­fi­schen Hier­ar­chien wider­spie­geln. Wich­tige Infor­ma­tio­nen müs­sen prio­ri­siert wer­den, wäh­rend gleich wich­tige Inhalte nicht dif­fe­ren­ziert wer­den dür­fen. Denn Hier­ar­chien sind Aus­druck von Macht­ver­hält­nis­sen. Diese poli­ti­sche Dimen­sion steckt in jeder Form schrift­lich fixier­ter Kom­mu­ni­ka­tion. Ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel für miss­lun­gene typo­gra­fi­sche Gestal­tung war ein Papier­bo­gen, der den Lauf des Welt­ge­sche­hens ändern sollte.

Der US-​Präsidentschaftswahlkampf 2000

Im Herbst des Jah­res 2000 kämpf­ten der Repu­bli­ka­ner George W. Bush und der Demo­krat Al Gore um die US-​Präsidentschaft. Beide Kan­di­da­ten lie­fer­ten sich ein hei­ßes Kopf-​an-​Kopf-​Rennen, das auf der Ziel­ge­rade zur Farce wurde. Eine Ursa­che für das dama­lige Wahl­chaos war das kom­pli­zierte ame­ri­ka­ni­sche Wahl­sys­tem, bei dem nicht die Wäh­ler direkt abstim­men kön­nen. Statt­des­sen ist für die Beru­fung des US-​Präsidenten die Anzahl der Wahl­män­ner­stim­men aus­schlag­ge­bend. Die Wahl­män­ner wer­den den Bun­des­staa­ten nach ihrer Ein­woh­ner­zahl zuge­wie­sen. Für den Chef­pos­ten im Wei­ßen Haus benö­tigte einer der Kan­di­da­ten min­des­tens 270 Stim­men.

Zunächst schien Bush das Ren­nen zu machen, bis im Süden der USA Unstim­mig­kei­ten auf­tra­ten. Flo­rida wurde zum Brenn­punkt des Gesche­hens, da seine Wahl­män­ner­stim­men die Wahl ent­schei­den wür­den. Cor­pus Delicti war der Wahl­zet­tel des Ver­wal­tungs­be­zirks County Palm Beach. Um den vie­len älte­ren Bür­gern eine bes­sere Les­bar­keit des Wahl­zet­tels zu bie­ten, ver­grö­ßerte man die Schrift­dar­stel­lung. Diese gut gemeinte Maß­nahme führte jedoch zu einer miss­ver­ständ­li­chen Anord­nung der Kan­di­da­ten­rei­hen­folge. Die Liste musste auf zwei Spal­ten auf­ge­teilt wer­den, die leicht ver­setzt war. Al Gores Name tauchte an zwei­ter Stelle auf, direkt unter George W. Bush. Doch wegen des »Schmetterling-​Designs« musste der Wäh­ler das dritte Loch durch­boh­ren, um Gore seine Stimme zu geben. Als Folge wur­den im County Palm Beach 19120 Stim­men ungül­tig gezählt und viele Stim­men falsch zuge­ord­net.

Der Lochkarten-​Stimmzettel sollten eine schnelle Lesbarkeit durch Computer gewährleisten. Der Wähler musste den Stimmzettel in die sogenannte Wahlkladde schieben (ein Rahmen mit einer gelben Lochleiste) und ein Loch neben das Namensfeld des Kandidaten bohren. Weil sich die Namen der zehn Präsidentschaftskandidaten in größerer Schrifttype nicht in einer Spalte unterbringen ließen, wurden sie zweispaltig und leicht versetzt angeordnet. Durch das vorgegebene »Schmetterlings-​Design«, das es in Florida nur in Palm Beach gab, führte George W. Bush die linke Spalte vor Al Gore an. Gegenüber stand leicht versetzt der Name Pat Buchanans von der Reformpartei. Obwohl Gores Name an zweiter Stelle auftauchte, musste zur Wahl das dritte Loch von oben in den Stimmzettel gebohrt werden. Viele Wähler, die bei Pat Buchanan zupieksten und dann den Fehler bemerkten, bohrten daraufhin ein zweites Loch bei Al Gore, was die Ungültigkeit des Stimmzettels zu Folge hatte.

 

In den fol­gen­den fünf Wochen ent­brannte ein hef­ti­ger Streit zwi­schen Anhän­gern der Repu­bli­ka­ner und der Demo­kra­ten um die Recht­mä­ßig­keit der Stimm­ab­ga­ben. Ver­schie­dene Nach­zäh­lun­gen von Hand wur­den durch­ge­setzt und durch rich­ter­li­che Ver­fü­gun­gen wie­der gestoppt. Schließ­lich setzte das oberste Bun­des­ge­richt dem Trei­ben ein Ende: mit 5 zu 4 Stim­men lehn­ten die Ober­rich­ter die Hand­aus­zäh­lung von mehr als 40.000 unkla­ren Voten ab. Die Judi­ka­tive befand, dass die Zeit für eine »ver­fas­sungs­kon­forme Lösung« der unkla­ren Abstim­mungs­lage abge­lau­fen sei. Der demo­kra­ti­sche Kan­di­dat Al Gore konnte lan­des­weit und mög­li­cher­weise auch in Flo­rida die Stim­men­mehr­heit der Wäh­ler für sich ver­bu­chen. Doch sei­nem Her­aus­for­de­rer George W. Bush wurde ein offi­zi­el­ler Vor­sprung von 537 Stim­men (0,009%) bei 6 Mil­lio­nen Wäh­lern in Flo­rida zuge­spro­chen. Mit den resul­tie­ren­den 25 Wahl­män­ner­stim­men bekam er ins­ge­samt eine Stimme mehr, als er zum Sieg benö­tigte. Die Fol­gen der Prä­si­dent­schaft des George W. Bush sind uns bekannt.

Quellen:
SPIEGEL 46/​2000, SPIEGEL 51/​2000
www.wahlrecht.de

 

Typographica. Schrift-​Empfehlungen, Buch-​Rezensionen, Kommentare

Typo­gra­fie erlebte in den letz­ten Jah­ren in der Design­szene einen klei­nen Boom. Die Gründe sind viel­fäl­tig und für mich nicht ein­deu­tig erklär­bar. Eine der Gründe ist aber die inter­na­tio­nal ver­netzte Typo-​Szene, die sich in zahl­rei­chen Blogs, Foren und via Social Web aus­tauscht. Zu den qua­li­ta­tiv bes­ten Foren zählt Typo­gra­phica, her­aus­ge­ben von Ste­phen Coles (u.a. Fonts in Use). Es wer­den neue und hoch­wer­tige Schrif­ten von bekann­ten Type-​Designern und New­co­mern vor­ge­stellt. Die rezen­sierte Buch­aus­wahl ist recht über­schau­bar aber emp­feh­lens­wert. In unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den erschei­nen sehr lesens­werte Arti­kel und Kom­men­tare über Schrift und Typo­gra­fie im All­ge­mei­nen und Spe­zi­el­len.

Im neu­es­ten Bei­trag wer­den die Top 50 Schrif­ten 2011 vor­ge­stellt, aus­ge­wählt durch Autoren, Dozen­ten, Type-​Designern und Typo­gra­fen.

Webdesign ist 95 % Typografie

Gerade zurück vom Web­font­day in Mün­chen, schwir­ren mir noch viele Dinge zu Web­fonts und Screen-​Typografie durch den Kopf. In Kürze mehr dazu. Ganz und gar pas­send zu die­sen The­men ist die­ses Inter­view von Elliot Jay Stocks mit Erik Spie­ker­mann. Wenn es um redak­tio­nelle Inhalte geht, arbei­ten Web Desi­gner und Typo­gra­fi­sche Desi­gner letzt­lich ähn­lich:

»A Typo­gra­phic Desi­gner starts to look at the copy. So what is your smal­lest ele­ment — the copy, maybe even the foot­no­tes. And then you go up from there. Whe­reas the Gra­phic Desi­gner has an image in his or her head. Like you know, this page is gonna look wha­te­ver — blue and so wob­bly. And the Gra­phic Desi­gner will make this page look blue and wob­bly. And wha­te­ver it will mean it takes.
As a Typo­gra­phic Desi­gner you first define the type — the actual type its­elf. The size, the lea­ding and then you move upwards. And you have a column. And then you say, how many hier­ar­chies do I have? So I work mys­elf up from the first decision, which is pro­bably the copy, like 9 point or wha­te­ver 12 or in my case 4.5 mil­li­me­tres or some­thing. And then ever­ything works out from there. This is exac­tly how Web Desi­gners have always worked any­way.«

Hier geht’s zum Video.

Ich finde es amü­sant, dass erst jetzt vie­len Web­de­si­gnern klar wird, dass Web­de­sign viel mehr mit (Mikro-) Typo­gra­fie zu tun hat, als Ihnen je bewusst war. Oli­ver Rei­chen­stein hat das ges­tern auf dem Web­font­day in sei­nem bemer­kens­wer­ten Vor­trag auf den Punkt gebracht: »Web­de­sign ist 95 Pro­zent Typo­gra­fie.«

Wei­tere lesens­werte Bei­träge zum Thema Typo­gra­fie im Web­de­sign: Blog von Elliot Jay Stocks